Immer wieder erscheinen auf Netflix aus dem Nichts Filme, die mit großen Namen und ambitionierten Konzepten überraschen. So auch „The Guilty“. Mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle liefert hier kein ganz Unbekannter eine One-Man-Show als Hotline-Polizist, der versucht eine Entführung über das Telefon aufzuklären. Antoine Fuqua inszeniert den Thriller. Der Regisseur ist vor allem für den harten und gesellschaftskritischen Cop-Thriller „Training Day“ bekannt, hat aber dieses Jahr auf Amazon Prime mit „Infinite“ auch schon einen ziemlichen Flop hingelegt. Nun also der zweite Versuch des Jahres.

von Marius Ochs

Dabei ist „The Guilty“ nicht wirklich neu. Das Konzept selbst kennt man schon aus Filmen wie „The Call“. Auch „Buried“ mit Ryan Reynolds hat eine ähnliche, wenn auch extremere Prämisse. Außerdem ist „The Guilty“ ein Remake des gleichnamigen Films des Dänen Gustav Möller aus dem Jahre 2018. Der Remake-Trend ist nicht neu in Hollywood, Europa als Ort guter Geschichten ist schon länger eine gefragte Quelle für Vorlagen. So wurde auch „Ziemlich beste Freunde“ mit Dustin Hoffmann neu aufgelegt. Und auch ein gewisser Til Schweiger übertrug seinen deutschen Hit „Honig im Kopf“ eins ins Amerikanische. Gute Filme kamen dabei eher selten heraus.

„The Guilty“ ist dabei nur eine halbe Ausnahme. Das Konzept des Films funktioniert, die Funkzentrale der Polizei als Handlungsort stellt eine klaustrophobische Stimmung her. Fuquas Kamera fängt immer wieder Details der Bildschirme und Lämpchen ein, die den Arbeitsalltag greifbar machen. Auch die gesamte Atmosphäre des Films ist mitreißend angespannt. So brennen parallel zur Entführung die Wälder in der ganzen Stadt. Die Bedrohung des Klimawandels wird spürbar, die Polizeiarbeit ist eingeschränkt, die Ordnung könnte bald kippen. Vor dieser subtilen und starken Atmosphäre fällt es leicht, sich auf die Geschichte einzulassen und mitzufiebern.

Nur leider liefert Gyllenhaal eine seiner schlechteren performances ab. Als Polizist mit dunkler Vergangenheit, der auf seinen Prozess wartet, stellt sein Schauspiel zwei Dinge in den Vordergrund: Blanke Wut und den aufgepumpten Bizeps. Trotz regelmäßiger extremer Nahaufnahmen auf einzelne Gesichtspartien in angespannten Situationen, ist Gyllenhaal nicht glaubwürdig. Die spannende Atmosphäre wird von seinem Charakter nicht eingelöst, zu plump und vorhersehbar ist sein Schauspiel. Das könnte aber auch mit dem Drehbuch zusammenhängen. Bei den Dialogen ist der Qualitätsunterschied nämlich auf den ersten Blick extrem wechselhaft. Von grottenschlecht bis nervenzerreißend ist alles dabei. Und so bleibt über die 90 Minuten Laufzeit nur Mittelmaß übrig.

Beides gemeinsam ist dann natürlich eine ziemlich üble Mischung, denn „The Guilty“ will ja eigentlich ein Kammerspiel sein, das nur über Telefonate funktioniert. Wenn dann der Hauptdarsteller und die Dialoge nicht zünden, steht der Film vor einem massiven Problem. Die Handlung kann das teilweise wieder wettmachen. Denn auch wenn der Twist am Ende etwas vorhersehbar ist und die verschiedenen plotlines nicht immer ganz zusammenpassen wollen – für das Cop-Thriller-Genre macht der Film doch erstaunlich viel richtig.

Fazit

Der Film sei Fans von Cop-Thrillern und Kammerspielen ans Herz gelegt, alle anderen können auch einen Blick riskieren. Eine solide Geschichte mit interessanter Prämisse, großen Namen und spannender Atmosphäre – das bekommt man hier. Was man leider nicht bekommt sind mitreißendes Schauspiel oder große Überraschungen. Auch wirklich Neues sucht man bei der quasi 1 zu 1 Adaption des Originals vergebens. „The Guilty“ ist somit eher Teil der Kategorie „Netflix-Massenware“.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(67/100)

Bilder: (c) Netflix