Wien bietet für filmaffine Menschen ausgezeichnete Infrastruktur: Neben den großen Multiplexen bevölkern viele kleinere Independent-Häuser die Kino-Landschaft. Die „Breitenseer Lichtspiele“ in Penzing sind ein besonderer Exot unter den Programmkinos, ein wahres „Relikt aus der Vergangenheit“, das seinen eigenwilligen Charme seit über 100 Jahren bewahrt hat.

1905 gegründet, sind die „BSL“ das älteste, dauernd bespielte Kino Österreichs, und eines der ältesten der Welt.

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Der Lauf der Zeit, der Fortschritt der Technik, ist auch am Lichtspielhaus nicht spurlos vorüber gegangen. Der Großteil des Interieurs, die Holzklappsessel im kleinen Vorführsaal, wirken nicht nur wie Überbleibsel aus dem letzten Jahrhundert, sie sind es. Und die Besitzer kokettierten durchaus mit dem Charme vergangener Zeiten: Bildhaft kann man sich vorstellen, wie sich hier die ersten Besucher zur Geburtszeit des Kinos von den ersten Bewegtbildern verzaubern ließen. Wie alle Kinos des Gegenwart haben aber auch die Breitenseer Lichtspiele mit Besucherschwund zu kämpfen, bedingt durch kaptitalstärkere Konkurrenz und nicht zuletzt durch den home cinema – Boom, DVD, Streamingdienste etc.

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Ein Besuch lohnt sich aber dennoch, vor Allem für wahre Film- und Kinoliebhaber. In Ermangelung lauter Soundanlagen oder Kinoeffekte ist man als Zuseher ganz auf das reine Filmerlebnis zurückgeworfen – was in unserer reizüberfluteten Zeit eine wahre Wohltat sein kann: Zum Beispiel durch „Dark Blood“, ein 1992 von George Sluizer gedrehter Film, der einst durch den tragischen Tod von Hauptdarsteller River Phoenix, der während den Dreharbeiten seiner Drogensucht erlag, nicht beendet werden konnte – und 2012, durch Sammeln von Spenden, (mehr oder weniger) finalisiert wurde. Der Film lief kürzlich im Breitenseer Kino, und soll auch im kommenden Monat (Februar) mehrmals gezeigt werden.

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River Phoenix – Dark Blood

„Dark Blood“ erzählt die tragisch-traurige Geschichte von Boy (Phoenix), der irgendwo im Nirgendwo in der amerikanischen Wüste ein tristes Dasein fristet, in dem ihm lediglich alte, indianische spirits und selbst gebastelte Totem-Puppen Gesellschaft leisten. Als das Paar Harry (Jonathan Price) und Buffy (Judy Davis), die sich durch einen Wüsten-Trip mit dem Auto einen Weg aus der ehelichen Krisen erhoffen, eine Panne haben, liest sie Boy auf, und bietet seine Hilfe an. Doch mit der Zeit wird klar, dass er es auf Buffy abgesehen hat, in der er sich unsterblich verliebt, und mit der er eine „gemeinsame Zukunft“ inmitten seiner indianischen Ahnen plant.

„Dark Blood“ ist ein tief-trauriger Film, der vor Allem von der melancholischen Darstellung River Phoenix´ lebt, der hier seine letzte Leinwanddarstellung liefert. Nachdem 80 % des Filmes gedreht waren, starb er, von diesem Ereignis traumatisiert brach die Crew die Dreharbeiten ab.

Regisseur Sluizer erklärt am Beginn von „Dark Blood“, dass er 2012 den Wunsch hegte, dem Film zumindest ein „drittes Bein“ zu verschaffen, wie er es nannte, damit er „selbstständig stehen“ könne: Die fehlenden, nicht gedrehten Szenen wurden durch film stills ersetzt, durch Zeitlupenaufnahmen, in denen Sluizer aus dem Off erzählt, was laut Drehbuch zu geschehen habe. Für die Qualität des Films fällt dieser Kunstkniff nicht wirklich ins Gewicht, der Film kann auch so, unfertig, ganz der Intention entsprechend, auf eigenen Beinen stehen.

Überhaupt wirkt „Dark Blood“ roh, trocken, sperrig, was aber nicht als Kritik gemeint ist: Die Inszenierung ist äußerst reduziert, effektlos, die ursprünglichen Bilder wurden im Schnitt offensichtlich kaum bearbeitet. Sehenswert ist der Film dennoch allemal: „Dark Blood“ ist eine Mischung aus Road-Movie und Western, eine intimes Drama, das ganz vom Schauspiel der 3 Hauptdarsteller getragen wird. Am Ende gehört der Film aber ganz River Phoenix, dem Regisseur Sluizer mit seiner Nach-Bearbeitung 2012 ein würdiges, filmisches Denkmal setzte.


Wer also das Kinoerlebnis „Breitenseer Lichtspiele“ mit einem sehenswerten Filmerlebnis kombinieren möchte, dem sei eine Vorstellung von „Dark Blood“ empfohlen. Allen Cinephilen, denen die Historie des Mediums und das „reine Kinoerlebnis“ wichtiger sind als Effekte, ist ein Besuch in diesem außergewöhnlichen Standort der österreichischen Kinolandschaft ans Herz gelegt.

Bericht von Christian Klosz

Fotos von Melika Sadeghi

Adresse Kino: Breitenseer Straße 21, 1140 Wien

Zur Website / Programm: http://www.bsl-wien.at/

 

 

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