Der Film „365 Days“ schlug bei Netflix ein wie eine Bombe: Seit Wochen ist er der meistgestreamte Film auf der Plattform, ein Ende des Hypes ist nicht abzusehen. Auf der anderen Seite ist der Film und auch Netflix trotz des Erfolgs – oder gerade deswegen – seit einer Weile unter Dauerbeschuss: Verharmlosung und Verherrlichung sexueller Gewalt lautet der Vorwurf. Hintergrund ist die Handlung, die von vielen als frauenverachtend empfunden wird. Es geht in dem Drama immerhin um einen Mafia-Boss, der eine junge Frau entführt und ihr 365 Tage gibt, um sich zu verlieben. Expliziter Sex spielt dabei eine nicht ganz unwichtige Rolle.

Der Widerstand gegen „365 Days“ wird indes immer heftiger. Inzwischen gibt es mehrere Petitionen, die die Löschung des Films fordern – eine davon hat bereits mehr als 70.000 Unterschriften. Netflix weigerte sich bisher allerdings, auf die Kritik einzugehen, den Film offline zu nehmen oder ihn mit einer „Triggerwarnung“ zu versehen. Interessant ist das insbesondere deshalb, weil man vor wenigen Wochen unter Beschuss kam, weil einige als „rassistisch“ eingestufte Filme und Serien von der Plattform verschwanden („Vom Winde verweht“, „Little Britain“). Diesmal wollte man offenbar standhaft gegenüber der Kritik bleiben.

Kürzlich reagierte der Streamingriese dann doch erstmals öffentlich auf die Kritik: Es werde keine Löschung und auch keine Triggerwarnung geben, denn Kunden könnten selbst einstellen, welche Art von Filmen sie sehen wollen, sagte eine Sprecher des Konzerns. Entsprechende Filter könnten im Profil gesetzt werden, sodass Nutzer keine Inhalte angezeigt bekommen, die sie als anstößig empfinden: Eigenverantwortung also.

Gleichzeitig wies Netflix die Verantwortung für den Inhalt von „365 Days“ von sich. Der Film sei eine polnische Produktion und in mehreren Ländern im Kino erschienen. Netflix habe lediglich die Lizenz für den Film erworben und ihn nicht produziert.

Der Erfolg von „365 Days“ kommt freilich nicht von ungefähr: In der Post-#metoo-Ära erfuhr sexuelle Gewalt eine starke Tabuisierung und Sensibilisierung im öffentlichen Diskurs, und wenn man eines aus der menschlichen Geistesgeschichte lernen kann, dann jenes, dass Menschen immer das am meisten reizt, was ihnen verboten wird. Kein Wunder also, dass viele Zuschauer heimliche Freude daran haben, dem gefährlichen Treiben und den düsteren Trieben in „365 Days“ beizuwohnen – die „dunkle Seite“ der menschlichen Natur verschwindet nun mal nicht, wenn man sie totschweigt, nicht mehr über sie redet oder sie zu zensieren versucht (Freud lässt grüßen!). Angezeigt wäre in dem Kontext wohl viel mehr ein offener und kritischer Dialog von und mit allen Seiten. Solange das von maßgeblichen Gruppen nicht gewünscht oder möglich ist, werden (zugegeben vermutlich wenig lehrreiche oder aufklärerische) Werke wie „365 Days“ eine Sublimierungsfunktion darstellen, sprich: Extrem erfolgreich sein.

Schließlich sollte dann schon noch die Frage erlaubt sein, warum es bei Darstellungen von anderen Formen von Gewalt (körperlicher Gewalt, wie in den meisten Actionfilmen) oder bei Ego-Shootern, die die Spieler noch viel mehr zu „Komplizen“ oder gar Urhebern von fiktionalisierter Gewalt machen (anstatt zu bloßen Betrachtern), diese hitzigen Diskussionen um Grenzen des Darstellbaren, „Macht der Bilder“ oder Triggerwarnungen nicht gibt, und diese Gewaltformen offenbar als völlig „harmlos“ eingestuft werden. (ck)