Row, Savile Row. Nicht der Name eines neuen britischen Geheimagenten, sondern der einer prestigeträchtigen Straße im Stadtzentrum von London, in der seit über 170 Jahren Herrenausstatter ansässig sind und Berühmtheiten wie Churchill, Chales Dickens oder Ian Flemming zu den Kunden zählten. Wer dort sein Handwerk der Maßschneiderei gelernt hat, gehört wahrhaftig zu den ganz Großen. Zu denen, die anhand eines augenscheinlich simplen Zweiteilers ablesen können, wer die Männer sind, was sie sein möchten und was sie darunter verbergen. Zumindest sieht das Leonard so, der Brite, der seine Klienten wie kein Zweiter kennt und in seinem Laden in Chicago nicht nur die passgenauen und stilvollendeten Outfits für seine Kunden fertigt, sondern auch mit dem Untergrund Gangsternetzwerk „The Outfit“ in Berührung kommt.

von Madeleine Eger aus Berlin

Ein schneidiger, doppelbödiger Titel für Graham Moores neuen Film, für das er das Drehbuch schrieb und bei dem er das erste Mal auch Regie führte. Zuvor hatte der Drehbuchautor mit der Geschichte um Alan Turing, bei dem Benedict Cumberbatch die Hauptrolle des Mathematikers übernahm, 2014 einen Oscar entgegennehmen dürfen und auf sich aufmerksam gemacht. Angelegt als Kammerspiel in der Geburtsstadt des Filmemachers, bewegt sich das Krimidrama „The Outfit“ geschmeidig durch ein Schnittmuster voller Wendungen und sorgt für die ein oder andere Überraschung.

Nach einem bitteren familiären Rückschlag kehrt Maßschneider Leonard (Mark Rylance) seiner Heimat London den Rücken und baut sich im Chicago der 50er-Jahre einen kleinen Laden auf. Gemeinsam mit seiner Angestellten Mable (Zoey Deutch), die hingegen von einer Weltreise träumt, bedient er die ortsansässige Gangsterbande. Richie (Dylan O’Brien) und Francis (Johnny Flynn) kommen hier also nicht nur wegen der Anzüge vorbei, sondern auch, um den geheimen Briefkasten in dessen Werkstatt zu leeren. Als eines Tages allerdings Erpresserbriefe aus dem Gangsternetzwerk „The Outfit“ auftauchen und sich Vermutungen eines Verräters in den eigenen Reihen erhärten, wird Leonard unwillentlich in einen Zwist verwickelt, der sein Geschäft und Leben bedroht.

Was in „Chocolat“ die verführerische Süßigkeit und deren Verarbeitung war, ist in „The Outfit“ der maßgeschneiderte Anzug. Graham Moore beginnt mit bewundernden poetischen Worten und sinnlichen Bildern zu einem Handwerk, das nur wenige so präzise auszuführen wissen. Wie ein Künstler zeichnet sein Protagonist Leonard zunächst den Umriss seines Schnittmusters und dann die Linien auf den sorgfältig ausgewählten Stoff, aus dem das Kleidungsstück entstehen soll. Leidenschaftlich und ohne zu zögern gleitet die messerscharfe Schere durch das Material und gibt die Einzelteile des Entwurfs frei. Schon jetzt ist man fasziniert, lässt sich von Leonards sanfter Stimme und seiner Begeisterung für der Maßschneiderei gefangen nehmen. Man ist komplett verzaubert von den Bildern und den tänzelnden, prickelnden Jazzklängen. Vor allem aber von Mark Rylance, der den verhaltenen und bescheidenen Briten mit soviel Gefühl spielt, dass er sofort zum absoluten Sympathieträger wird. Mit seinem Charme wickelt er nicht nur seine Auftraggeber um den Finger, sondern auch das Publikum. Und genau damit trifft das Drehbuch von Graham Moore ins Schwarze.

Nichtsahnend glaubt man Leonard jedes Wort. Sieht den Mann, der eigentlich nur seine Ruhe haben will und der besorgt ist um Mable, für die er fast väterliche Gefühle hegt, die sich aber mit dem Ganoven Richie eingelassen hat. Als sich die Lage allerdings zuspitzt und Richie eines Abends angeschossen auf dessen Werkbank landet, fängt der Regisseur Moore an, mit seinen Figuren und den Erwartungen seines aufmerksamen Publikums zu spielen. Subtil und ruhig tastet er sich mit seinen Charakteren vor. Plötzlich verhält sich nicht mehr nur Francis verdächtig, den Johnny Flynn exzellent mit einer ordentlichen Portion Arroganz und spürbaren Dominanzverhalten spielt, auch Leonard rückt zunehmend ins Zwielicht seines Ateliers. Schließlich fängt er an Fragen zu stellen, nimmt seinen ungebetenen Notfall Richie ins Verhör. Ist etwa Leonard doch kein so unbeschriebenes Blatt, wie man uns gern glauben lassen möchte? Die erste unerwartete Konfrontation wird zumindest noch mit einem herzhaften Lachen beiseite gewischt. Doch je mehr der Brite in Bedrängnis gerät, desto mehr entwickelt sich der Noir Krimi zum Ratespiel à la „Knives Out“ in einem gekonnt gesponnenen Netz aus raffinierten Lügen und heimlichen Beobachtungen.

Mit einer kleinen Prise Humor, vor allem wenn es um die Bluejeans geht (die für den Leonard eine größere Bedrohung darstellten als die Nazis zu Kriegszeiten – das natürlich nur mit einem Augenzwinkern), ist „The Outfit“ ein durchweg unterhaltsamer und spannender Film, bei dem man gern dabei zusieht, wie sich am Ende alle gegenseitig die besten Geschichten an den Kopf werfen und in die Pfanne hauen.

Neben dem ausgeklügelten Drehbuch hat „The Outfit“ neben einem wunderbar stimmigen Ensemble, die in ihren Figuren vollkommen aufgehen, eine herausragende Schnitt- und Kameraarbeit zu bieten. Nicht nur die Eingangszenerie ist eine wahre Augenweide, auch als Richies Blut an Leonard klebt, prasselte eine formschöne Montage auf den Zuschauer ein, die zu beeindrucken weiß. In den letzten Minuten seines Films nimmt sich Regisseur und Drehbuchautor Moore dann allerdings mit seiner Auflösung selbst beim Wort, als es nämlich nach etlichen Twists und Turns heißt: „Wahre Perfektion ist unmöglich“…

Fazit

Bilder eines leidenschaftlichen Handwerks à la „Chocolat“, unterhaltsam, mitreißend und mysteriös wie „Knives Out“. „The Outfit“ ist eine noirlastiges Krimi-Drama mit erstklassiger Raffinesse, Charme, spannender Atmosphäre und einem großartigem Ensemble.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

Bilder: © Nick Wall / Focus Features

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