Vor einer Woche ist die neue Reihe The Real Movies auf Film plus Kritik gestartet. Eine Vielzahl positiver Reaktionen und sich daraus ergebender, interessanter Diskussionen hat das Anliegen bestätigt, den Fokus wieder verstärkt auf Filme als Film zu legen. Die Gedanken, die dazu geführt haben, lassen sich im Beitrag #1 nachlesen, in dem außerdem „Die Sensationsreporterin“ von Sydney Pollack vorgestellt wird.

von Christian Klosz

Heute, in Artikel #2, geht es um „Larry Flynt“ aus dem Jahr 1996 vom erst 2018 verstorbenen Milos Forman („Einer flog übers Kuckucksnest“). Er nimmt sich dort, wie oft in seinen Filmen, eines Außenseiters an, eines Rebellen, der gegen die Gesellschaft und das „Establishment“ in den Krieg zieht. Dass es sich dabei um den „Porno-König“ und Hustler-Gründer Larry Flynt, selbsternannter sleazebag, handelt, mag heute verwundern, aber so schnell ändern sich die Zeiten.

Flynt (Woody Harrelson), Kind aus ärmlichsten Verhältnissen, machte sich in den 1970ern erst einen Namen als Stripclub-Betreiber, dann als Herausgeber des Hustler, eines Sex/Porno-Magazins. Schon davor hatte es Playboy und Co. gegeben, aber Flynt brach mit seinen wilden und hemmungslosen Darstellungen von Sex und Erotik Tabus und rief schnell die konservativen Sittenwächter in den USA auf den Plan, die seine Arbeit mehr als obszön fanden. Was heute Social Media-Schnellgerichte regeln, war damals noch echten Gerichten vorbehalten, die Flynt mehrfach unfreiwillig besuchen durfte: Er wurde von Spießern verklagt und sogar verurteilt.

Forman versucht mit seinem Biopic, das bewegte Leben des Larry Flynt nachzuzeichnen, macht seinen Film aber auch zu einer Abhandlung über Freiheit in einer Gesellschaft, die sich immer daran messen lässt, ob dort ungeliebte und unbeliebte Meinungen und Ansichten existieren dürfen. Neben diesen gesellschaftspolitischen Implikationen holt er Flynts Geliebte und spätere Ehefrau Althea (Courtney Love) vor den Vorhang und porträtiert deren überhitzte und leidenschaftliche, aber auch tragische Beziehung. Während Harrelson seine Rolle solide, mit der ihm eigenen Verschmitztheit und eher unpräzise spielt, ist das darstellerische Glanzlicht des Werks Cobain-Witwe Love, die durch ihr zerbrechliches Spiel berührt und ihrer Figur eine bemerkenswerte Fragilität und Authentizität verleiht (Forman besetzte sie übrigens nur 2 Jahre später erneut als Protagonisten-Partnerin in „Man on the Moon“).

„All I am guilty of is bad taste“

Höhepunkt von „Larry Flynt“, im Originaltitel folgerichtig „The People vs. Larry Flynt“, ist die juristische Auseinandersetzung mit einem Geistlichen, den Flynt im Hustler karikieren ließ. Der klagte, Flynt wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, nicht aber wegen der (eingeklagten) Verleumdung, sondern wegen „emotionalen Stresses“, den er dem Kläger zugefügt hätte. Der Hustler-Herausgeber zieht in dem Fall und mit seinem Anwalt, etwas unbedarft, aber sympathisch dargestellt durch Edward Norton, schließlich vor den Supreme Court und macht ihn zu einer Auseinandersetzung um das first amandment, den ersten Zusatzartikel der US-Verfassung, der unter anderem Rechte auf Rede- und Pressefreiheit regelt.

„Isn’t a community allowed to set it’s own standards?“ – „No, that’s just a disguise for censorship.“

Die Argumentation von Flynt geht so: Wenn eine Gesellschaft jemandem wie ihm keine Meinungsäußerung zugesteht, ist sie nicht wirklich frei und verrät so die Grundprinzipien, die die Gründungsväter der USA im Sinn hatten und die Vereinigten Staaten zum Vorbild für die ganze Welt machten. Ab dem Moment, wo jeder und besonders Personen der Öffentlichkeit andere wegen „erlittenen emotionalen Stresses“ (erfolgreich) verklagen können, sind das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit in Gefahr: „When peaople critisize public figueres, they’re going to experience emotional distress…it’s the easiest thing in the world to claim and it’s impossible to refute, and that’s what makes it a meaningless standard. Really all it does is allow us to punish unpopular speech.“

Es wäre dies keine Frage des Rechts, sondern eine des (schlechten) Geschmacks – „It’s a matter of taste and not law“ – und wer im konkreten Fall die Tätigkeit des Porno-Herausgebers als verwerflich, obszön, geschmacklos oder gar gefährlich empfindet, wie übrigens auch sein eigener Anwalt, hat die Freiheit, sie zu kritisieren. Oder einfach keine solchen Schundhefte mit nackten Frauen zu kaufen. Der Gerichtssaal, so Flynt und sein Anwalt, ist nicht der richtige Ort für diese Auseinandersetzung.

The question you have before you today is wheter a public figure’s right to protection from emotional distress should outweigh the public interest in allowing every citizen in this country to freely express his views.“

Ohne den Ausgang verraten zu wollen: Der reale Fall Larry Flynt vs. den guten Geschmack wurde zu einem zentralen und bedeutenden Entscheid über Rede- und Pressefreiheit in den USA und darüber hinaus. Er kann auch als universelle Warnung an all jene gelten, die heute, in anderer Form und mit anderen Motiven, die Freiheit des Ausdrucks einschränken wollen: Sie sollten sich bewusst sein, in welcher Tradition sie damit stehen. Zudem ruft uns die filmische Umsetzung eine Idee ins Gedächtnis, die inzwischen auch vor Aussterben bedroht ist: Dass befreite Lust ein Weg zu einer freien Gesellschaft sein könnte.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

Wo sehen? „Larry Flynt“ ist derzeit bei diversen Anbietern als VOD zu leihen oder zu kaufen (ab 2.99€). Bei Joyn+ ist er um Abo zu sehen. Und bei Netzkino völlig KOSTENLOS!