Das Drama „Nürnberg“ ging in der öffentlichen Beachtung – und auch bei den Award-Verleihungen letztes Jahr – irgendwie unter. Unverständlich, denn der Film ist die Rückkehr des großen, historisch bewussten Mainstream-Dramas mit Anspruch und hätte sich mehr Aufmerksamkeit verdient. Als Zugabe zu einer spannend umgesetzten und thematisch relevanten Erzählung gibt es einen schauspielerisch endlich wieder einmal geforderten Russel Crowe („Sleeping Dogs“) als Nazi-Scherge Hermann Göring, der an alte Zeiten anknüpfen kann. Ab 7.5.2026 ist „Nürnberg“ bei uns im Kino zu sehen.
Kritik von Christian Klosz
NS-Deutschland liegt in den letzten Atemzügen, der Führer hat sich bereits selbst gerichtet und die Alliierten haben weite Teile des dritten Reiches eingenommen. Sie suchen nun nach den noch lebenden Führungsfiguren der Nazis, da geht ihnen eher per Zufall ein großer und dicker Fisch ins Netz: Hermann Göring (Russel Crowe), Stellvertreter Hitlers und nach dessen Ableben die neue Nummer 1, ergibt sich bei einer Straßenkontrolle freiwillig und wird festgenommen.
Die Nürnberger Prozesse als großer Hollywood-Film
Andernorts, in den USA, erwägt der Oberste Richter Robert H. Jackson (Michael Shannon) als künftiger Chefankläger, wie man die Nazi-Verbrecher ihrer gerechten Strafe zuführen kann. Und ob es dazu internationale Prozesse geben soll. Jede Menge Zweifel und juristische Fragen tun sich auch: Weswegen klagt man Göring und Co. an? Wer darf anklagen? Wo hält man diese Prozesse ab? Sollte man die Verbrecher nicht einfach hinrichten?
Nachdem Nürnberg als Ort dieser ersten Prozesse wegen „Verbrechen gegen die Menschheit“ ausgewählt wurde, soll dort der aufstrebende Psychiater Douglas Kelley (Rami Malek) auf Göring und Co. „aufpassen“: Man möchte weitere Selbstmorde verhindern, er soll sicherstellen, dass die Nazischergen tatsächlich vor Gericht erscheinen und mit ihren Taten konfrontiert werden. Kelley tut das auch aus Eigennutz: Er hat die einmalige Chance, menschliche Monster und das Böse aus nächster Nähe zu studieren, Motive zu ergründen und will das später in einem Buch niederschreiben, der sein fachlicher Durchbruch werden soll.
Zu Beginn ihrer Bekanntschaft entwickelt sich zwischen Kelley und Göring fast so etwas wie eine Freundschaft: Göring kann durchaus charmant sein, wenn er will, sein Psychiater zeigt Interesse an ihm als Person, wobei das auch nur Berechnung sein könnte, um sich Zugang zu ihm und seiner Welt zu verschaffen. Für eine Weile verschwimmen die Grenzen zwischen Arzt und Patient, zwischen Bürger und Massenmörder. Doch Göring sollte sein wahres Gesicht offenbaren.
Russel Crowe verleiht dem Bösen in „Nürnberg“ ein charmantes Antlitz
Mit „Nürnberg“ gelang Regisseur und Autor James Vanderbilt ein großer, bedeutender, historisch und aktuell relevanter Film, geradezu klassisch in seiner Machart, angesiedelt zwischen Gerichts-Thriller, historischem Drama, Psychogramm und Mainstream-Unterhaltungsfilm. Weshalb es dieser wichtige und gute Film bisher nicht zu mehr Aufmerksamkeit gebracht hat ist schwer zu ergründen. Vielleicht finden Teile des Publikums das Thema (fälschlicherweise) „auserzählt“. Vielleicht schreckt(e) die Laufzeit von knapp 2,5 Stunden manche ab, oder die eher gemächliche Erzählweise. Tatsächlich wirkt „Nürnberg“ in einer Mise-en-scène und auch in Bezug auf das Erzähltempo etwas aus der Zeit gefallen, der Film hätte so auch in den 90ern oder 00er-Jahren erschienen können (und wäre dann vielleicht erfolgreicher gewesen).
Ein Highlight ist zweifelsohne Russel Crowe, der Hermann Göring eine charmante, geradezu sympathische Hülle verleiht, hinter der sich kolossale, aus Größenwahn und Narzissmus geformte Abgründe verbergen, die erst im letzten Drittel des Films greifbar und sichtbar werden. Crowe, so hat man den Eindruck, ist hier endlich wieder einmal gefordert, nachdem er in den letzten Jahren hauptsächlich in besseren oder schlechteren B-Movies zu sehen gewesen war, in Rollen, die seinem Talent kaum gerecht wurden.

Von Menschen und Monstern
Besonders gut gemacht ist, wie das Publikum über die Beziehung zwischen Kelley und Göring, in gewisser Weise durch die Augen des Psychiaters, sich dem Bösen annähern darf, das sich im Fortschreiten der Geschichte immer mehr manifestiert. „Nürnberg“ wirft dabei Fragen auf, die die Erzählung tragen: Wo verläuft die Grenze zwischen Mensch und Monster? Hat Göring noch etwas Menschliches an sich? Ist sein Gebaren als liebender Familienvater nur eine Rolle, oder zumindest zum Teil authentisch? Auch Göring selbst stellt sich im Film auf seinen Prozess wartend diese Frage: Wird uns die Nachwelt noch als Menschen sehen, oder nur als Monster?
Diese Szene offenbart auch die Psychologie und Persönlichkeit Görings, zumindest so wie sie Vanderbilt in seinem durchaus bemerkenswerten Drehbuch versteht: Ein hochintelligenter Mann, umgänglich, sogar freundlich und zur (Selbst-)Reflexion seiner historischen Rolle fähig, die ihm, dem Narzissten, gemeinsam mit seinem Vermächtnis so wichtig ist. Und doch verblendet von der eigenen „Wahnsinns“-Mission, die immer wieder vor sich selbst gerechtfertigt werden muss, innerlich entstellt von Selbstbetrug und Lügen, etwas von den KZs nichts gewusst zu haben. Glaubt(e) Göring das wirklich?
Die Konfrontation mit den Gräueln der Konzentrationslager gehört jedenfalls zu den stärksten Szenen in „Nürnberg“: Es ist ungemein stark inszeniert, wenn das Publikum in die Rolle des Zuschauer der Nürnberger Prozesse versetzt wird, als viele zum ersten mal Aufnahmen aus den KZs zu sehen bekommen, deren Existenz zuvor nicht in der Masse bekannt war. Im Gerichtssaal wie im Film selbst herrscht dann erdrückende Stille. Hier wird klar, dass die NS-Herrschaft weit mehr war als ein „Krieg zur Selbstverteidigung“, wie Göring meint.
Fazit
„Nürnberg“ ist ein altmodisch erzähltes, aber von subtiler Spannung getragenes Psychogramm des Bösen, das fesselt, involviert und berührt. Seine (relative, an heutigen Standards gemessene) Länge ist sein Vorteil, die Geschichte kann sich so in dem ihr angemessenen Tempo entfalten, Russel Crowe schwingt sich zu alter Form auf. Einzig die Besetzung Rami Maleks kann man hinterfragen, er scheint seiner Figur nicht gänzlich gewachsen.
Bewertung
(88/100)
„Nürnberg“: Ab 7.5.2026 im Kino.
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Bilder: (c) Sony Pictures Classics / Scott Garfield bzw. Bluestone Entertainment
