von Christian Klosz.

Mit Nummer 30 ist Schluss: Unter Eindruck der Corona-Krise habe ich vor zirka 2 Monaten begonnen, ein persönliches Heimkino-Programm vorzustellen (das man HIER nachlesen kann). 30 Filme in 60 Tagen ist nicht so übel, wie ich finde, und vielleicht war für den einen oder die andere etwas dabei, das einige nette Stunden bereiten konnte, das man bisher nicht am Radar gehabt hatte, oder dessen Wieder- oder Neuentdeckung sich als lohnend herausstellte.

Mit der Perspektive der Kinoöffnung in Österreich (ab. 1. Juli) und der tatsächlichen Öffnung in einigen deutschen Bundesländern demnächst wird sich unser Fokus schrittweise wieder auf den „Normalbetrieb“ richten, der natürlich keiner ist, aber wieder stärker Kino-fokussiert sein wird. Zusätzlich haben inzwischen auch Filmverleihe ihre Veröffentlichungspolitik angepasst und es gibt immer wieder interessante Online-Premieren zu entdecken.

Beschließen möchte ich meine Streaming-Tipps mit einem persönlichen Favoriten, einer sehr persönlichen Wahl; einem Film, den ich bestimmt 15 oder 20 Mal gesehen habe, zum ersten Mal in meiner Jugend im Kino, und danach immer wieder: „Aviator“ von Martin Scorsese aus dem Jahr 2004. In gewisser Weise war dieser Film mein Einstieg in das Scorsese-Kino, mit dem ich mich davor erst wenig beschäftigt hatte (und auch direkt danach nicht weiter…). Sicher, in den folgenden Jahren sah ich Filme wie „Departed“, „Casino“ oder „Die Farbe des Geldes“, alle sprachen mich an, doch der „größere Kontext“, die Besonderheit dieses Regisseurs erschloss sich mir erst 2013, als ich bei Besuchen im Filmmuseum in Wien alte Programmhefte zur Scorsese-Retrospektive von 2009 entdeckte, die mir in den folgenden Monaten und Jahren als „Lehrbücher“ dienten, zugleich als Filmkataloge, als cineastische Orientierungspunkte. Alles aus seiner Filmographie, das ich irgendwo auftreiben oder sehen konnte, verschlang ich, entdeckte ganz neue Favoriten wie „Mean Streets“, „Cape Fear“ oder „GoodFellas“, den ich tatsächlich damals zum ersten Mal sah (dafür in den folgenden Monaten sicher 5 weitere Male…) – und wiederentdeckte auch alte Lieblinge wie „Die Farbe des Geldes“, und eben den „Aviator“.

Der unvergleichliche Harry Tomicek, ewiges Vorbild, was kunstvoll formulierte Filmkritik betrifft, stellte „Aviator“ für das Filmmuseum mit diesen Worten vor:

Höhenflug und Absturz des Howard Hughes, Überflieger, ­Flug­fanatiker, Tycoon, Regisseur, Frauenheld. Wobei „Höhenflug“ wie „Absturz“ faktisch und metaphorisch gesehen werden können in diesem Werk, das sich des kümmerlichen Genres Biopic bedient, um ein Grandeur-Destillat daraus zu brennen: Scorseses Citizen Kane, Film eines Getriebenen über einen Getriebenen. Noch schneller, höher, besser: Amerikas Traum als Hybris und Wahn – und Wahnsinn. Hughes ist Himmelstürmer, Legende zu Lebzeiten und jener Mann, in dessen Siegermiene Züge von Misstrauen, ­Irritation und Pein zu flackern beginnen. Rise and fall: eine via ­dolorosa. Die Hand, die eben noch die Chromhaut des Flugzeugs liebkoste, müht sich in vergeblicher Qual, die eigene Haut keimfrei zu waschen. Wie ein Mythos erkrankt und die Vergötzung der Oberfläche in Verrücktheit kippt. Der Held des 20. Jahrhunderts: Ikarus, zerschellt. Als Opfer seiner Zwänge hockt er rettungslos im Gefängnis klinisch reiner Paläste. Die Hölle sind wir.

Martin Scorsese

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Stattdessen ein paar Worte, warum dieser Film ein ganz zentrales Werk ein Scorseses Filmografie ist: Seine Hauptfiguren sind oft Leidensmänner, getrieben von inneren (und realen, äußeren) Dämonen, aber stets verletzlich, oft zweifelnd. Diesen Hang zum Zweifel, zur Unsicherheit und damit verbundenen Kompensationsmechanismen (die natürlich allesamt zum Scheitern verdammt sind), dieses Abbild fragiler männlicher Egos treibt er in „Aviator“ auf die Spitze: Es ist das Porträt eines zwangsgestörten Charakters (nach realem Vorbild), der seine (Selbst-)Zweifel durch absoluten Kontrollzwang auszugleichen versucht; versucht, durch Kontrolle seiner Umwelt Ordnung in sein chaotisches Innenleben zu bringen, der zwischen Hybris und Größenwahn und vernichtender Selbstkritik schwankt und sich schließlich, zu jeder Bewegung unfähig und vor Angst gelähmt, völlig von der Welt abwendet. Und dennoch noch einmal den Mut aufbringt, sich seinen Dämonen zu stellen, um einen finalen Sieg zu feiern. (Mehr über Martin Scorseses Filme HIER)

Scorsese meinte, der „Aviator“ wäre in gewisser Weise auch seine filmische Autobiografie, ein Selbstporträt; wer genau hinsieht, kann eine gewisse Ähnlichkeit feststellen zwischen der Energie, die von dem berühmten Filmemacher ausgeht, und seinem filmischen „Alter Ego“ Howard Hughes im „Aviator“. Bei der Fokussierung auf den Regisseur, der einen absoluten Mainstream-Film zu einem persönlichen Autorenfilm machte, sollte nicht vergessen werden, wer das Projekt aus der Taufe hob: Ein gewisser Leonardo di Caprio, der sich die Rechte sicherte und jahrelang nach dem passenden Regisseur für sein Herzensprojekt suchte; eine Fügung des Schicksals, dass es Scorese traf, und der endgültige Startpunkt vieler weiterer fruchtbarer Kollaborationen. Ganz nebenbei lieftert di Caprio als Howard Hughes eine der besten Leistungen seiner an Höhepunkten nicht gerade armen Karriere ab.

Schließlich: Warum ist dieser Film für mich persönlich so wichtig? Ich kann mich mit dem Hang zum exzessiven Selbstzweifel gut identifizieren, auch den damit verbundenen Versuchen, diese Unsicherheit(en) zu kompensieren, etwa durch exzessiven Perfektionismus, und dem gleichzeitigen Anspruch, zu funktionieren. Es kann wahnsinnnig tröstlich sein, im Film und in der Kunst allgemein auf Figuren zu treffen, die einem bekannt, vertraut vorkommen, und wenn es nur den Effekt hat, das Gefühl zu haben, nicht allein zu sein.


„Aviator“ ist bei diversen Anbietern als VOD verfügbar (z.B. Amazon und iTunes ab 1.99€), oder natürlich auf DVD und BluRay.

30 Streaming-Tipps, das alternative Kinoprogramm für Zuhause:

Die Kinos sind wegen Corona geschlossen, Filmfans müssen also vorerst mit dem Home Cinema Vorlieb nehmen. Doch wie soll man aus dem Wildwuchs der Streamingdienste und dem Meer verfügbarer Filme das Richtige auswählen? Unsere Streaming-Tipps des Tages sollen hier Abhilfe schaffen: Film plus Kritik-Chefredakteur Christian Klosz präsentiert in regelmäßigen Abständen einen Film, der derzeit bei diversen Anbietern online als VOD verfügbar ist. Dabei handelt es sich oft um eher unbekannte Werke, Geheimtipps, die zum Kinorelease nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdient hätten – oder überhaupt (noch) nie in den Kinos zu sehen waren, aber auch um Klassiker, die eine Wiederentdeckung verdienen. Diese kleine und bunte aus 30 Werken bestehende Sammlung soll insgesamt ein alternatives Filmprogramm fürs Home Cinema darstellen. Das gesamte „Programm“ gibt es HIER nachzulesen.