Als Anfang der 1990er Jahre die ersten Funktelefone Einzug in unseren Alltag erhielten konnte noch niemand ahnen, welche hochleistungsfähigen Geräte uns heutzutage auf Schritt und Tritt begleiten würden. Damals noch dem reinen Informationsaustausch zugedacht, sind die Handys von heute Computer, Telefon, Kamera und Fernseher in einem, dienen zur Aufrechterhaltung und Knüpfung sozialer Kontakte jedweder Art und sind nicht zuletzt das wohl wichtigste Arbeitsmittel im Leben der heutigen Generation „Influencer“.

von Cliff Brockerhoff

Kurt Kunkle ist eine dieser neumodischen Präsenzen, oder besser gesagt, er wäre es gerne. Trotz großer Mühen, abwechslungsreichem content, monatelanger Disziplin und guter Kontakte erreichen die Aufrufzahlen seiner Streams und Videos mit Mühe den zweistelligen Bereich. Doch der junge Mann hat eine letzte Idee und setzt mit #TheLesson zum großen Wurf an. Mittels zahlreicher Kameras möchte er seine Tätigkeit als Taxifahrer mit der des Internetstars verbinden, installiert kurzerhand jede Menge Technik im Auto und will seine Follower an etwas nie dagewesenem teilhaben lassen: dem Mord seiner unschuldigen Fährgäste, live und in Farbe.

So lautet die Prämisse von „Spree“, dem knapp anderthalbstündigen Werk von Eugene Kotlyarenko, der als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor in Personalunion fungiert. Er präsentiert seinen Zuschauern einen mitunter gnadenlosen Trip in die Abgründe der sozialen Netzwerke und hält uns allen ganz nebenbei den Spiegel vor. Die Art der Inszenierung ist dabei dem Thema angepasst, nutzt verschiedenste Splitscreen-Techniken, überflutet die Netzhäute mit simultanen Massen an Informationen, wechselt Perspektiven und ruft so beinahe Überkeitsgefühle hervor. Getreu nach dem Motto: Mittendrin statt nur dabei. Gerade anfangs fällt es schwer dem Treiben zu folgen, nach einer Zeit stellt sich aber die selektive Wahrnehmung ein, sodass zwar nicht alle (Hass-)Kommentare mitgelesen werden können, das große Ganze aber erkennbar wird.

So gerät die Mischung aus Thriller und bitterböser Comedy schnell zu einer abwechslungsreichen, wie auch ernüchternden Fahrt durch die Welt der Hashtags, Likes und Shares. Wo „Spree“ anfangs noch wie eine schwarze Komödie ohne Tabus wirkt, wird im Fortlauf immer mehr ersichtlich, dass es sich vielmehr um einen sozialkritischen Kommentar auf den Werteverfall der Neuzeit handelt. Immer schneller, immer höher, immer krasser – Grenzen werden zur Makulatur, und wo ein Mord mühelos gelingt, ist die nächste Dreifachtötung schon in Reichweite; alles unter dem begeisterten, virtuellen Beifall der frisch dazugewonnenen Fans. Auch wenn das Werk den Finger zeitweise beherzt in die Wunde längt, lässt der Film hier und da eine differenziertere Auseinandersetzung vermissen. Die Kernthematik ist  vom Start weg klar, von dort an bietet das Drehbuch wenig Progression und reißt gewichtige Komponenten lediglich oberflächlich an.

Diese inhaltliche Zaghaftigkeit ausgeklammert, ist „Spree“ aber durchaus gelungen und überzeugt vor allem durch seinen charismatischen und wandelbaren Protagonisten. Joe Keery, den meisten wohl durch seine Rolle in der Netflix-Erfolgsserie „Stranger Things“ bekannt, mimt den ehrgeizigen Jungspund ohne Gewissen, grinst immer wieder manisch in die Kamera oder präsentiert uns unverhohlen sein blutverschmiertes Gesicht. Seine Figur positioniert sich trotz klarer Verfehlungen als emotionaler Dreh- und Angelpunkt, der stellenweise durch die Verflechtung einer persönlichen Hintergrundstory unterfüttert wird. Seine Beweggründe sind zu jeder Zeit ersichtlich und rufen immer wieder Reaktionen hervor, die sich von ungläubigem Schmunzeln bis hin zu tiefster Abscheu erstrecken. Kurt ist nicht der typische Antagonist, kein echter bad guy, sondern am Ende leider einfach nur das gut porträtierte und zugleich traurige Abbild einer scheinbar verlorenen Generation.

Fazit

„Spree“ imitiert durch seine hektische Inszenierung und die teils überbordende Stilistik gekonnt die Schnelllebigkeit unseres Alltags und triggert dabei genau die Reize, die auf zynische Art und Weise kommentiert werden. Kotlyarenkos kurzweiliges Schreckensszenario ist bebilderter Voyeurismus, zuweilen gnadenlos unterhaltsam, auf der anderen Seite der Kamera aber auch ebenso austauschbar. Anstelle einer greifbar gehaltvollen Aussage verweilt der Film bei trivialem Amüsement und schafft es zu selten genau die Grenzen zielsicher ins Kreuzfeuer zu nehmen, die er pausenlos missbilligt.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(62/100)

„Spree“ ist einer von 9 Filmen, die ihr in der Zeit vom 19. bis zum 22. April im Rahmen des SHIVERS Film Festival sehen könnt. Alle Infos, Filme und Tickets bekommt ihr hier.