Der Tod des Kinos wurde schon oft ausgerufen: Zuerst war es das Fernsehen Mitte des vergangenen Jahrhunderts, das den Lichtspielhäusern den Garaus machen sollte, dann VHS und DVD, und zuletzt befeuerte der Streaming-Hype eine Entwicklung, die viele für nicht mehr aufhaltbar halten – das „Heimkino“, der Zugriff auf (fast) alles zu jederzeit, die „Content-isierung“, wie Martin Scorsese in einem kürzlich erschienenen Artikel kritisierte, sie sollen das Kinoerlebnis vor Ort im Kinosaal ablösen.

von Christian Klosz

Die Vorteile des Heimkinos und des Streamings liegen auf der Hand: Vergleichsweise günstig, große Auswahl, auf den persönlichen Geschmack zugeschnittene Inhalte, die wohlige Rundumversorgung für Filmfreunde – und das alles gemütlich von der Couch aus. Wobei das Problem der Streamingisierung von Film eben jene Gemütlichkeit ist, denn Film, wird er als Kunstform begriffen, soll nicht gemütlich, angenehm, einlullend sein, sondern wachrütteln, zum Nachdenken anregen oder gar erschüttern. Darin liegt die Kraft von Filmkunst und jeder Kunst. Und dafür braucht es einen geeigneten Rahmen, den ein Kinosaal, auch mit seinem halböffentlichen Charakter (alleine unter vielen gemeinsam ein Erlebnis teilen) und mit seiner sozialen Funktion, viel besser erfüllen kann, als die Wohnzimmercouch und der Laptop oder Fernseher, die mit Daten geflutet werden.

Womit wir beim eigentlichen Problem wären: Derzeit gibt es nur die Couch, denn die Kinosäle sind in unseren Breiten seit Monaten zu. Es gibt keine Auswahlmöglichkeit, derzeit gibt es für Filmfans nur die Möglichkeit, auf Online-Angebote zurückzugreifen. Zum Glück, eh. Und die Auswahl ist groß. Und doch fehlt etwas. Auf die „Play“-Taste zu drücken und sich berieseln zu lassen ist doch etwas anderes als aktiv nach draußen zu gehen, ein Kinoticket zu kaufen, sich auf seinen Platz zu setzen und 2 Stunden einem Werk ausgeliefert zu sein, ohne Stopp- und „Flucht“möglichkeit. Vielen wird derzeit auch bewusst, dass Kino mehr ist als nur ein überteuerter Filmabspielraum mit nervigen Sitznachbarn, und die Sehnsucht steigt.

Es ist lange her, dass Kino Sehnsuchtsort war, und gerade das spricht dafür, dass das Kino auch Corona überleben wird. Oder zumindest die „Idee Kino“. Erste Erfahrungen mit Kurzzeitöffnungen aus „Modellregionen“ belegen das: Die Vorstellungen sind ausverkauft, die Menschen sind froh, endlich wieder etwas unternehmen zu können. Wenngleich sich nach Ende der Pandemie, wann immer das sein wird, schon davor abzeichnende Trends weiter verstärken werden: Die „Differenzierung“ und „Elitarisierung“ von Kino wird weiter voranschreiten, Film bleibt zwar Massenmedium, die „Konsumptionsform Kino“ aber wohl nicht, Kino wird noch mehr der Ort für gezielte, interessierte Auseinandersetzung mit Inhalten, Stoffen und Themen, oftmals geleitet durch kreative Kuratierung oder begleitet durch Gespräche und Diskussionen (ähnlich einer Ausstellung im Museum) – so, wie das schon vor der Pandemie viele Programmkinos gemacht haben.

Wenn also der „Sehnsuchtsort Kino“ diese Pandemie überstehen wird, stellt sich schließlich die Frage, ob und wie der physische Ort Kino (finanziell) überleben wird, ganz konkret: Die Kinobetreiber, die Filmverleiher, die Standorte. Und diese Frage wird immer drängender und es braucht dringend Antworten. In Österreich, insbesondere in Wien, können sich die kleinen Programmkinos auf großzügige Förderungen verlassen, die das Gröbste abfangen, noch. Wie lange noch? Und die großen Kinoketten haben davon wenig bis nichts, da sie als unabhängige Unternehmen wirtschaften und ihr Bestehen etwa für Stadt und Bund von geringerem Interesse ist. Und was ist mit all den in der Branche Angestellten, die seit Monaten in Kurzarbeit, Home Office oder arbeitslos sind? Es braucht dringend eine Perspektive, wie Kino unter den aktuellen Bedingungen realisierbar ist (selbiges gilt natürlich auch für Theater, Musik, usw.). Die Konzepte liegen auf dem Tisch, Abstand zwischen den Sitzplätzen und Maske am Platz wurde bereits im Sommer/Herbst umgesetzt, die Eintrittstests sollten ein probates Mittel sein, die Risiken weiter zu minimieren. Wenn die Corona-Maßnahmen der Regierung(en) im Großen und Ganzen auch nachvollziehbar sind, irgendwann stellen sich bestimmte Fragen, die nicht auf Dauer ohne Antwort bleiben können: Warum dürfen Museen öffnen, Kinos nicht? Bei entsprechendem Abstand und Maske sollte das Risiko ähnlich klein sein. Wie kann es sein, dass in den Öffis Menschen dicht an dicht gedrängt stehen, während sie auf Kinosesseln mit großem Abstand (und davor getestet!) nicht Platz nehmen dürfen? Warum ist Flugverkehr möglich, aber kein Kinobesuch? Und warum wird Kunst und Kultur und deren gesellschaftlicher Wert offenbar derart niedrig eingeschätzt? Es braucht Antworten, besser früher als später. Die Idee Kino wird auch diese Pandemie überleben. Aber ob das einzelne Kino für sich überleben wird, das steht wie derzeit so vieles in den Sternen.

Bild aus: „Inglorious Basterds“