Es wird Ernst. Langsam, aber doch beginnt die Corona-Pandemie und der gesamten Rattenschwanz an zugehörigen Symptomen in die Welt der Filme einzudringen. Nicht unbedingt als Thema per se, aber doch als Umstand, als Teil der Alltagsrealität der Protagonisten. Wie man dazu steht wird sich mit Sicherheit auch auf darauf auswirken, was man von dem jeweiligen Film hält.

von Christoph Brodnjak

In „Kimi“ nutzt Stephen Soderbergh („Ocean’s Eleven“, „Contagion“) die Pandemie eher als Bausubstanz. Obwohl der Anfang noch anderes vermuten lässt. Im Fokus steht Angela (Zoë Kravitz), eine an Agoraphobie leidende, leicht autistisch anmutende, junge Frau, die als IT-Technikerin für Kimi arbeitet. Kimi ist quasi ein Alexa- oder Siri-Äquivalent, nur dass die Spracheingaben anstatt via Algorithmus zusätzlich noch analog überwacht werden, wie der Film am Anfang extra betont. Beim Durchforsten diverser Audiodateien stößt Angela auf eine Aufnahme, die stark nach häuslicher Gewalt bzw. Missbrauch klingt. Sie versucht dies zu melden, stößt dabei aber auf diverse technische sowie bürokratische Hürden.

Man stelle sich also ein modernisierter Mischmasch aus Filmen wie „Rear Window“, „The Conversation“, „Blow Out“, „Minority Report“ oder „Vertigo“ vor. Naturgemäß kommt „Kimi“ selten bis gar nicht an das Niveau der eben genannten Vorbilder heran. Kurz und knackig klappert der Film in nur 89 Minuten diverse bekannte Motive und Wendungen aus Detektiv- und Verschwörungskrimis ab. Eben mit modernem digitalisiertem Anstrich. Neo Noir? Cyber Pulp?

Wenn auch der Ablauf des Films grundsätzlich keine allzu großen Überraschungen birgt, kann man ihm dennoch einiges abgewinnen. Soderberghs Kamera ist dynamisch und schafft es immer wieder auf kreative Weise, den psychischen Gemütszustand der Protagonistin widerzuspiegeln. Ebenso ist das Spiel mit dem Ton immer wieder faszinierend, auch wenn es einen etwas enttäuscht zurücklasst, dass die Audio-Rekonstruktions-Sequenz a la „Blow Out“ bloß einen kleinen Teil des Ganzen ausmacht.

„Kimi“ lebt und stirbt allerdings mit Sicherheit mit dem Level an Sympathie, die man Angela entgegenbringt. Beinahe die erste Hälfte des Films befasst sich rein damit, ihren Charakter herauszubilden. Die bereits erwähnte Agoraphobie, die – vermeintlich autistischen – Ticks, eine angedeutete tragische Backstory mit ihrem Vater: Zoë Kravitz spielt ihre Rolle tadellos, der Charakter selbst schwankt aber dennoch immer wieder auf der feinen Linie zwischen #relatable und etwas nervtötend.

Fazit

„Kimi“ ist auf jeden Fall ein durchgängig unterhaltsamer, kleiner Thriller, der durchaus interessant beginnt, dann aber leider doch ein wenig hinter seinem Potenzial zurückbleibt. Dazu enden einige Setups zu unsauber und der Film entwickelt sich gegen Ende insgesamt auf eher generische Art und Weise. Da es sich aber hierbei dankenswerter Weise nicht um einen 140 Minuten – Film handelt, kann man ihn sich dennoch guten Gewissens ohne Bedenken zu Gemüte führen. Dass aktuelle Ereignisse und Umstände wie die Corona-Pandemie, digitale Überwachung oder MeToo hier auch zumindest am Rande thematisiert werden, braucht einen hier ebenfalls nicht abzuschrecken. Der Film bedient deutlich mehr den Eskapismus als irgendeine Art von tiefgründiger Analyse oder gar „Agenda“.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(60/100)

Bild: (c) Warner Bros.