Erst letztes Jahr rief das Remake von „Suspiria“ das einst populäre italienische Horrorkino wieder ins kollektive Gedächtnis. Neben dem Urheber des Originals, Dario Argento war hier in den 70er und 80er Jahren Lucio Fulci ein weiterer großer Name.

Von Daniel Krunz

Wie sein Kollege/Konkurrent schuf Fulci visuell ausschweifende, buchstäblich gewaltige Werke, die in der kritischen Rezeption aber durchaus schärfer beäugt wurden. Zu Lebzeiten bewegte sich der gelernte Mediziner stets im Schatten des gefeierten Genies, Lucio Fulci bleibt auch nach seinem Tod im Jahre 1996 eine umstrittene Figur, hinterlässt aber unumstrittene Klassiker des Horrorgenres und eine stets wachsende Fangemeinde. Zu seinen Großtaten zählt zweifellos „Das Haus an der Friedhofsmauer“, ein eigenwilliges Gemenge aus Schauerromantik und Zombie-Schlock.

Historiker Norman soll den mysteriösen Selbstmord seines Amtsvorgängers untersuchen und mietet sich dafür mit Frau und Kind just in der Stätte des Freitods ein, einer Villa in Neu England, gelegen am Rande eines Friedhofs. Söhnchen Bob sieht den Umzug mit gemischten Gefühlen, denn bereits im Vorfeld dazu erscheint dem Knaben ein geheimnisvolles kleines Mädchen, das ihn vorm Betreten dieses Hauses warnt. Die Begegnungen werden als kindliche Fantasie abgetan und die Familie bezieht unbesorgt ihr neues Eigenheim, doch bald empfängt nicht mehr nur Bob ominöse Vorzeichen.

Ähnlichkeiten zu „The Amityville Horror“ oder „The Shining“ sind erkennbar, doch bleiben oberflächlich, denn abseits von Trends und Genrekonventionen trägt der Film aus dem Jahre 1981 die unverkennbare Handschrift des Regisseurs. Lucio Fulci wurde oft Geschmacklosigkeit attestiert, Stillosigkeit kann man dem Filmemacher aber kaum vorwerfen. Wie schon in vergangenen Arbeiten beweist er all das handwerkliche Können, das er sich in seiner damals bereits über dreißig Jahre umfassenden Karriere angeeignet hatte und formuliert in seiner ganz persönlichen Formsprache zwischen panoramischen Totalen und extremen Close-Ups ein aufrüttelndes Stück Weltkino.

In „Quella villa accanto al cimitero“, so der Originaltitel, veredelt er altbewährte Stilmittel des gepflegten Grusels, wie düstere Herrenhäuser und verwitterte Friedhöfe mit der Fulci-typischen Härte und Trostlosigkeit. In Huldigung seines größten literarischen Vorbilds H.P. Lovecraft beschwört er die stete Präsenz eines nahenden Unheils und sorgt trotz des zugegeben minimalistischen Plots für durchgehende Spannung und das vielzitierte Gänsehautfeeling. Wie so oft in seinem Gesamtwerk ist es die urmenschliche Angst vorm Tod, die Fulci in einer bluttriefenden Allegorie verhandelt. Denn natürlich macht er  auch hier seinem Spitznamen „Godfather of Gore“ alle Ehre; kübelweise Blut und Beuschel werden in sehr effektiven praktischen Effekten verarbeitet, die auch fast vierzig Jahre später zu begeistern und verstören wissen.

Die grafischen Dekonstruktionen der menschlichen Anatomie sind aber nur Kleckse auf der pastellfarbenen Palette des visuellen Spektrums, die nichtsdestotrotz prominent platziert sind. Doch ein nicht minder dominanter Grusel-Garant sind die subtilen Anteile der Schreckgeschichte. In herbstlichem Trübsal weicht die Ruhe vor dem Sturm allmählich dem wütenden Fegefeuer, wenn das dunkle Kellergewölbe zum Purgatorium stilisiert wird. Die kindliche Unschuld der jungen Protagonisten steht der traurigen Gewissheit des Verderbs gegenüber und wird zum gefundenen Fressen für den fleischgewordenen Tod. Hierbei fasst auch der Regisseur seine Kinderdarsteller nicht mit Samthandschuhen an, geht gewohnt kompromisslos, doch auch überraschend verträumt vor. Die Harmonie des Heimlichen und Unheimlichen ergießt sich in heißkalten Schauern und ertönt im unverzichtbaren Soundtrack von Walter Rizzati, der mit seinen an Kirchenorgeln und Spieluhren gemahnenden Kompositionen mehr erzählt, als die bewusst naiven Dialoge es vermögen.

Ob „Das Haus an der Friedhofsmauer“ nun mehr darstellt, als ein stylisches Schau(er)stück, darüber scheiden sich die Geister, ersteres lässt sich aber schwer widerlegen. Die herbe Mischung aus zeitlosem Gothic-Horror und 80s-Splatter erweist sich als geglücktes Experiment, dessen symbolträchtigen Anknüpfungspunkte zum interpretatorischen Sinnieren einladen. Wie die Nebelschwaden um das morbide Anwesen verhüllt Fulci seine wahren Intentionen und taucht das Machwerk in eine intensive Traumsphäre, die keiner Schlüssigkeit bedarf.


TIPP: Wer nun Lust bekommen hat, den Film auf der Leinwand zu erleben, sei eingeladen, ihn im Rahmen der „Til Midnight Movies“ im Schikaneder Kino in Wien zu sehen. Am 8. September ab 22:00 gibt es dazu eine ausführlichere Einführung von unserem Autor Daniel Krunz, in der noch mehr über die Hintergründe zu Fulcis Arbeit zu hören sein wird, sowie eine exklusive Videobotschaft der Darstellerin Silvia Collatina, die in dem Film besagtes Mädchen mimt und sich direkt an das Wiener Publikum wendet!

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