Was haben ein Esel, ein Hase und ein Hund mit einer Mutter und ihren zwei Kindern gemeinsam? Im Grunde recht wenig, und doch stellen sie die Prämisse des neuen Films der Berliner Schule-Regisseurin Angela Schanelec dar. „Ich war zuhause, aber…“ wurde bereits – wie man es von Schanelecs Schaffen nicht anders gewohnt ist – höchst kontrovers diskutiert. Premiere feierte der Film im Rahmen des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs, wurde im Zuge dessen auch mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet und dieser Tage auf der Viennale 2019 gezeigt, wo die Regisseurin zusätzlich mit einer Monografie geehrt wurde. Regulär startet „Ich war zuhause, aber…“ am 07. November in den Kinos.

von Elli Leeb

Auf der narrativen Ebene beschäftigt sich Angela Schanelec mit der verwitweten Berlinerin Astrid (Maren Eggert), die mit ihrem 13-jährigen Sohn Philipp und ihrer Tochter Flo in Berlin wohnt. Mit dem Verlust des Kindesvaters hat vor allem Astrid noch sichtlich zu kämpfen. Das unkommentierte Verschwinden des Sohnes für eine Woche zu Filmbeginn schreiben seine Lehrer und Lehrerinnen diesem Schicksalsschlag zu. Ansonsten stellt der Film eine Aneinanderreihung von mehr oder minder unzusammenhängenden Alltagssituationen dar – die, so uninteressant das verschriftlicht auch klingen mag – herausragend inszeniert sind. Die Kamera tritt stets einen Schritt zurück, nimmt eine lange statische Beobachtungshaltung aus der Ferne ein und lässt so den Figuren genügend Platz, um sich und ihre Beziehungen zueinander entfalten zu können.

Schanelec setzt bei ihren Figuren weiters auf ein steriles Schauspiel. Die Gespräche wirken unbeteiligt und scheinen ins Nichts zu laufen. Ein Gespräch geht zu Ende, mündet in Schweigen und all das, was gesagt wurde, hätte vermutlich auch nirgends hingefunden. Die deutsche Regisseurin und Drehbuchautorin stellt sich auf diese Weise der Frage der Möglichkeit der Sprache beziehungsweise der Kommunikation an sich und setzt es sich zum Ziel, Sprache erklingen zu lassen. Das ist eine Form, an die man sich erst gewöhnen muss, sobald man sich aber darauf einlässt, mit den Augen zu hören und die rätselhaften Gespräche wahrzunehmen, wird der Film ungemein interessant.

„Ich war zuhause, aber“ ist mit Sicherheit nicht für jeden das Richtige und womöglich muss man ihn mehrmals sehen, um ihn in seiner ganzen Sinnhaftigkeit fassen zu können; Schanelecs künstlerische Handschrift ist allerdings überaus interessant. Im Grunde genommen geht es um Verlust, Zukunft und Angst, sowie um die Kunst der Sprache. All das wird in Szenen verpackt, die lose Begegnungen und Gespräche beinhalten, die trotzdem intensiv sind und viel auszusagen haben.  So erscheintoft so, es als ob die einzelnen Komponenten des Films noch lose in der Luft hängen und es eines jeden Aufgabe ist, ihnen selbst Bedeutungen zuzuschreiben: Eine durchaus interessante filmische Erfahrung.

Fazit

„Ich war zuhause, aber…“ ist durchaus keine leichte Kost. Sofern man sich aber auf Schanelecs Stil und Erzählweise einlassen will und kann, funktioniert dieser Film ungemein gut. Der Film entzieht sich einer eindeutigen Psychologisierung und lässt stattdessen dem Publikum den Raum, Gesehenes selbst zu deuten. Die unbeteiligte Perspektive, das sterile Schauspiel und die unendlich rätselhaften Begegnungen und Gespräche machen den Film zu einem einzigartigen Werk, das durchaus polarisieren wird.

Bewertung

7 von 10 Punkten

Bilder: (c) Viennale

Werbeanzeigen