Das Erscheinen dieses Films sorgte 1988 für einen veritablen Skandal: Zu viel „künstlerische Freiheit(en)“ hätten sich Regisseur Scorsese, und sein Drehbuchautor Paul Schrader bei der Darstellung Jesu herausgenommen, vor Allem konservative christliche Kreise liefen Sturm gegen den Film, und dessen Veröffentlichung. Ein Messias mit menschlichen Schwächen – der noch dazu bereit ist, diesen nachzugeben, das galt als „No-Go“.

von Christian Klosz

Inzwischen sind einige Jahre vergangen, „religiöser Eifer“ hat sich inzwischen von erz-katholischen Bewahrern der reinen Lehre und Blockwarten auf erz-korrekte verlagert, die Aufregung von damals wird sich also wohl gelegt haben, und man kann den Film um einiges vorurteilsfreier und in neuem Licht betrachten. Ungewöhnlich ist er allemal. Martin Scorsese ist wohl auch der einzige Regisseur, der es schafft, die Leidensgeschichte Jesu als „spirituelles Erlebniskino“ zu verfilmen.

Die Handschrift Paul Schraders ist (vor Allem im ersten Drittel) auch unübersehbar. Einer der Gründerväter des New Hollywood-Kinos hatte ja letztes Jahr mit „First Reformed“ ein unerwartetes wie überzeugendes Comeback, und so unähnlich sind einander die beiden Filme bzw. ihre Protagonisten gar nicht: Jesus wird gezeigt als Zweifelnder, Leidender, mit seinem (übernatürlichen) Schicksal Hadernder, der am liebsten Mensch sein möchte, seiner „letzten Versuchung“ aber widersteht, um Gottes Werk auf Erden zu vollbringen. Als sehr gelungen ist dabei Willem Dafoes Darstellung als Jesus zu bezeichnen. Hervorzuheben ist weiters Peter Gabriels Score, der dem Film einen „modernen“ Touch verleiht. Scorseses Regie ist kraftvoll wie gewohnt, aber auch sehr reduziert, minimalistisch, was auf die sehr kurze Drehdauer zurückzuführen ist.

„Die letzte Versuchung Christi“ ist keine detailgetreue Darstellung der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu, will es auch nicht sein, sondern ein Film, der den persönlichen (Glaubens-) Konflikt des Protagonisten darstellen und in den Mittelpunkt stellen möchte, und reiht sich somit ein in die Filmografie Martin Scorseses: So weit ist es gar nicht, von „Taxi Driver“ oder „Mean Streets“ zu „Die letzte Versuchung…“. „The Last Temptation Of Christ“ ist auf jeden Fall sehenswert, ungewöhnlich, und am Ende gar nicht so kontrovers wie kolportiert.

Der Film ist derzeit hier als VOD zu sehen:

Bei Cineplex Home ab 1.00€ (Leihe)

Bei Amazon ab 2.99€

Bei iTunes ab 3.99€


Die Kinos sind wegen Corona geschlossen, Filmfans müssen also vorerst mit Home Cinema und Streaming Vorlieb nehmen. Doch wie soll man aus dem Wildwuchs der Streamingdienste und dem Meer verfügbarer Filme das Richtige auswählen? Unsere Streaming-Tipps des Tages sollen hier Abhilfe schaffen: Jeden Tag präsentiert Film plus Kritik-Gründer und Chefredakteur Christian Klosz einen Film, der derzeit bei diversen Anbietern online als VOD verfügbar ist. Dabei handelt es sich oft um eher unbekannte Werke, Geheimtipps, die zum Kinorelease nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdient hätten – oder überhaupt (noch) nie in den Kinos zu sehen waren -, und die gesammelt ein alternatives Filmprogramm fürs Home Cinema darstellen sollen. Die vorigen 14 Streaming-Tipps des Tages gibt es HIER nachzulesen.