Im letzten Jahr kam der Gewinner-Film der Berlinale aus dem Iran. „There Is No Evil“ von Mohammad Rasoulof setzte sich kritisch mit dem Mullah-Regime und der Todesstrafe auseinander. Rasoulof durfte aber nicht zur Preisverleihung ausreisen, auch dieses Jahr urteilt er als Berlinale-Jury-Mitglied vom Iran aus über die Wettbewerbs-Filme. Man fragt sich, wie bei all den repressiven Maßnahmen der dortigen Regierung immer wieder solche Filme entstehen. Auch die diesjährige Berlinale hat in der Kategorie „Encounters“ mit Ehsan Mirhosseinis und Bardia Yadegaris „District Terminal“ einen iranischen Film im Programm, der ein bedrückendes Bild des Landes und der geistigen Verfassung der Menschen dort zeichnet, das lange nachhallt.

von Marius Ochs

Zwischen postapokalyptisch anmutenden Plattenbauten ist fast nur noch der heroinabhängige Poet Peyman (Bardia Yadegari) übrig. Nur wenige seiner Freunde sind noch da, ein Konflikt schwelt, es könnte Krieg geben. Sanktionen machen alles immer teurer, nur noch die drittklassigen Zigaretten sind erschwinglich. Die Angst greift um sich, Hoffnungslosigkeit, Resignation. Hoffnung und Kampf sind in Peymans Augen nichts als Heuchelei. Das Buch, an dem er schon seit Jahren arbeitet, kann nicht verlegt werden, der Staat erlaubt keine Geschichten über Drogen und vor allem nichts Religionskritisches.

Doch in Peymans Zimmer hängen Poster von Paul Schraders „First Reformed“ und Ingmar Bergmanns „Winter Light“ – Filme, die die Existenz eines Gottes anzweifeln. Nihilismus und Postapokalypse durchziehen Peymans Leben, der selten lacht und viele Entzüge anfängt und abbricht. Er ist ein Künstler durch und durch, zerbricht aber an der Unterdrückung. Seine Werke können veröffentlicht werden, wenn er sie verändere, problematische Passagen herausstreiche, sagt ihm der Verleger. Kurz danach sieht man ihn bei den anderen Sucht-Dämonen von Peymans sitzen und lachen, wenn der Junkie-Poet wieder einmal versucht, clean zu werden.

Seine Mutter, bei der er lebt, liebt ihn. Sie kämpft für ihren Sohn, ihre Hoffnung, geht sogar demonstrieren. Doch sie landet irgendwo eingesperrt, darf erst einen Tag später wieder nach Hause. Schon sitzen in ihrer Wohnung andere Heroinabhängige. Aus dem Kreislauf gibt es kein Entkommen.

Auch die Poesie kann Peyman nicht retten. Seine Worte unterbrechen den Erzählfluss von „District Terminal“ immer wieder. Ein Virus sei ausgebrochen, heißt es, Quarantäne-Einheiten patroullieren die Straßen. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt: unmerklich, düster, erbarmungslos.

Die Gewalt, der Peymans Kunst von staatlicher Seite ausgesetzt wird, verändert sein Selbst. Er wird gemacht, darf seine eigene Geschichte nicht erzählen. Er zerbricht unter diesem Druck. „District Terminal“ macht erfahrbar, was Unterdrückung und Diktatur bedeutet: Zwischen künstlerischer Freiheit und staatlicher Repression, nihilistischer Resignation und heuchlerischer Hoffnung, Drogen und Leben kreiert der Film einen wirkungsvollen Sog, der einen mitnimmt auf einer Spirale des Verzweifelns. Eine mächtige, düstere Bildsprache mit reduzierten Farben zeigt den politischen Joch, unter dem Entfaltung kaum möglich ist.

Fazit:

„District Terminal“ hallt lange nach. Mit seiner Arthouse-Ästhetik zeigt der Film 120 Minuten lang einen hoffnungslosen Einblick in das iranische Künstler-Seelenleben während der Pandemie. Die Themen sind hart, die Witze zynisch, die Bilder brutal. Zwischen Fiktion und Dokumentation kaum zu unterscheiden, tut einem der Kopf und das Herz weh am Ende dieses Films. Peymans Zustand ergreift durch den Bildschirm und lässt nicht mehr los, es ist schwer, diesen Nihilismus danach von sich zu streifen. Ein schwieriger und trotzdem wichtiger Film.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(86/100)