Bereits vor seiner Veröffentlichung sah sich das Musical-Drama „Music“ mit einer gehörigen Portion an Kritik und Fassungslosigkeit konfrontiert: Das Regiedebüt der australischen Popsängerin Sia sorgte für Furore, als bekannt wurde, dass die Schauspielerin und Tänzerin Maddie Ziegler darin eine autistische junge Frau spielen würde – ohne selbst autistisch zu sein. Als dann der erste Trailer im Internet veröffentlicht wurde, hagelte es weitere Vorwürfe: nein, autistische Person nehmen ihr Umfeld nicht als kunterbunte Zuckerwattewelt wahr, wie die Filmausschnitte nahelegten. Damals meinte Sia, man solle sich den Film doch erstmal ansehen, bevor man Kritik übe. Ein nachvollziehbarer Wunsch, dem hier nachgekommen werden soll.

von Paul Kunz

Music (Maddie Ziegler) ist der Name der Protagonistin, der dem Film den Titel spendiert. Neue Umweltreize überfordern sie schnell, weswegen sie Sicherheit in einem strikt regulierten Alltag findet, den sie gemeinsam mit ihrer Großmutter lebt. Als diese stirbt, fällt die Sorgetätigkeit der autistischen Music ihrer einzig verbleibenden Angehörigen zu: ihrer Halbschwester Zu (Kate Hudson). Zu ist ganz und gar nicht begeistert von der unerwarteten Verantwortung, denn die seit kurzem trockene Drogen-Dealerin hat ihre ganz eigenen Probleme. Mit der Hilfe von Musics Nachbar Ebo (Leslie Odom Jr.) lernt Zu jedoch die Welt ihrer Schwester besser zu verstehen.

Der Titel des Films mag zwar „Music“ lauten, doch tatsächlich erzählt er weniger von Music selbst, als vielmehr von der Bekehrung Zus, die durch die unverhoffte Care-Arbeit zum besseren Menschen wird. Es ist eine altbekannte Handlung, innerhalb derer Music allerdings zum Zahnrad im Charaktergetriebe ihrer Schwester wird, anstatt zur eigenständigen Figur. Der Film versucht durchaus, dem entgegenzuwirken: Weil sich Music nicht durch Sprache verständigen kann, greift Sia auf kunterbunte Musikvideo-Clips mit Tanzeinlagen der Hauptdarsteller und selbstgeschrieben Songs zurück. Doch letzten Endes werden Musics Gefühle und Bedürfnisse nicht greifbar.

Die Tanzeinlagen sind in erster Linie ein wahnwitziger visueller Fiebertraum voll farbenfroher Sets, absurder Kostüme und ausdrucksstarken Choreographien, wie man es auch aus Sias Musikvideos kennt. Für sich genommen machen diese Sequenzen in ihrer Schrägheit eine Menge Spaß. Ein Highlight ist eine Sequenz, in der Music immer wieder neu kostümiert aus einer Umkleidekabine auf ihrem eigenen Kopf heraustritt wie eine Matrjoschkapuppe. Aber im Kontext der Filmhandlung stiften die Sequenzen eher Verwirrung, als dass sie dabei helfen, Musics Gefühlswelt auf das Publikum zu übertragen. Es bleibt die Vermutung, dass Sia nur einen Grund gesucht hat, um ihre Muse Maddie Ziegler in wilden Kostümen zur eigenen Musik tanzen zu lassen. Es verwundert auch, dass die Komponistin unzähliger Ohrwürmer für diesen Film keine einzige Melodie mit Wiedererkennungswert schreiben konnte.

Dennoch sind die Tanzeinlagen das größte Vergnügen im ansonsten reizlosen Drama. Es gibt zwar ein paar wenige gefühlvolle Momente – etwa, wenn Zu und Music gemeinsam ein Lied anstimmen – doch der Plot ist letztlich zu klischeebeladen, die Dialoge zu stumpf und die Besetzung der Hauptfiguren zu unpassend, als dass irgendetwas davon wirklich berühren könnte. Das Filmgeschehen wirkt zu jeder Zeit artifiziell und fühlt sich nie an, als hätte es irgendetwas mit der Realität zu tun. Nicht einmal Sia, die im Film einen mehr als befremdlichen Cameo-Auftritt als sie selbst hat, scheint real: Sie möchte Zu Drogen abkaufen, um sie in Entwicklungsländer mit Medikamentenengpass zu schicken. Ist der ganze Film ein Witz, den keiner verstanden hat?

Fazit

Während „Music“ vorgibt, sich mit dem Leben einer autistischen Frau auseinandersetzen, wird bald klar, dass Sia sich nicht wohl damit fühlt, vertrautes Terrain zu verlassen: Zu sehen sind ihre Musikvideos, ihre Songs, ihre langjährige Muse als Hauptdarstellerin. Eine Zurschaustellung der eigenen Ästhetik, aber ohne das für einen Spielfilm notwendige Fleisch auf den Knochen. Das Resultat ist ein Endprodukt, das spaßige Tanznummern zu bieten hat, aber ansonsten Langeweile aufkommen lässt.

Bewertung

3 von 10 Punkten

(34/100)

„Music“ ist seit 12.2. digital als VOD auf diversen Plattformen verfügbar und erscheint am 5.3. auf DVD und BluRay.

Bilder: (c) 2020 Alamode Film