Wer Festivalbesuche in europäischen Mittel- und Großstädten gewohnt ist, kennt auch deren kuratorischen Zugang: Man richtet sich stets an ein großes, internationales Publikum, empfängt Journalisten, Kritiker, Branchenangehörige und Interessierte mit offenen Armen, mehrsprachige Filmvermittlung und Texte auf Englisch gehören zum guten Ton. Dass dieser bei uns für selbstverständlich gehaltene Zugang purer Luxus ist, beweist zum Beispiel ein Besuch am Film Festival Haifa, das vom 12. bis 21.10. an der wunderbaren israelischen Hafenstadt stattfindet.

Wenngleich das Programm sehr international und durchaus mainstreamtauglich ist („Ford vs. Ferrari“, „The Lighthouse“, „The Souvenir“, „Martin Eden“, die Tarantino-Doku „QT8“, um nur ein paar Highlights zu nennen) und eine gute, positive Atmosphäre herrscht, wird das internationale Publikum – sofern es solches überhaupt gibt – im Dunkeln gelassen. Für ausländische Journalisten gibt es keine Akkreditierungsoption, vor Ort sind die Programmhefte und Infos allesamt in Hebräisch gehalten – ohne Begleitung durch Ortsansässige ist man als Europäer also aufgeschmissen.

Woran das liegen mag, kann an dieser Stelle nur gemutmaßt werden: Ein anderer Stellenwert von „Filmkultur“ in Israel (wogegen der durchaus gute Besuch von Einheimischen spricht), die „gefährliche“ geografische Lage, die eine „Öffnung“ hin zu einem internationalen Publikum verunmöglicht oder einfach nicht rentabel erscheinen lässt? Schade ist das allemal, denn das Festival in der Hafenstadt am Hügel hat durchaus Flair und Charme.

Für Besucher wird gesorgt: Hier lässt es sich zwischen den Filmen ausruhen.

Wie auch immer – beim Programm ließ man sich nicht lumpen, und lud wie bereits erwähnt mehrere internationale Kaliber ein (leider großteils auch ohne „Stargäste“). Als kleiner, aber feiner filmischer Beitrag abseits allseitserwarteter A-Movies fand auch das US-Drama „Bull“ von Annie Silverstein den Weg ins Programm, wo es sich mit anderen Werken um die Krone als bester Debütfilm battlet – und wohl keine schlechten Chancen hat.

„Bull“ erzählt die Geschichte von Kris und Abe, zwei marginalisierten Existenzen am Stadtrand von Housten, die durch die Aussichtslosigkeit ihrer Lage verbunden sind: Kris ist 14 und wird gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester von deren Großmutter aufgezogen, während die „White Trash“-Mutter im Gefängnis sitzt; Freunde hat sie keine, durch den Einbruch bei Nachbar Abe und die folgende Plünderung seiner Alkoholvorräte will sie Eindruck bei Altersgenossen schinden. Abe ist Mitte 40, war früher erfogreicher Rodeo-Reiter, doch diverse Verletzungen ließen ihn zu Alkohol und Schmerzmitteln greifen. Seinem Sport ist er dennoch weiterhin als „Bullendompteur“ verbunden.

Nachdem Kris und ihr Einbruch auffliegt, wird sie zunächst von Abe eingespannt, das Durcheinander zu beseitigen. Kris fasst langsam Vertrauen zu dem grummeligen Einzelgänger und ist zunehmend faszinierter von dessen Sport, bis sie sich in den Kopf setzt, selbst Rodeo-Reiterin zu werden.

„Bull“ verschreibt sich ganz dem unaufgeregtem, unprätentiösen Realismus und kann sich durch die sensible Darstellung seiner Protagonisten auszeichnen. Die nur minimalistisch eingesetzte Musik verstärkt den Charakter eines reduzierten Dramas, das seine Kraft aus der Ruhe schöpft. Während man der Newcomerin Amber Harvard als Kris durchaus ansieht, dass ihr noch die große Schauspielerfahrung fehlt, glänzt Rob Morgan, ebenfalls ein Laiendarsteller, umso mehr als abgefuckter Rodeo-Reiter Abe: Seine Darstellung als Schmerzensmann wirkt durch und durch authentisch.

Auch das Ende des Films folgt ganz dem slow-burning realism: Keine Erlösung, kein Happy End, keine Conclusio, aber kleine Momente der Hoffnung und Menschlichkeit, die die triste Tragödie für die Zuschauer – und die Protagonisten – erträglicher machen. Ein durch und durch hochwertiger und gelungener Debütfilm, der es hoffentlich auch noch auf einige europäische Filmfestivals schaffen sollte.

Rating:

81/100

von Christian Klosz

Im (noch leeren) Kinosaal des Haifa Film Festival
Werbeanzeigen