Am 24.7. kam mit „Vermiglio“ der diesjährige italienische Beitrag für den internationalen Oscar in die Kinos. Es ist der zweite Langspielfilm von Regisseurin Maura Delpero, die bereits mit „Maternal“ (2019) ein starkes Debüt hingelegt hat. Ab 27.11.2025 ist „Vermiglio“ nun auch im Heimkino als VOD verfügbar.

Kritik von Christian Oehmigen

„Vermiglio“: Eine Geschichte über das Überleben, die Liebe und die Last der Tradition

Norditalien, 1944 – der Zweite Weltkrieg neigt sich dem Ende zu. Im abgelegenen Bergdorf Vermiglio wird der Alltag der Familie Graziadei gezeigt. Vater Cesare ist das Oberhaupt der kinderreichen Familie und Lehrer der kleinen Gemeinde. Er unterrichtet nicht nur die Kinder, sondern gibt samstags auch Kurse für Erwachsene.

Als der sizilianische Deserteur Pietro im Dorf auftaucht, bringt er Unruhe in die Dynamik: Die älteste Tochter Lucia verliebt sich in den schweigsamen Soldaten, und die beiden heiraten kurze Zeit später.

Der Krieg ist zu diesem Zeitpunkt vorbei, und Pietro möchte nach Sizilien zurückkehren, um seine Mutter zu sehen. Er verspricht der hochschwangeren Lucia, so bald wie möglich wiederzukommen. Doch als aus Tagen Monate werden und keinerlei Lebenszeichen von Pietro eintreffen, beginnt Lucia, sich Sorgen zu machen – bis ein Zeitungsartikel alles verändert.

Zwischen dokumentarischer Präzision und familiärer Intimität

„Vermiglio“ erzählt in gemächlichem Tempo und eindrucksvollen Bildern von der harten Realität des Dorflebens. Fast dokumentarisch fängt Maura Delpero den Alltag der Familie ein. Mit dem Film verarbeitet die Regisseurin auch ihre eigene Familiengeschichte.

Das Familienoberhaupt Cesare (Tommaso Ragno) ist ihrem verstorbenen Vater nachempfunden. Die Figur der Mutter Adele (Roberta Rovelli), die alles zusammenhält und ständig schwanger zu sein scheint, basiert auf Delperos Großmutter, die ebenfalls zehn Kinder hatte. So wird aus dem Drama ein zutiefst persönlicher Film.

Dem Zuschauer wird die Komplexität des damaligen Lebens spürbar nähergebracht: Der Vater ist streng, hadert aber mit sich selbst. Oft sieht man ihn allein am Fenster rauchen, gedankenverloren klassische Musik hörend. Die Mutter Adele ist der Ruhepol der Familie. Auch sie muss Verluste verkraften und wird von Cesare zurechtgewiesen, wenn sie emotional wird. Dabei geht es dem Film nicht um toxische Beziehungen oder das Patriarchat. Es geht um das authentische Leben in jener Zeit – und darum, wie sehr man einfach funktionieren musste.

Delpero, die ihre filmische Karriere mit Dokumentarfilmen begann, legt großen Wert auf historische Genauigkeit und betrieb umfangreiche Recherche. Das merkt man „Vermiglio“ an: Gerade durch die ruhige Erzählweise fühlt man sich, als sei man mittendrin im Geschehen. Gemeinsam mit Kameramann Mikhail Krichman gelingen ihr atemberaubende Außenaufnahmen der Bergwelt, aber auch intime, leise Momente zwischen den Figuren.

Allerdings verliert sich der Film stellenweise. Manche Themen werden zwar angeschnitten, aber nicht weiterverfolgt – das ist dem zu großen Cast zuzurechnen. Es gibt so viele interessante Einzelschicksale, dass die Laufzeit von knapp zwei Stunden dem nicht gerecht wird.

Beispielsweise bleibt der Konflikt zwischen Cesare und dem ältesten Sohn Dino unausgesprochen. Man erkennt, dass der Vater enttäuscht ist, doch der Film vertieft das nicht weiter. Auch die Entscheidung Cesares, wegen Geldmangels nur einer Tochter den Schulbesuch zu erlauben, während die andere auf dem Hof bleiben und helfen muss, wird kaum thematisiert.

Der Einstieg selbst ist etwas sprunghaft: Man wird mitten ins Geschehen geworfen und muss sich geografisch und zeitlich erst orientieren. Das kann reizvoll sein – weil der Film Eigeninitiative fordert –, aber es könnte manche Zuschauer auch überfordern oder vom Zugang abhalten.

Starke Schauspielleistungen erden den Film

„Vermiglio“ ist atmosphärisch dicht, stellenweise jedoch langatmig. Wer sich auf Tempo und Ton einlässt, wird mit einem immersiven Filmerlebnis belohnt. Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg gut – besonders, da Delpero neben professionellen Schauspielern auch lokale Dorfbewohner besetzt hat, das gibt dem Film die nötige Authentizität. Tommaso Ragno als Cesare sticht hervor: Zunächst wirkt er wie der typische Patriarch, wird aber keineswegs eindimensional dargestellt. Er ist kultiviert, hat Sehnsüchte und Geheimnisse.

Auch Roberta Rovelli als Adele liefert ein starkes Porträt. Sie ist der Fels in der Brandung, bringt Ruhe und Stabilität in den Alltag, wirkt aber ebenfalls erschöpft und frustriert. Auch sie hat Bedürfnisse, die aber fast gar nicht wahrgenommen und abgewiesen werden. Trotzdem wird der Film nie ermahnend oder belehrend. Er zeigt einfach, ohne zu werten.

Von den Jungdarstellern kann vor allem Tochter Ada, gespielt von Rachele Potrich, überzeugen. Sie will gerne auf die höhere Schule, doch Vater Cesare entscheidet sich für Flavia (Anna Thaler), da er sich selbst mehr in ihr erkennt.

Im letzten Akt darf auch Martina Scrinzi als Lucia glänzen. Obwohl sich die Handlung eigentlich um sie dreht, rückt sie erst in den letzten 20 Minuten ins Zentrum – als sie sich zunehmend Sorgen um Pietro macht, der seit seiner Abreise nach Sizilien verschwunden ist.

„Vermiglio“ hat alle Zutaten für ein intensives Alltagsdrama, das uns ein Jahr im Leben einer Familie zeigt, die nach ganz eigenen Regeln lebt. Auch oder gerade weil der Film so behutsam beginnt, wirken die Wendungen und Konflikte umso stärker und hallen nach dem Abspann noch nach.

Fazit

Mit „Vermiglio“ ist Maura Delpero ein weiterer starker Film gelungen. Die Südtiroler Bergwelt wurde eindrucksvoll eingefangen, die Geschichte der Familie Graziadei mit einer dokumentarischen Genauigkeit erzählt. Die langsame Erzählweise verlangt Geduld – aber man wird belohnt mit einem atmosphärisch dichten, komplexen Familiendrama. Zwar bleibt der Film einige seiner Themen schuldig, doch schauspielerisch und inszenatorisch überzeugt er durchaus.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

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Bilder: (c) Piffl Medien