Unerfüllte Freiheitssehnsüchte, die Suche nach der eigenen Identität und das Gefühl in der eigenen Heimat nicht daheim zu sein. Davon erzählt „Hochwald“, das beeindruckende Spielfilmdebüt der Regisseurin Evi Romen. Ihr sensibles Portrait eines jungen Mannes, der sich als Außenseiter in der eigenen Dorfgemeinde fühlt, lässt sich irgendwo zwischen Heimatfilm, Drama und Coming of Age verorten – eine Mischung, die bei der Diagonale als bester Spielfilm ausgezeichnet wurde. „Hochwald“ startet am 17.9. in den österreichischen Kinos.

von Paul Kunz

Mario (Thomas Prenn) ist leidenschaftlicher Tänzer. Doch in seinem Heimatdorf in den Südtiroler Alpen lässt sich daraus kein Beruf machen. Verstanden fühlt sich Mario hier auch nicht. Und das Dorf verlassen? Für ihn keine Möglichkeit. Anders ist da Marios Jugendfreund Lenz (Noah Saavedra), der den Weg in die Freiheit geschafft und in Wien Schauspiel studiert hat. Als er zum Weihnachtsbesuch nach Tirol kommt und von seinen Plänen eines Auslandsstudiums in Rom erzählt, scheint sich für Mario endlich eine Tür aufzutun: Warum nicht mitkommen? Doch bereits am ersten gemeinsamen Abend in Rom passiert die Katastrophe, als Mario und Lenz eine Schwulenbar besuchen, die Ziel eines islamistischen Terroranschlags wird. Lenz wird erschossen, Mario kehrt als Überlebender ins Dorf zurück. Dort begegnen ihm die Menschen aber nicht mit Anteilnahme, sondern mit Unverständnis und Missgunst. Schließlich schwebt die Frage im Raum: warum hat es Lenz getroffen – und nicht Mario?

„Hochwald“ erzählt von einer Vielfalt an Themen, denen sich Evi Romens Drehbuch stets mit Feingefühl und Subtilität nähert. Das politische Wahnsinnsereignis eines Terroranschlags auf eine Schwulenbar, inspiriert von den realen Attacken in Paris 2015, wird bei Romen in den Auswirkungen im Mikrokosmos eines einzelnen Dorfes beziehungsweise eines einzelnen Mannes relevant. Fragen um Identität und Queerness, Heimat und Emanzipation, Klasse und Religion nähert sich der Film niemals in ihrer abstrakten politischen Bedeutung, sondern bleibt stets bei den Menschen und ihren Emotionen. Auf moralische Wertungen wird dankenswerterweise verzichtet. Stattdessen dürfen Ambivalenzen Raum einnehmen und Fragen auch unbeantwortet bleiben. Es ist eine Vorgehensweise, die sich lohnt: Der Zugang zu politisch aufgeladenen Themen ausschließlich über die Gefühle der Figuren verleiht „Hochwald“ eine Menschlichkeit, die seine Aktualität ins Zeitlose erhebt.

Die Bedeutung der Menschlichkeit findet sich auch auf der Bildebene wieder. Und hier merkt man Evi Romen an, dass sie Kamera und Schnitt studiert hat. Sie lässt Kameramann Martin Gschlacht ausdrucksstarke Bilder einfangen, die Symbolkraft entfalten, ohne prätentiös zu wirken. Der Film schafft eine visuelle Gratwanderung zwischen stilisierender Ästhetik und einem Sinn für atmosphärische Authentizität, die gekonnt die Gefühlswelten der Protagonisten zu vermitteln weiß, ohne zu viel Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. Auch die Schönheit der Tiroler Berglandschaft nimmt eine untergeordnete Rolle ein. Eine Glorifizierung dieser Heimat bleibt aus, um stattdessen die Menschen im Dorf in den Mittelpunkt zu stellen.

Gerade deswegen lebt „Hochwald“ auch von seinem überaus kompetenten Cast, angeführt von einem beeindruckend spielenden Thomas Prenn als Mario. Er verfügt über eine einnehmende Präsenz, die für das Funktionieren des Films zentral ist. Prenn vermag es die unterdrückte Wut und Trauer des eingesperrten Außenseiters intensiv und authentisch zu transportieren und dennoch eine spürbare Distanz herzustellen, die Mario auch zwischen sich und den anderen Menschen aufbaut.

Lediglich im letzten Drittel des Films geht ein wenig der erzählerischen Dichte verloren, mit der „Hochwald“ startet. Die spannende und wendungsreiche Handlung beginnt irgendwann in Stagnation zu geraten. Echte Langeweile kommt dank der interessanten Figurenzeichnung und der starken Atmosphäre dennoch nie auf, aber der Schluss des Films wird ein wenig seiner Wirkkraft beraubt, wenn auf den letzten Metern dorthin der rote Faden nicht mehr so klar erkennbar ist.

Fazit

Mit „Hochwald“ liefert Evi Romen ein beachtliches Regiedebüt ab, das mit einer unkonventionellen Handlung aufwartet und von einem talentierten Thomas Prenn in der Hauptrolle getragen wird. Der Film verhandelt eine Vielzahl an Themen rund um Heimat und Identität, die er mit Feingefühl bearbeitet, ohne in die Falle zu tappen, eine zu simple Antwort auf seine komplexen Fragestellungen zu geben.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

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Bilder: (c) Florian Rainer/Amour Fou