Beinahe 80 Jahre ist es her, dass die Figur des Joker ihr Debüt im ersten Batman-Comicheft feiern durfte. Seitdem durchlief der Charakter etliche Iterationen, trieb in Comics, Serien und Filmen sein Unwesen, und schwang sich zu einem der beliebtesten Schurken der modernen Popkultur auf. Doch trotz der zahlreichen Geschichten, in denen der „Clown Prince of Crime“ den Widersacher Batmans geben durfte, blieb es all die Jahre dunkel um die Herkunftsgeschichte des Mannes hinter dem Kostüm. Regisseur Todd Phillips versucht nun, gemeinsam mit Hauptdarsteller Joaquin Phoenix, jener Frage auf den Grund zu gehen, die Comicfans bereits seit Jahrzehnten umtreibt: „Was muss einem Menschen widerfahren, dass er am Ende zum Joker wird?“ Ob es dem Duo gelungen ist, eine glaubwürdige Origin-Story zu kreieren, welche das Superheldengenre umzukrempeln vermag, oder die beiden mit ihrer Darstellung eines zutiefst gestörten Individuums doch über das Ziel hinausgeschossen sind, erfahrt ihr in unserer Kritik.

von Mara Hollenstein-Tirk

Arthur Fleck (Phoenix) hat es wahrlich nicht leicht im Leben: eigentlich möchte er doch nichts weiter als Lachen und Freude in die Welt bringen, aber anstatt sich darüber zu freuen, schlägt ihm diese bei jedem Versuch ein wenig fester ins Gesicht. Die Therapieeinrichtung, bei welcher er in Behandlung ist, wird kurzerhand wegrationalisiert, aufgrund eines Missgeschickes verliert er seinen Job, seine Mutter unterstützt seine beruflichen Träumereien nicht, sondern hängt lieber ihren eigenen Phantasien nach, und am Ende wird er auch noch von drei Anzugträgern zusammengeschlagen – doch da ist das Maß dann endgültig voll und in Arthur erwacht jene Wut, die eigentlich schon immer in ihm schwelte, unumstößlich aus ihrer Stasis, nur um, genährt von all dem Hass und der Gleichgültigkeit in der Welt, immer heller zu lodern.

Viele Stimmen wurden im Vorfeld zu diesem Film laut: auf der einen Seite gibt es jene Vertreter, welche den Film als absolutes Meisterwerk bezeichnen, nicht umsonst konnte er heuer in Venedig den „Goldenen Löwen“ einheimsen, auf der anderen Seite befindet sich jenes Lager, welches den Film, ob seiner angeblich gewaltverherrlichenden Geschichte und der fragwürdigen Darstellung psychisch Kranker, am liebsten aus den Kinosälen verbannt sähe. Nach der Sichtung dieser, zugegebenermaßen völlig aus dem Rahmen fallenden, Comicverfilmung, muss man sich allerdings fragen, ob die vielen kritischen Stimmen den Film überhaupt gesehen haben, denn mit „Joker“ liefert Phillips weder eine Gewaltorgie, noch eine Verteufelung von Menschen mit psychischen Problemen ab, sondern viel mehr eine äußerst intime, zutiefst menschliche Charakterstudie, welche versucht aufzuzeigen, dass sich das Leben nicht in Kategorien wie „schwarz und weiß“, „gut und böse“ einteilen lässt, sondern lediglich in unzähligen Graustufen existiert.

Dass dieser Anspruch scheinbar mühelos umgesetzt werden konnte, ist vor allem der unbeschreiblichen Darbietung von Phoenix zu verdanken. Stets wandelt er auf einem schmalen Grat zwischen Verzweiflung und Wahnsinn, wodurch dem Zuschauer die Beweggründe der Figur verdeutlicht werden sollen, ohne jemals wirklich Sympathien erhaschen zu wollen. Hierbei spielt auch der Soundtrack eine tragende Rolle, der entweder bereits bekannte Lieder in einen völligen neuen Kontext setzt, oder mit Hilfe von melancholisch verstörenden Bass- und Streicher – Klängen eine unheilvoll schöne Atmosphäre erzeugt. Die inszenatorischen Anleihen bei Filmen wie „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ sind zwar unleugbar vorhanden, bedenkt man allerdings die phantastische Bildsprache dieser Werke, ist dies nichts, was man Phillips vorwerfen könnte; ganz im Gegenteil, Phillips schafft es, trotz dieser deutlichen Referenzen, dem Film seine ganz eigene Handschrift zu verpassen, auch wenn im Nachhinein betrachtet manche Szene doch einen Hauch zu plakativ im Gedächtnis bleiben. 

Fazit

Alles in allem ist „Joker“ keineswegs die x-te typische Comicverfilmung, sondern ein waschechtes Arthouse-Drama, dessen Protagonist eine äußerst komplexe, vielschichtige und auch tragische Figur ist, die ihre Wurzeln in der Welt der bebilderten Geschichten hat. So schafft es der Film, Comicfans, Gelegenheitskinobesucher und Arthouse-Enthusiasten gleichermaßen aus ihrer Komfortzone zu locken und verlangt von ihnen, sich einem Film zu öffnen, der vereint, was für viele unvereinbar schien.    

Bewertung

9 von 10 Punkten

Rating

C. KloszC. BrockerhoffM. Hollen
-stein
avr.
93868989.3

Bilder: (c) Warner Pictures