Der neueste Serienhype kommt weder aus den USA, noch aus Großbritannien, auch nicht aus Deutschland, sondern aus Südkorea. Wer das filmische Schaffen des ostasiatischen Landes in den letzten Jahren verfolgt, wird darüber wenig überrascht sein: Während sich v.a. US-Produktionen immer mehr und in erster Linie mit genuinen US-Themen und gesellschaftlichen Krisen in den USA befassen, die für den Rest der Welt nur bedingt von Relevanz sind, schaffen es Produktionen wie „Parasite“ oder eben auch „Squid Game“, universal gültige Themen anzusprechen und auf eine populärkulturelle Art zu vermitteln, die man aus der Vergangenheit vor Allem aus den USA kennt.

von Christian Klosz

Es mag mehr als 5 Gründe geben, warum „Squid Game“ diesen Riesen-Hype ausgelöst hat und die erfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten wurde, die wichtigsten und bedeutensten sind aber folgende:

1. Universelle politische Relevanz

Im Kern handelt „Squid Game“ von einer Gesellschaft, in der die Balance zwischen „arm“ und „reich“ aus den Fugen geraten ist, in der immer breitere Schichten der Bevölkerung nicht mehr wissen, wie sie (finanziell) überleben sollen und es auch Angehörige der Mittelschicht jederzeit „treffen kann“: Schulden, mangelnde Perspektiven, ein täglicher Überlebenskampf, der viele zu illegalen oder fragwürdigen Praktiken greifen lässt, um irgendwie über die Runden zu kommen. Diese Ausgangslage trifft – wenn hier auch überspitzt dargestellt – derzeit auf ganz viele Gesellschaften weltweit zu, auch in Europa, und das nicht erst seit den Corona-Lockdowns und deren Folgen. Auf der anderen Seite finden sich einige, wenige, die so viel haben, dass ihr Leben ebenso unerträglich scheint, aus Langeweile, und die die Vielen gegeneinander antreten lassen, wie Tiere, zur Belustigung. Das Tragische daran: Die Teilnehmer der „Squid Games“ entscheiden sich aus freien Stücken für einen Kampf um Leben und Tod mit der Aussicht auf Geld, weil er ihnen immer noch erträglicher erscheint als das reale Leben draußen in der Wirklichkeit, wo sie keine Chance haben.

Der Grund, warum diese Thema viele erreicht und anspricht, liegt auch in der Aufbereitung: „Squid Games“ ist zwar politisch, aber nicht ideologisch, die Serie stellt dar, beschreibt, hat aber keine Antworten, sondern wirft vielmehr Fragen auf, die die Zuschauer selbst zum Nachdenken anregen sollen. Damit hebt sie sich vom Großteil der aktuellen US-Produktionen ab, die (vermeintliche) Antworten einer gründlichen Analyse vorziehen, was auf manche Zuschauer sehr belehrend wirkt.

2. Popkultur in Reinform & Kultfaktor

Kein großer Erfolg ohne Mainstream-Appeal und popkultureller Relevanz: Nicht nur das Thema erreicht Massen, sondern auch die visuelle, gastalterische, erzählerische Umsetzung. Dazu zählen das Design der „Wettkampfarenen“, das Aussehen der Squid Game-Lemminge (rote Anzüge, seltsame Masken, Symbole) oder die Goldmasken der VIP-Gäste: All das prägt sich sogleich ins Gedächtnis der Zuschauer ein, wer diese Symbole oder Masken irgendwo sieht, weiß sofort, worum es geht. Außerdem lassen sich diese Artefakte ideal als Fanprodukte vermarkten: Nicht nur zu Halloween oder im Fasching werden entsprechene Kostüme zum Renner werden. Das haben bisher übrigens hauptsächlich und vor Allem US-Produktionen geschafft, man kann es auch als (weiterer) Shift im globalen Machtgefälle sehen, in dem die USA nun auch ihre popkulturelle „Führungsrolle“ aufgegeben haben.

3. Helden, Bösewichte, Identifikationsfiguren

„Squid Game“ ist recht klassisch konstruiert: Es gibt Helden (Spielteilnehmer Seong Gi-Hun, den Polizisten Hwang Hun-Ho), Bösewichte (Spielteilnehmer Jang Deok-Su, die „VIP-Gäste“, den lange Zeit unbekannten Urheber der Squid Games) und ambivalente Figuren (die Spielteinehmer Cho Sang-Wo und Han Mi-Nyeo). Hauptfigur Seong ist ein typischer „Underdog“-Charakter, der trotz teils fragwürdiger Lebensführung (in der Realität) als sympathisch dargestellt wird und immer wieder durch moralisches Handeln auffällt und sein Gewissen und sein Herz trotz widrigster Umstände nicht verliert – was ihn schließlich zum „Helden“ der Geschichte qualifiziert. Trotz teilweise schriller Überzeichnung wirken die Figuren realistisch und nahbar und bieten so Identifikationspotential für viel Zuschauer – ein zentrales Element jeder erfolgreichen Serie.

4. Unterhaltung – ohne Zwang

Trotz aller (gesellschafts)politischen Implikationen und der teilweise recht realistischen Figurenzeichnung ist „Squid Game“ vor allem eines: Sehr unterhaltsam. Das liegt einerseits am durchaus genialen Konzept (Punkt 5), aber auch daran, dass die Macher den Unterhaltungswert als zentrales Anliegen anerkennen und verfolgen. Das zeigt sich nicht nur an gekonnt inszenierten Suspense-Momenten oder Cliffhangern zwischen den Episoden, sondern auch an der „unverkrampften“ Herangehensweise, die die Serie von vielen rezenten US-Produktionen unterscheidet. Auf mit dem Zeigefinger vorgebrachte politische Statements oder plakative attitudes wird verzichtet, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Hochwertige Unterhaltung zu schaffen, die möglichst viele Menschen erreicht.

5. Ein geniales Konzept

Zu guter Letzt fußt „Squid Game“ auf einem einfachen, aber genialen Konzept: Wettkämpfe auf Leben und Tod, die sich an bekannten „Kinderspielen“ orientieren (und nebenbei nicht unwesentlich an die japanische Kult-Serie „Takeshi’s Castle“ erinnern…) – so ergeben sich für fast jeden Anknüpfungpunkte, nicht nur für koreanische Kids. Man fibert mit den Kandidaten mit, überlegt, wie man selbst vorgehen oder sich verhalten würde, ist gespannt auf das nächste Spiel, wissend, dass es für viele Teilnehmer tödlich enden wird. Und nicht zufällig bietet diese Idee die ideale Voraussetzung für viele, weitere Staffeln, die nach ähnlichem Schema mit gewisser Variation ablaufen können: „Squid Game“ ist schon jetzt zurecht ein globales, popkulturelles Phänomen, von dem wir auch in Zukunft noch einiges hören werden.

Bild: (c) Netflix