Zwischen Vorortidylle und Großstadtsehnsucht, zwischen nachmittäglichen Familientreffen und nächtlichen Partyeskapaden, zwischen schnellen Grindr-Dates und der Suche nach Liebe, vor allem aber zwischen Zugehörigkeit und Fremdartigkeit: Parvis (Benjamin Radjaipour), der als Sohn einer aus dem Iran stammenden Familien in Hildesheim aufwächst, sieht sich in jeder Situation mit einem diffusen Gefühl von Zwiespalt und Unentschlossenheit konfrontiert. Erst als er nach einem Ladendiebstahl in einem nahegelegenen Flüchtlingsheim Sozialstunden ableisten muss und daraufhin das Geschwisterpaar Amon (Eidin Jalali) und Banafshe (Banafshe Hourmazdi) kennenlernt, scheint die Welt für ihn an Klarheit und Struktur zu gewinnen und zeigt sich zugleich mit ganz neuen Perspektiven und Möglichkeiten.

von Madeleine Eger

Das souveräne und selbstbewusste Debüt des 1994 geborenen Regisseurs Faraz Shariat, welches 2020 während der Berlinale gleich mit zwei Teddy Awards ausgezeichnet worden ist (ua. für den Besten Spielfilm), lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Realität nahtlos ineinanderfließen. „Futur Drei“ ist ein autobiographisch geprägter Film, der generationsübergreifend von post-migrantischen Lebenserfahrungen in der deutschen Provinz erzählt und sich bewusst auf mehreren Ebenen (und nicht nur den Hauptcharakter Parvis betreffend) der Frage nach Heimat, Zugehörigkeit, Selbstverwirklichung und Identitätsfindung, aber auch der schmerzlichen Erfahrung von Ausgrenzung, Sehnsucht und unerfüllten Träumen stellt. Dabei ist „Futur Drei“ trotzdem mal unbeschwert sommerlicher Coming-of-Age, mal intensiv bunter Partytrip mit Musikvideocharakter, ein andermal wiederum fast künstlerisch traumartig oder gar dokumentarisch. Gestalterisch bricht der Regisseur hier immer wieder mit eingefahrenen Seherfahrungen und positioniert sich klar gegen übliche Konventionen und Klischees in der Darstellung von Migranten.

Während Parvis nämlich beispielsweise immer wieder auf seine Wurzeln reduziert wird, sorgt das bei ihm nicht nur für Enttäuschung und Verunsicherung, sondern auch für Frustration. Der Regisseur setzt in vielen derartigen Momenten den Fokus und Schnitt so subtil gelenkt ein, dass das verdeckte Spiel mit Vorurteilen und Schubladendenken nicht nur für seine beteiligten Protagonisten jede Menge Raum für Reflektion bietet. So etwa gleich zu Beginn, als Parvis von seinen Eltern auf Farsi zum Geburtstag gratuliert wird, er wenige Minuten später gefragt wird, wo er denn eigentlich herkommt, der darauffolgende Sprung vom Rave ins elterliche Eigenheim nicht nur den nächsten Tag einläutet, sondern diese Frage sogleich mit aller Deutlichkeit beantwortet und man sich ein Schmunzeln darüber auch nicht völlig verkneifen kann. Es sind gerade diese mehrfach vorkommenden Momente, die sehr persönlich als auch allgemeingültig zeigen, wie sich manche Menschen mit alltäglicher und existenzieller „Fremdheit“ konfrontiert sehen. In Parvis‘ Fall ist die Sache noch etwas komplizierter, da er zunächst auch als Gleichgesinnter im Flüchtlingsheim angesehen wird, er aber nicht den Mut hat, dem zu widersprechen. Parvis erfährt im Laufe der Erzählung immer wieder eine Fremdkonstruktion seiner Identität und kann am Ende vielleicht gar nicht genauso sagen, wer oder „was“ er ist.

In das Geflecht aus Identitätsfindung schafft es „Futur Drei“ zudem aber auch ebenso feinfühlig, eine queere Liebesgeschichte aufzubauen, die mit sanften Bildern und stehlenden Blicken des zaghaften Kennen- und Liebenlernens einen zauberhaften Charme versprüht. Und wenngleich die zugrunde liegende Thematik komplex und schwermütig daherkommt, so verwehrt sich der Film den romantischen, komödiantischen, und manchmal auch bissig kommentierten Momenten keineswegs. Zusätzlich gespickt mit Popkulturreferenzen, wird „Futur Drei“ zu einem erfrischend unkonventionellen und starken Debüt, welches Wiedererkennungswert sowie Identifikationspotenzial bietet und zugleich voller Stolz, und mit Hilfe von Sailor Moon, in den Kampf für Liebe und Gerechtigkeit zieht.

Fazit

Das junge talentierte Ensemble, sowohl vor als auch hinter der Kamera, versteht es, die Geschichte einer transkulturellen Jugend in Deutschland einzufangen und „Futur Drei“ zu einem herausragenden Beispiel werden zu lassen, wie deutscher Film auch sein könnte. Es werden Sehgewohnheiten durchbrochen und Platz geschaffen für neue Geschichten in unbekanntem Umfeld, die genauso tiefgründig wie abwechslungsreich sind. Mehr als alles andere strotzt das Debüt vor Selbstsicherheit und der Gewissheit „Wir sind die Zukunft!“.

Rating

Bewertung: 8 von 10.

„Futur Drei“ erschien am 25.3. auf DVD und BluRay und ist außerdem als VOD online zu sehen.

Bild: (c) Edition Salzgeber