Regisseur Xavier Giannoli schuf mit „Die Erscheinung“, ab 15.3. in unseren Kinos zu sehen, einen ungewöhnlichen, aber sehenswerten Film, der von der Sehnsucht des (post-)modernen Menschen handelt, an Wunder zu glauben. Großteils wie ein Krimi inszeniert, wirft der Film Lichter auf interessante Themenkomplexe und kann sich dabei auf hervorragende Darstellerleistungen und einen gelungenen Soundtrack verlassen.

Kriegsreporter Jacques Mayano (Vincent Lindon) hat eine schwere Zeit hinter sich: Sein Kollege fiel in Syrien einem Bombenattentat zum Opfer, er selbst kam noch halbwegs glimpflich mit einem Gehörschaden davon. Als er sich wieder halbwegs erfangen hat, bekommt er einen ungewöhnlichen Auftrag aus dem Vatikan: Er soll eine behauptete Marienerscheinung in einem französischen Dorf untersuchen, von der die jugendliche Anna (Galatea Bellugi) berichtet, die dadurch einen vom örtlichen Priester befeuerten Pilger-Kult anfacht. Mayano, selbst nicht gläubig, fragt sich, warum man gerade ihn für diesen Auftrag auserwählt hat, nimmt ihn aber schließlich an, und reist in das inzwischen zum internationalen Pilgerort verkommene Dörfchen. Er weiß noch nicht, dass der Trip auch für ihn der Beginn einer seelischen Reise sein wird…

Jaques Mayano (Vincent Lindon) bekommt im Vatikan einen seltsamen Auftrag // „Die Erscheinung“

Thematisch scheint Giannolis Film aus der Zeit gefallen – wie viele aktuelle Filme beschäftigen sich schon mit (christlichem) Glauben? Die „moderne“ Aufbereitung (die detektivische Suche der skeptischen Journalisten nach der Wahrheit) bewirkt aber, dass „Die Erscheinung“ alles andere als altbacken wirkt. Lobend zu erwähnen sind zu allererst die Schauspieler, allen voran Vincent Lindon, der mit seiner herrlich zurückgenommenen Darstellung des immer leicht gequält wirkenden Reporters eine wahre Glanzleistung abliefert. Aber auch die italienische Schauspielerin Galatea Bellugi, die die vermeintliche Seherin Anna mimt, steht ihm um nichts nach.

Der wunderbare Soundtrack unterlegt die großteils gelungenen Einstellungen mit klassischen Tönen, aus der Verbindung ergeben sich mehrere sehr gelungene Sequenzen, die das Geschehen für den Zuschauer auch emotional erfahrbar machen. Will man etwas bemängeln, müsste es der Schnitt bzw. die Laufzeit sein: Vor allem in der ersten Hälfte des Films gibt es einige Längen, die durch stringentes Editing hätten verhindert werden können, mit nahezu 2 Stunden 20 Minuten wirkt der Film um zirka 20 Minuten zu lang.

Anna (Galatea Bellugi) wurde eine Marienerscheinung zuteil – oder lügt sie?

Was aber den besonderen Reiz von „Die Erscheinung“ ausmacht, ist, dass es der Film versteht, viele aktuelle Themen anzusprechen (auch die Flüchtlings-Thematik in Verbindung mit den herrschenden Zuständen in den Herkunftsländern spielt eine Rolle), wovon das interessanteste die Frage nach dem Stellenwert des Glaubens in einer säkularisierten und sinnleeren Welt ist. Protagonist Mayano ist gezeichnet vom Leben, und anfangs kaum empfänglich für die transzendenten Anwandlungen von Anna. Im Laufe des Films wird aber seine Sehnsucht sichtbar, an etwas glauben zu können, das über das Weltliche hinausgeht, und das ihm, dem stets Suchenden, Trost spenden könnte. Er wird am Ende des Films natürlich nicht zum Gläubigen bekehrt, und „Die Erscheinung“ versucht auch gar nicht, Religion und Glaube als „Weg zur Erlösung“ darzustellen. Aber zumindest scheint es für Mayano, durch seine Erfahrungen mit Anna, die Erkenntnis zu geben, dass es möglich ist, dass das Leben mehr zu bieten hat, als das direkt Sicht- und Erfahrbare.

Fazit:

Mit „Die Erscheinung“ schuf der französische Regisseur Xavier Giannoli einen sehenswerten und auch ungewöhnlichen Film, der Fragen nach Glauben, der Möglichkeit und Sinnhaftigkeit desselben aufwirft. Er gibt keine Antworten, stellt aber ein interessantes Thema auf vielschichtige Art und Weise dar, und kann sich zudem durch tolle Schauspielleistungen und einen gelungenen Soundtrack auszeichnen.

Bewertung:

8 von 10 Punkten

von Christian Klosz

Bilder: © Filmladen Filmverleih

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