Die Breitenseer Lichtspiele sind das älteste Kino Wiens und eines der ältesten Kinos weltweit. Film plus Kritik verbindet mit dem kultigen Lichtspielhaus eine schon länger bestehende Partnerschaft, die aktuell durch die Österreich-Film-Reihe „einsA“ zutage tritt. Während des Corona-Lockdowns bzw. über den Sommer wurde fleißig renoviert, nun steht am 10.9. die lang ersehnte Saisoneröffnung an, bei der Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler zu Gast sein und den Film „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ präsentieren wird. Aus diesem Anlass trafen wir Geschäftsführerin Christina Nitsch-Fitz zum ausführlichen Interview.

von Christian Klosz

Film plus Kritik: Liebe Christina, wir kennen uns jetzt ja schon eine Weile, auch durch gemeinsame Projekte. Wie ist der Stand der Dinge, wie geht es dem Kino?

Christina Nitsch-Fitz: Auch wenn man als Passant glauben möge alles stünde still, passiert momentan viel im Kino. Es bekommt gerade sehr viel Aufmerksamkeit, denn wir wollen es nach den ersten getanen Schritten weiterhin auf eine Zukunft in der neuen Generation vorbereiten. Es gibt einiges zu tun, um sein Bestehen zu sichern. Das ist keine leichte Aufgabe, jedoch eine sehr spannende und sehr schöne. Ich bin froh, dieses Abenteuer nicht alleine, sondern im Doppelpack mit dem befreundeten Kollegen Dieter Mattersdorfer anzugehen, der gleichermaßen an eine Zukunft der Breitenseer Lichtspiele glaubt.

Ihr habt ja entschieden, die Sommermonate über weiter zu renovieren. Wie sieht es damit aus? Werden die altehrwürdigen Breitenseer Lichtspiele danach „in neuem Glanz“ erstrahlen?

Die Breitenseer Lichtspiele habe ich so oder so immer schon in ihrem Dasein charmant gefunden, mit all ihren kleinen Unperfektheiten. Wir haben viel überlegt, ob wir hier etwas verändern dürfen und modernisieren wollen. Eigentlich möchte man in einem alten Betrieb ja auch garnichts verändern und neigt dazu alles zu konservieren.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Kinos hat uns jedoch gezeigt, dass sich das Kino alle paar Jahrzehnte immer wieder verändert hat. Da gab es mal mehr und mal weniger Sitzplätze, mal die eine und mal die andere Tapete. Wir haben etwa 5 Tapetenschichten mit verschiedensten kuriosen Mustern abgetragen und in jeder Schicht spiegelt sich eine gewisse Zeit wieder. So haben wir beschlossen, auch wir dürfen hier unsere Spuren hinterlassen und das Kino darf mit der Zeit gehen, wie es das schon immer getan hat.

Was bleiben soll ist der Charakter des alten Kinos. Was wir vorhaben ist die Aufrüstung der Technik, den Aufbau einer Bühne, die vermehrt Filmgespräche, Konzerte, Lesungen und diverse Veranstaltungen ermöglichen wird und das Schaffen einer noch angenehmeren Atmosphäre durch behutsame Renovierungen. Ziel ist, dass diese nicht unbedingt bewusst auffallen, das Kino jedoch gepflegt und technisch auf Augenhöhe mit den anderen Programmkinos ist. Dass man im ältesten Wiener Kino weiterhin auf Holzstühlen sitzen DARF ist für uns ein MUSS.

Ich habe mitbekommen, dass es ein neues Projekt von dir gibt, bei dem Menschen mit „Behinderung“, wie man früher sagte, bekannte Persönlichkeiten im Kino interviewen. Zuletzt war unter anderem Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler zu Gast. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Ja, das ist ein Projekt, das gerade neben den Renovierungsarbeiten läuft. Durch Zufall habe ich die Folgen von NA(JA) GENAU – die intelligente, humorvolle TV-Sendung gesehen. Ein Projekt von MENSCHEN &MEDIEN, das Menschen mit Behinderung ermöglicht mit der Medienwelt vertraut zu werden und auch vor der Kamera zu agieren. Es hat mein Herz berührt und so wollte ich gerne mit dem Team der Sendung ein Kinospecial umsetzen, um eine weitere Plattform zu bieten und Inklusion in der Kultur und Filmwelt mit Leichtigkeit und Spaß an der Sache – und vor allem ohne viel Trara um das Thema Inklusion – möglich und sichtbar zu machen. Eingeladen werden Gäste, die im Kinobereich tätig sind. Von der Kuratorin bis zum Kinomaler. Dabei entstehen feine Gespräche, die anders sind und genau deswegen so wertvoll und besonders menschlich. Es tut gut, neben den vielen Gedanken rund ums Kino auch neue, kreative und bereichernde Projekte zu haben. Gescreent werden die Beiträge ab Herbst in den Breitenseer Lichtspielen und sind dann auch, wie alle weiteren Sendungen von Ernst Tradinik, auf Okto TV und auf Youtube zu sehen.

Wir kommen um das leidige Thema Corona nicht herum: Die BSL sind es ja seit Jahren – oder Jahrzehnten – gewohnt, eher prekär zu wirtschaften. Wie schaut es denn derzeit, und auch in Bezug auf den 6-monatigen Kino-Lockdown, der hinter uns liegt, finanziell aus? Werden die Lichtspiele die Krise (gut) überstehen?

Da das Kino schon seit 1969 finanziell von meiner Tante aus Liebe zum Kino getragen wird, konnte jetzt die Krise zum Glück auch nicht viel anrichten. Es kann natürlich keine Zukunftsvision sein, das Kino weiterhin ein Leben lang privat zu finanzieren und so muss die nächste Generation andere Wege gehen und die Fühler nach Möglichkeiten ausstrecken.

Man hörte ja gerade zu Beginn der Pandemie einiges über unzuverlässige, mangelhafte, ausbleibende Hilfen seitens des Bundes und der Stadt. Wie war da deine Erfahrung? Haben die (finanziellen) Corona-Hilfen funktioniert?

Ich bin grundsätzlich dankbar, denn dass es seitens der Stadt Wien eine Sonderförderung für Programmkinos gibt, das ist für uns eine große Chance, um voranzukommen.

Wie nimmst du die Situation aktuell wahr? Denkst du, dass die Menschen auch jetzt, wo die akute Gesundheitskrise im Abklingen ist bzw. in Zukunft, wenn das alles hoffentlich vorbei ist, wieder zurück ins Kino kommen? Wie wird sich die Branche nach der Pandemie verändert haben?

In meinen Augen wird Kino auch in Zukunft nicht wegzudenken sein. Natürlich wird vermehrt zuhause gestreamt, da nehme ich mich selbst auch garnicht aus. Ich denke es kann beides nebeneinander exisitieren und die Leute werden auch ins Kino gehen. Es braucht auch eine positive Grundeinstellung und Überzeugung, wenn man ein Kino weiterführen möchte und ich meine Kino wird immer einen Anreiz bieten, um auch mal auf das Streamen zu verzichten.

Wenn ich richtig informiert bin, wird das Kino regulär am 10. September wieder aufsperren. Auch wir hoffen, unsere letztes Jahr begonnen Österreich-Film-Reihe „einsA“ wieder fortsetzen zu können. Was ist darüber hinaus geplant, worauf kann sich das Wiener Publikum freuen?

Neben dem Schwerpunkt österreichischer Spielfilme gibt es auch eine kuratierte Dokureihe. Das regelmäßige Stummfilmprogramm mit Piano wird spannend mit ausgewählten Filmen von Europa bis Asien, eine sehr persönliche Auswahl unseres Stummfilmpianisten Gerhard Gruber, der viel über seine beruflichen Reisen um die Welt zu erzählen hat. Für Familien gibt es live vertonten und moderierten Animationsfilm als lebendiges Kinoerlebnis. Europäischer Film vom Klassiker bis zu neuesten Produktionen, historische Werbefilme im Rahmen der Langen Nacht der Museen, die Kult Kino Abende mit Gästen aus Kunst und Kultur als auch Specials abseits des Mainstreams, die überraschen werden. Längst schon kein Geheimtipp mehr sind Leinwandlyriker Ralph Turnheim, der regelmäßig die Breitenseer Lichtspiele beehrt und die Lesebühne von Susanne Kristek mit Gästen, die aufgrund der großen Nachfrage mittlerweile auch live gestreamt wird.

Unsere neue Bühne ermöglicht kleine Konzerte und diverse Veranstaltungen mit und ohne Filmbezug, da sich der Saal dafür einfach auch gut eignet und das Kulturangebot in der Umgebung nicht so umfangreich ist. Einen Film pro Tag wird es aber auch dann immer spielen, schließlich ist und bleibt es ja ein Kino.

Was uns sonst noch im kommenden Jahr erwarten wird, wissen wir selbst noch nicht, denn wir möchten nicht nur offene Türen, sondern auch ein offenes Ohr für Ideen und mögliche Kooperationen haben. Die ergeben sich oft auch spontan im Laufe des Jahres. Es lohnt sich also immer wieder ins Kinoprogramm zu schauen. Wir freuen uns auf die von euch kuratierten Abende, ich bin schon gespannt, welche Filme ihr im Visier habt.

Vielleicht zum Schluss noch eine ganz persönliche Frage: Was war der beste, interessanteste oder spannendste Film, den du in den letzten Monaten gesehen hast und unseren Leser/innen empfehlen möchtest?

Sehr gerne empfehle ich den Film „The Trouble With Being Born“ von Sandra Wollner, unbedingt auf der großen Leinwand, ohne Smartphone und Ablenkung. Ich werde ihn mir vielleicht sogar ein zweites Mal ansehen, denn ich habe Fragen zum Film, die ich für mich noch beantworten möchte. Es ist eine Freude, wenn ein Film zur intensiven Auseinandersetzung anregt. Das ist bei diesem Film gegeben.

Bilder: (c) Katharina Schiffl / BSL