Im Eheversprechen heißt es „In guten und in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet“. Was es aber bedeutet, den schweren Weg gemeinsam zu gehen und seine gefundene Liebe durch Veränderungen bis hin zum Tod zu begleiten, möglicherweise sogar zu pflegen, sind Vorstellungen, die im alltäglichen Leben kaum präsent sind oder über die oft geschwiegen wird.

von Madeleine Eger aus Berlin

Regisseur Michael Koch erkundet mit seinem zweiten Langfilm „Dii Winter“, der im Wettbewerb der Berlinale zu sehen ist, die Bedeutung von Loyalität innerhalb einer Beziehung, aber auch den Konflikt eines Paares, das immer wieder mit Traditionen und Vorurteilen konfrontiert wird.

Marco (Simon Wisler) ist ein stämmiger, kräftiger Mann, obwohl er ein Flachländer ist, wie ihn die Männer des alpinen Dorfes am Stammtisch noch etwas argwöhnisch nennen. Die Beziehung zu Anna (Michèle Brand) wird dabei ebenso skeptisch betrachtet wie angezweifelt. Nur Anna und Marco sind sich sicher: Das ist die Liebe fürs Leben – und heiraten. Zunächst scheint es für sie und Annas Tochter aus einer vorherigen Beziehung in den Schweizer Alpen geordnet, liebevoll und unbeschwert zuzugehen. Dann allerdings beginnt Marco sich zu verändern. Schmerzen machen ihm Angst und immer öfter scheint er die Kontrolle über sich zu verlieren. Die Zufallsdiagnose nach einem schweren Unfall erschüttert die Familie und verändert plötzlich alles.

So richtig romantisch mutet die Hochzeit in der Kirche nicht an. Während das Paar den Moment zwar genießt, steht den Gästen die Skepsis ins Gesicht geschrieben. Selbst die Kamera verlässt vorzeitig den Saal und sucht den Weg nach draußen, wo die Musikkapelle unbeteiligt auf ihr Stichwort wartet. So weit kommt es aber gar nicht, denn da dröhnt auch schon die erste Textzeile von Haddaways „What is love“ aus dem Lautsprecher. „Baby don’t hurt me“ heißt es in dem Lied. Diese Textpassage wird fast zum beschwörenden Mantra für das frisch vermählte Paar. Anna, die schon einmal verlassen worden ist, und Marco, der sein Glück mit seiner Frau irgendwie immer noch nicht fassen kann, sehnen sich beide nach einem glücklichen Leben zu zweit.

In der ländlichen Abgeschiedenheit, wo die Berge allmächtig auf das Tal hinunterblicken, braucht es nicht viele Worte, um sich die Liebe zu beweisen. Allerdings braucht es genauso wenig, um Misstrauen oder Vorbehalte auszudrücken. Da sind es beiläufige Sätze, die das Paar fortlaufend mit einem fest geprägten, traditionellen Bild konfrontieren. Annas damalige Trennung scheint auf Unverständnis zu stoßen und die Ehe mit Marco soll scheinbar zweckmäßig am besten auch noch ein weiteres Kind hervorbringen. Auf viele kleine Spitzen hat Anna keine Antwort oder nichts entgegenzusetzten. Vor allem dann, als die Diagnose fällt und die Dorfgemeinschaft mit der Krankheit und dem veränderten Wesen von Marco nicht mehr klarkommt. Schmerzhaft ist dabei zu sehen, wie Anna weiterhin versucht ist, sich um ihren Mann zu kümmern, sie aber von anderen kaum Unterstützung erfährt. Dies geht sogar so weit, dass durch eine prekäre und merklich unbequeme Szenerie, in der Marco die Kontrolle über sein Handeln völlig entgleitet, dieser von Annas Freundin am liebsten aus der „heilen“ Welt verbannt werden sollte.

Bis zu dem spürbar bewegenden Moment, in dem sich für alle Figuren der weitere Weg entscheiden wird, lässt uns der Regisseur in „Drii Winter“ an einer Welt teilhaben, in der der zurückhaltende Mann beim Pflegen seiner Kühe mit Gefühlen konfrontiert wird, die ihm vorher offenbar noch nie bewusst waren und die er auf seine eigene Lage projiziert. Mal ist es Nutzlosigkeit, dann aber auch der kommende Abschied, der Tod und die Trauer der Hinterbliebenen. Um diese emotionalen Abschnitte der Geschichte hervorzuheben, bedient sich Michael Koch einer kapitelartigen Struktur. Nur markieren hier keine Zwischentitel die Übergänge in die folgenden Zeitabschnitte, sondern ein Chor, dessen Liedtexte einen neuen Teil des gemeinsamen Weges von Anna und Marco einleiten.

Mit dem Mix aus dokumentarischem Stil und nahbarer Filmgeschichte bewegt sich der Regisseur auf einem nur schmalen Grat der Fiktion. Denn wenn der Nebel das Tal bedeckt, das Heu sinnbildlich zum Geschenk des Himmels wird, der Chor seine Trauerlieder unter geborstenem Gestein singt und ein offenes Fenster den Seelenfrieden bringt, ist zu spüren, das ist nicht nur irgendeine Geschichte, es ist auch die Geschichte von vielen.

Fazit

„Drii Winter“ pendelt zwischen Distanz und Nähe, zwischen naturgewaltigem Dokumentarfilm und fiktionalisierter Geschichte mit schwermütiger Note. Das Drama entwickelt dabei eine ganz eigene, vorsichtig beobachtende Art, unaufgeregt von den Schwierigkeiten einer sich verändernden Liebe zu erzählen, in der Fürsorge, Loyalität, Würde und Dankbarkeit am Ende das Wichtigste und Wertvollste sind.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(81/100)

Anm. der Redaktion: Wir stehen der Entscheidung der Berlinale, das Festival heuer als reine Präsenzveranstaltung und ohne Online-Option abzuhalten, kritisch gegenüber und berichten deshalb nicht in gewohntem Umfang aus Berlin. Unsere Korrespondentin Madeleine Eger, die in Berlin lebt, wird unsere Leser/innen in den kommenden 10 Tagen aber mit Berichten und Filmkritiken durch die Berlinale begleiten.

Bilder: © Armin Dierolf / hugofilm