Genau am Tag des Kinostarts gab Moritz Bleibtreu in diversen Interviews zu Protokoll, dass er sich bei der Entwicklung von „Cortex“ darauf fokussiert habe was ihm gefalle und es zweitrangig sei, wie das Publikum den Film letztlich aufnehmen würde. Nun habe er ihn ja eh schon gedreht und könne jetzt nichts mehr ändern. Eine beachtliche, nahezu irritierende Aussage, bedenkt man, dass das Werk sein Regiedebüt darstellt und die Resonanz darauf ein deutlicher Fingerzeig in Richtung beruflicher Perspektive sein könnte.

von Cliff Brockerhoff

Doch Bleibtreus Aussage rührt nicht von ungefähr und ist weniger arrogant als vielmehr aufrichtig ehrlich zu verstehen, denn „Cortex“ ist ein, für deutsche Verhältnisse, sehr fordernder, gehaltvoller, ja fast schon experimenteller Film geworden, der sich in seinem Kern gleich verschiedenster Themen annimmt und an dessen Ausarbeitung der Schauspieler schon seit geraumer Zeit gearbeitet hat. Im Mittelpunkt steht dabei unter anderem Bleibtreu höchstselbst, der nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera in Erscheinung tritt. Hagen, so der Name seines Charakters, begegnet dem Publikum dabei als ein von lebhaften Träumen geplagter Ehemann und Vater, dem es zunehmend schwerer fällt seinen Alltag im Dämmerzustand zu bewältigen.

Ein geschickter Schachzug, erlaubt sich der Film durch diese Herangehensweise den Luxus Traumwelt und Realität ungeniert vermischen zu können, ohne dabei affektiert zu wirken. Was anfangs noch als lebendige Phantasie ausgelegt werden könnte, entpuppt sich im Zuge der erzählerischen Entwicklung zu einem ernstzunehmenden Albtraum, der sich nicht mehr nur auf Hagens Leben beschränkt. Immer wieder begegnet der leidgeplagte Sicherheitsmann einem jüngeren Herren in Jeansjacke, der allem Anschein nach auch noch ein Auge auf seine Frau geworfen hat. Traum, Realität, künstlerische Freiheit? Schwer zu sagen.

Generell macht es der Film seinem Publikum alles andere als leicht. Konträr zur üblichen Gestaltung werden die Ereignisse immer verwirrender je weiter die Story erzählt wird. Perspektivwechsel, Verschmelzungen und Wiederholungen zeichnen ein nebulöses Bild, Bleibtreu filetiert den roten Faden, nur um ihn im nächsten Moment wieder lose zu verknoten. Es ist nicht so, dass die einzelnen Bruchstücke in der Gesamtheit kein Bild ergäben, ganz im Gegenteil. Doch als der Abspann in sattem Schwarz vor den Augen seiner Gegenüber auftaucht, fehlt vom großen „Aha-Effekt“ jede Spur. Wasser auf die Mühlen derjenigen, die dem deutschen Genrefilm seit Jahren abgeschworen haben.

Doch auch wenn „Cortex“ Angriffsfläche bietet, steht dieser eine Fülle an Stärken gegenüber. Stimmungstechnisch ist das Werk ein wahres Brett und sorgt mit einem ausgezeichneten Gespür für Erzähltempo für durchgehende Spannung. Vom Start weg bis zur letzten Szene lädt der Film zum mitfiebern und -rätseln ein. Mittels einer kalten, monotonen Farbpalette transportiert sich die unheilvolle Atmosphäre, Genres verschwimmen und das Ensemble rund um den stark aufspielenden Bleibtreu geleitet durch kurzweilige 97 Minuten, die dem Zuschauer einiges abverlangen. Ja, ab und an krankt auch der Mystery-Thriller an den typisch deutschen Symptomen – der gnadenlos überzeichnete Antagonist ist beispielsweise eher nervig als beängstigend – in der Gesamtbetrachtung überwiegt aber der positive Eindruck des groß gedachten Werkes, das nur schwerlich in einer einzelnen Sichtung entwirrt werden kann.

Fazit

„Cortex“ ist deutsches Kino, wie man es leider viel zu selten sieht. Ambitioniert, unkonventionell und randvoll mit Subtext ergründet Bleibtreu die düstere Welt der Träume und die Kraft unseres Unterbewusstseins, verzichtet dabei vorsätzlich auf eine Anbiederung an den Mainstream und hat so einen Film nach seinen ganz eigenen Vorstellungen kreiert, der noch weit nach der Sichtung zur Diskussion einlädt. Und auch wenn es ihm vielleicht egal ist: dafür gebührt dem Münchener Respekt, Anerkennung und eine Punktzahl im tiefgrünen Spektrum.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(77/100)

Bilder: ©Warner Bros. Entertainment