Einst waren sie das Tabuthema Nummer eins, doch mittlerweile haben sich Drogen in allen Gesellschaftsschichten etabliert und sogar den großen Sprung nach Hollywood geschafft. Exzesse, Tränen und medial verarbeitete Skandale sind die Folge. Das aber nicht nur die Betroffenen unter der Nachwirkung der Substanzen leiden, sondern auch der gesamte Umkreis mit den Folgen zu kämpfen hat, zeigt der Film „Beautiful Boy“, in dem sich der Belgier Felix van Groeningen dem Thema von einer sehr menschlichen Seite widmet und das Leben und Leiden der amerikanischen Familie Sheff portraitiert, die mit der Drogensucht ihres Sohnes Nic umgehen muss, die insbesondere die Vater-Sohn – Beziehung auf eine harte Probe stellt.

von Cliff Brocker
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Anders als vergleichbare Genrewerke erlebt der Zuschauer hier aber keine alkoholgeschwängerten und adrenalinberauschten Partynächte, nur um am nächsten Morgen der Katerstimmung und der Suche nach dem nächsten Schuss beizuwohnen. Nein – „Beautiful Boy“ zeigt vielmehr die individuellen Ausprägungen, und das es eben nicht nur Menschen aus zerrütteten Familien treffen kann. Verkörpert wird Nic dabei vom aufstrebenden Jungstar Timothée Chalamet, der durch seine verträumten Augen und sein unschuldiges Antlitz perfekt in die Rolle des Sohnes passt. Egal ob er gedankenversunken der Wirkung seiner gerade injizierten Substanz frönt oder mit gebrochener Stimme um Erklärung ringt; vorrangig eingesetzte close-ups seines Charakters konfrontieren den Zuschauer immer wieder mit seiner eindringlichen Mimik. Chalamet hat ein unerhörtes Maß an Talent und kann mit seiner Darstellung des identitätssuchenden Teenagers mühelos an bisherige Leistungen anknüpfen.

Ihm gegenüber steht zumeist Steve Carell, der seinen Vater David spielt. Carell, den die meisten als amerikanische Version von Stromberg aus der US-Erfolgsserie „The Office“ kennen werden, beweist in diesem Film, dass er mehr kann als unpassende Witze in noch unpassenderen Situationen vom Stapel zu lassen. Der besorgte Familienvater überzeugt sowohl in den leisen, als auch in den lauten Momenten und kann die breite Palette an Gefühlen überzeugend darstellen. Generell verfügt der Film über ein ausgedehntes Spektrum an Emotionen und verläuft quasi simultan zur Abfolge einer Abhängigkeit. Ist er in einem Moment noch voller Hoffnung und Lebensfreude, verfällt er plötzlich in ein schwarzes Loch und offenbart das hässliche Gesicht einer Suchterkrankung.

Unterstützt wird die jeweilige Stimmung von einem harmonisch ausgewählten Soundtrack, der von atmosphärischem Indie-Rock bis hin zu krachendem Grunge reicht. Highlight der musikalischen Untermalung ist aber ohne Zweifel eine Szene, in der Nic im Auto gen Sonnenuntergang fährt und die amerikanische Songwriterin Zola Jesus ihr außergewöhnliches Organ zu „Wiseblood“ erklingen lässt. Ein absoluter Gänsehautmoment, von denen van Groeningens Werk einige zu bieten hat.

Grundsätzlich gibt es wenige Momente, in denen das Drama die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu verlieren droht. Auch wenn sich bestimmte Phasen wiederholen, die Gründe der Suchterkrankung in ihrer Beleuchtung etwas zu kurz kommen und die Story in ihren zwei Stunden nicht mit Siebenmeilenstiefeln voranschreitet – Langeweile kommt alleine aufgrund der packenden Geschichte nicht auf. Einzig die zeitversetzte Erzählweise sorgt besonders anfangs für Irritationen. Hier wäre eine chronologische Abhandlung der Ereignisse dem Sehvergnügen sicherlich zuträglich gewesen. Angesichts der Stärken verliert sich diese Kritik aber in der Gesamtbetrachtung, beinahe so wie sich der Zuschauer in den Augen Chalamets verlieren kann.

Fazit:

„Beautiful Boy“ ist weit mehr als eine filmische Moralpredigt über die negativen Auswirkungen des Drogenkonsums. Fernab vom stets erhobenen Zeigefinger präsentiert sich das Werk als bewegende Geschichte über die Familie, den Zusammenhalt und die Hoffnung. Verpackt in großartige Bilder und Töne positioniert sich der Film als emotionales Drama, das letztlich eines beweist: egal wie groß die Verfehlungen auch sein mögen – in den Augen einer Familie bleibt ein Sohn für immer eins: ein wundervoller Junge.

Bewertung:

8 von 10 Punkten

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Bilder: ©NFP

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