Simon Frühwirth legte in den letzten Jahren eine steile Karriere hin: Für sein Debüt in Gregor Schmidingers Drama „Nevrland“ erhielt er bei der Diagonale 2019 den Schauspielpreis, bei der Romy 2020 ist er als bester Nachwuchsschauspieler nominiert, und kürzlich gab er seine TV-Premiere im Til Schwaiger-Tatort „Tschill Out“. Unser Reporter Paul Kunz traf den 20-Jährigen zum virtuellen Quarantäne-Interview.

von Paul Kunz

Film plus Kritik: Hallo, Simon! Wie geht es dir? Bist du gesund?

Simon Frühwirth: Hallo! Ja, ich glaube ich bin gesund. Die Situation ist natürlich sehr einschränkend jetzt, ich habe aber das Glück, dass ich mit mehreren Leuten zusammen in einem Haus lebe. Ich bin also nicht so einsam. Wir haben auch einen Garten und wohnen in der Nähe von einem Erholungsgebiet, das heißt ich habe genug Auslauf! (lacht) Gestern war ich zum ersten Mal seit Jahren allein im Wald – ich und mein Stock.

Film plus Kritik: Die Corona-Maßnahmen sind seit etwas mehr als einem Monat aktiv. Wie kommst du damit zurecht?

Simon Frühwirth: Meine Stimmungen schwanken enorm – da ist auf einmal diese Macht, der man so ausgeliefert ist. Ich bin ja etwas verspätet in die Quarantäne gekommen, weil ich noch in Deutschland gedreht habe. In Deutschland gab es am Ende nur noch drei aktive Produktionen, eine davon waren wir. Es war eigentlich sehr unverantwortlich von allen Beteiligten, dass wir da weitergemacht haben. Aber das kam auch sehr abrupt: Zuerst hat es noch geheißen, wir drehen den Film zu Ende, später hieß es dann, das geht natürlich nicht. An einem Tag war ich dann nicht am Set und hab die Meldung gekriegt, dass ich nach Hause fahren soll.

Film plus Kritik: Welche Produktion war das denn?

Simon Frühwirth: Ein Franken-Tatort mit dem Andreas Kleinert. Und den drehen wir auch fertig, sobald das wieder geht, da bin ich zuversichtlich.

Film plus Kritik: Bereitet dir die Situation denn auch Angst?

Simon Frühwirth: Eher nicht. Es gibt mir vor allem zu denken, was das Berufliche betrifft. Der Beruf eines Schauspielers ist das Drehen oder das Stehen auf der Bühne. Jetzt suche ich mir ganz andere Dinge, die ich sonst nicht mache – was ich eigentlich auch schön finde. Man muss einen Schritt zurückgehen.

Film plus Kritik: Viele meinen, es kommt jetzt in verschiedenen Bereichen zu einer Entschleunigung.

Simon Frühwirth: Nein, eine Entschleunigung ist es eigentlich nicht. Ich bin an einem Punkt gefesselt, aber geistig ist es alles andere als entschleunigend. Es wirbelt alles sehr durcheinander.

Film plus Kritik: Aber du meintest, du machst auch schöne neue Dinge. Was denn zum Beispiel?

Simon Frühwirth: In den Wald gehen eben – und sehr gut kochen. Jeder von uns kocht einmal die Woche und wir essen immer zusammen, was wir sonst auch nie machen! Normalerweise sind wir immer so verstreut, aber jetzt könnte man sagen, wir besinnen uns auf diese „familiären Werte“. Dass wir alle immer zusammen sind, birgt sicher auch Aggressionspotenzial, aber man muss eben mehr reden jetzt und lernt sich auch anders kennen. Das finde ich auch schön.

Film plus Kritik: Hast du Strategien, um gegen die jetzt entstandene Strukturlosigkeit anzukämpfen?

Simon Frühwirth: Strategien brauch ich da keine. Wenn ich nicht gerade drehe, bin ich auch sehr viel zu Hause und muss meinen Tag selber strukturieren. Ich habe also keine Routine verloren – weil die hatte ich eh nie. Aber man findet ja Sachen zu tun! Ausgerümpelt haben wir schon und in einer sehr betrunkenen Nacht haben wir begonnen auszumalen! (lacht) Das ist unser Projekt für die nächste Woche. Vorher hat sowas niemanden interessiert, aber jetzt nimmt das einen größeren Stellenwert ein, dass man sich sein näheres Umfeld wirklich schön gestaltet. Kleine Sachen werden auf einmal wichtig. Wenn man zum Beispiel ein neues Gewürz aus dem Supermarkt holt und sich dann den ganzen Tag über den Asant freut. Oder Blumen! Die haben mich früher nie interessiert und jetzt haben wir welche am Tisch stehen.

Film plus Kritik: Dann lernst du ja ganz neue Seiten an dir kennen.

Simon Frühwirth: Ich lern eigentlich viel mehr über andere Menschen. Aber klar, man macht jetzt auch Erfahrungen, die man dann in die Zeit mitnehmen kann, wenn sich alles wieder normalisiert. Meine größte Angst ist eigentlich, dass wir plötzlich wieder in dieses Hamsterrad hineingeworfen werden und man gar nicht mehr nachkommt, weil man sich so an den aktuellen Zustand gewöhnt hat. Mein Mitbewohner hat Albträume, dass alles wieder losgeht und er es verpasst, weil wir hier so in unserem Universum sind!

Film plus Kritik: Denkst du, dass sich die Gesellschaft verändert haben wird, wenn sich alles wieder normalisiert?

Simon Frühwirth: Man merkt ja schon jetzt, dass die Solidarität zunimmt und dass man noch mehr auf seine Lieben achtet – seinen Großeltern mehr schreibt und mehr an sie denkt. Wir haben zwar diesen körperlichen Abstand, aber eigentlich sind wir gerade sehr verbunden, weil wir alle ähnlich von dieser Situation betroffen sind. Ich hoffe, dass uns das näher zusammenbringt.

Außerdem verändert sich das Konsumverhalten. Wir konsumieren weniger, jetten nicht mehr so rücksichtslos durch die Welt. Man muss auch bedenken, dass Grippen auch durch den Fleischkonsum entstehen – wobei ich es fürchterlich finde, konkret den Chinesen da jetzt Vorwürfe zu machen. Man sucht die Schuld immer gern woanders. Aber vielleicht können wir jetzt alle unseren Fleischkonsum oder die industrialisierte Tierhaltung einmal hinterfragen. Oder vielleicht wird sie eingeschränkt. Das würde ich mir wünschen.

Film plus Kritik: Corona verändert ja auch die Medienlandschaft – die Diagonale wurde statt in Kinos via TV und Streaming in die Wohnzimmer gebracht. Denkst du, das wird eine nachhaltige Veränderung?

Simon Frühwirth: Sie sind jetzt gezwungen dazu. Und zu behaupten, man könnte diese Medien noch voneinander trennen… das geht ohnehin nicht mehr. Ich denke, es wird auch noch weiter in diese Richtung gehen. Die sind sehr aufeinander angewiesen und mir gefällt, wie auch hier eine Solidarisierung stattgefunden hat. Find ich cool! Obwohl ich hoffe, dass Kinos auch in Zukunft noch gut gehen werden…

Film plus Kritik: Nicht nur der Kino-Besuch ist aktuell nicht möglich, auch viele andere Veranstaltungen wurden abgesagt. Du bist selbst für die ROMY als bester männlicher Nachwuchsdarsteller („Nevrland“) nominiert, wobei die Gala auf unbestimmt verschoben wurde. Dieses gemeinschaftliche Zelebrieren des Filmschaffens, fehlt dir das?

Simon Frühwirth: Film-Veranstaltungen sind immer sehr lustig. In Österreich ist das so ein Mikrokosmos, man kennt sich dann eh schon und trifft sich immer wieder. Natürlich geht mir das ab! Das gemeinschaftliche Feiern macht die ganze Szene aus – gerade in der Filmbranche werden diese Festivitäten sehr hochgehalten. Film-Festivals, Preisveranstaltungen oder Film-Screenings. Aber die wird es ja irgendwann wieder geben!

Film plus Kritik: Bis dahin – was ist denn dein Medium der Wahl fürs Heimkino? Streaming, Blu-Ray, TV…?

Simon Frühwirth: Alles eigentlich. Wir schauen jeden Abend gemeinsam einen oder auch mehrere Filme mit unserem Beamer im Keller. Dann wird immer heftig diskutiert, was wir uns anschauen. Zum Glück hab ich da ein gutes Mitspracherecht (lacht) – unter anderem weil ich viele DVDs aus dem Keller meiner Eltern mitgehen hab lassen mit ganz vielen Filmen aus den 2000er Jahren. Und sonst streamen wir eben über Flimmit und iTunes. Auf Netflix hab ich versucht, den Algorithmus auszutricksen. Da gibt es Unterkategorien, wo man auch ganz unbekannte Sachen findet, die nicht alle „Tiger King“ sind. Da gibt es auch ganz viele gute Filme dabei! Da ist nicht nur Schrott.

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Bilder: © Filmladen Filmverleih