Brian de Palma polarisierte mit seinen Filmen seine ganze Karriere: Von den Anfängen als amerikanischer Adapteur der europäischen Autorenfilm-Welle und Hitchcock-Interpret, New Hollywood-Vorreiter, Entdecker von Robert De Niro bis hin zu seinen Versuchen, seine inszenatorische Handschrift ins US-Mainstreamkino zu tragen – sein kompromissloser Zugang war stets von Kontroversen und Skandalen begleitet; die einen sahen in ihm ein Regie-Genie, der es wie kaum ein anderer im US-Kino verstand, mit der Kamera und seinen Bildern zu spielen (u.a. Pauline Kael und Rober Ebert als prominenteste Fans), während andere in seinem Œuvre eine Ansammlung von Sadismus, Misogynie und Oberflächlichkeit zu entdecken glaubten.

von Christian Klosz

In den letzten Jahren war es tatsächlich ruhig um den bald 80-Jährigen geworden, das sehenswerteste Lebenszeichen schufen andere mit der liebevollen Hommage „De Palma“ im Jahr 2016. Seit dem Jahr drehte De Palma auch an „Domino“, seinem neuesten Film, der beinahe in der Produktionshölle versandete, bis er kürzlich doch noch – in stark gekürzter und verunstalteter Form – in den US-Kinos zu sehen war. Für den europäischen Markt wurde der Film sogleich auf BluRay verbannt, die Veröffentlichung ist für Ende August geplant. Der US-Release war abermals von Kontroversen begleitet, „Domino“ erhielt fast durchwegs schlechte Kritiken. Das Ganze gipfelte in einen kleinen Posse, als Paul Schrader, ein New Hollwood-Kumpane De Palmas, ein Statement veröffentlichte, in dem er De Palmas Werk als „künstlerisch schwach“ bezeichnete.

Was kann man nun von „Domino“ erwarten? Vorweg: Die Kritiker-Verrisse sind nicht adäquat. Der Film ist wahrlich kein Meisterwerk, aber auch kein Komplettreinfall, bietet für De Palma-Aficionados einige seiner trademark-shots und gelungene Einstellungen, wobei man ab und an den Eindruck hatte, der Meister werkte hier mit angezogener Handbremse. Und die Differenzen in der Post-Produktion werden dem Film wohl auch nicht gut getan haben. Inhaltlich erwartet den Zuschauer eine klassische, kleine, aber feine Revenge-Story um einen Kopenhagener Cop, dessen Kollege von einem islamistischen Terroristen getötet wird.

Wie zumeist legt De Palma sein Hauptaugenmerk auf die visuelle Komponente. Insbesondere den Schlussszenen ist eine interessante Farbgebung eigen, die mitunter an Nicolas Winding Refn erinnert. Der große Schwachpunkt von „Domino“ ist die zu dünne Story. In Kombination mit der eingeschränkten künstlerischen Freiheit und der fehlenden Mitsprache beim Schnitt wirkt der Film etwas gar knapp. Für De Palma sind seichte Plots an sich kein Drama, wenn er die Freiheit bekommt, diese durch visuelles Storytelling auszugleichen: Das war hier offensichtlich nicht der Fall. Im Vergleich zu anderen Werken wirkt „Domino“ auch zu „geradlinig“ erzählt, die gewohnten Irreführungen, Umwege und Ambivalenzen sind kaum vorhanden. Auch das mag mit der Tatsache zu tun haben, dass De Palma beim finalen Schnitt kein Mitspracherecht mehr hatte.

Fazit:

Alles in allem ist „Domino“ ein solider, wenn auch nicht mehr als durchschnittlicher Rache-Thriller geworden, dem die Zähne gezogen wurden, die ihm spürbar fehlen. Für Fans des Regisseurs bietet der Film doch knapp 90 Minuten gute Unterhaltung, insgeheim wünscht man sich aber, dass er, der auch nicht mehr der Jüngste ist, noch zumindest einmal die Möglichkeit bekommt, sein volles Können auszuschöpfen. Mit einem ordentlichen Drehbuch, den nötigen finanziellen Mitteln und fähigen und wohwollenden Kollaborateuren – so wie es sein Kritiker Paul Schrader mit dem großartigen „First Reformed“ vorgemacht hatte.

Bewertung:

6 von 10 Punkten

„Domino“ erscheint am 22. August bei uns auf BluRay und DVD. Ihr könnt den Film HIER vorbestellen.

Werbeanzeigen