Albert Speer, der Hitler-Architekt und spätere Waffen-Minister in der NS-Zeit, galt lange als „guter Nazi“, der durch seine (teilweise) Reue und seine Erzählungen als Mensch, nicht als Monster, wahrgenommen wurde; einer, der von einer gefährlichen Ideologie als junger Mann verführt wurde, aber selbst nie etwas von den Gräueltaten des NS-Regimes mitbekommen haben will. „Speer goes to Hollywood“ will diese in erster Linie von Speer selbst inszenierte Lesart herausfordern und sie als das überführen, was sie ist: Eine wohl kalkulierte Anstrengung der (Selbst-)Verleugung von Mitwisser- und Mittäterschaft.

von Christian Klosz

Regisseurin Vanessa Lapa greift dazu auf vielfältiges Archivmaterial zurück, erstmals auch auf 40 Stunden Tonaufnahmen, die Drehbuchautor Andrew Birkin, ein Freund Kubricks, im Gespräch mit Speer aufzeichnete. Er sollte das Skript für eine Hollywood-Verfilmung von Speers „Erinnerungen“ verfassen (die schlussendlich nie zustande kam) und den Inhalt mit dem arischen Architekten besprechen. Dabei zeigt sich, dass Speer tatsächlich gut nach Hollywood gepasst hätte, denn er offenbart sich als großartiger Erzähler und Erfinder von fiktiven Wahrheiten, der Schein dem Sein vorzieht

„Speer goes to Hollywood“ ist ein stilistisch solider gemachter Dokumentarfilm, der sich durch guten Schnitt und eine stimmige Montage auszeichnet. Die Tonaufnahmen der Gespräche zwischen Drehbuchautor Birkin und Speer werden unterlegt von vielen Orginalaufnahmen von Speer in seinem „natürlichen Umfeld“, den NS-Größen zur Nazizeit, und von Ausschnitten der Nürnberg-Prozesse. Alleine diese Kombination aus Bild- und Tonaufnahmen ist sehens- und hörenswert, bietet für Interessierte neue Details und Einblicke und für Menschen, die sich zum ersten Mal ausführlicher mit dem Themenkomplex der NS-Verbrechen befassen, schockierende Expositionen.

Noch beachtlicher – neben dieser durchaus auch vorhandenen, oberflächlichen Qualität des Films – und das Bild, das er zu zeichnen versucht, bzw. die Absicht, die er offenbar verfolgt: Speer nämlich als Feigling, als Opportunisten und „Träumer“ (im negativsten Sinne) zu enttarnen, der die Welt (und sich selbst?) lange Zeit glauben ließ, er wäre mehr Opfer denn Täter, im schlimmsten Falle ahnungsloser Mitläufer, der doch von all dem nichts mitbekommen hätte. Widersprüchen, die während der Nürnberger Prozesse, aber auch während der Gespräche mit Birkin, offenscheinlich werden begegnet er mit ausweichendem, einlullendem Gelaber und scheinbaren Wissenslücken: Er habe doch von nichts gewusst, und wenn doch, dann habe er es vergessen.

„Speer goes to Hollywood“ ist nicht nur aus historischer Sicht interessant, sondern birgt auch eine gewisse Aktualität. Zum einen wird hier anschaulich illustriert, wie willenlose und willfährige „Mitläufer“ zu Opfern radikaler Ideologien werden und sich damit selbst zu Tätern machen. Ziele wie Karriere, Ansehen, „dazugehören Wollen“ werden moralischen und ethischen Bedenken übergeordnet. Zum anderen ist der Film und das sich darstellende Verhalten Speers das Paradebeispiel für feige Verantwortungslosigkeit und Verleugnung, das sich derzeit in vergleichbarer Form in einigen Ländern nah und fern auf höchster politischer Ebene wiederholt: Eine eigene Erzählung, eine eigene Wahrheit wird geschaffen, weil das, was wirklich ist, nicht sein darf. Oder eben das Anerkennen eigener (Mit-)Schuld und Verantwortung erfordern würde. Man könnte es auch Massenmanipulation nennen. Insofern ist das Werk nicht nur ein spannendes und gut gemachtes Zeitdokument, sondern auch eine Warnung und ein Lehrstück über den Verlust von Anstand, Moral – und Wahrheit.

Fazit:

Stilistisch ansprechend, inhaltlich dicht und psychologisch, historisch, politisch relevant: „Speer goes to Hollywood“ ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, der sein Publikum fordert, aber jene belohnt, die dabei bleiben, nämlich mit Erkenntnis.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(73/100)

„Speer goes to Hollywood“ ist am 14.11. um 23:10 auf ORF2 zu sehen, außerdem seit 11.11. in ausgewählten deutschen Kinos.

Bild: (c) Salzgeber