Paradiesische Einsamkeit und das Treiben lassen durch die Zeitlosigkeit der Jahreszeiten. idealisierte Vorstellungen entstehen, die in der Einöde der mecklenburgischen Provinz durch den harten Arbeitsalltag und die aufzehrende Langeweile abgelöst werden. Von der einst heilen Welt und des idyllischen ländlichen Lebens ist in neuen deutschen Heimatfilmen oft nicht mehr viel übrig. Schnell lösbare Konflikte gibt es nicht. Stattdessen Lebenskrisen, unerfüllte Träume und eine unstillbare diffuse Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas, das das Leben lebenswert macht und dem Aufbruch, die Veränderung einläutet.

von Madeleine Eger

Sabrina Sarabis zweiter Langfilm basiert auf dem gleichnamigen Roman von Alina Herbig und zeigt kompromisslos die Realität, mit der sich die Menschen und die Jugend in den kleinsten Dörfern der ländlichen Abgeschiedenheit konfrontiert sehen. Wo Träume tagtäglich unter mechanischer Routine, Frustration, Perspektivlosigkeit und Alkohol begraben werden, schimmern selbst die kleinsten Chancen in der Tristesse wie die hellste Sonne an glasklaren Sommertagen.

Eine Bushaltestelle, ein paar Häuser und weite Felder. Auf dem Land, wo Christin (Saskia Rosendahl) gemeinsam mit ihrem Freund Jan (Rick Okon) und dessen Familie lebt, gibt es nichts außer der Arbeit auf dem eigenen Milchviehhof. Tagein tagaus streift die Anfang 20-Jährige durch die Abgeschiedenheit, erledigt notgedrungen ihre Aufgaben, versucht mit ihrer besten Freundin Caro (Elisa Schlott) in der Disco des Nachbardorfs dem Alltag zu entfliehen und der harten Realität dem Rücken zu kehren. Während die Beziehung zu ihrem Freund immer schwieriger wird und der Kirschlikör ein ständiger Begleiter ist, lernt Christin den Mittvierziger Klaus (Godehard Giese) kennen. Der Windradtechniker scheint Christins Chance endlich aus dem Kaff zu verschwinden…

Monoton rollt der Traktor über die Felder. Schweigend sitzen Christin und ihr Freund Jan nebeneinander, während um sie herum die sommerliche Hitze für eine erdrückende Ruhe und schweißtreibende Anspannung sorgt. Das leblose Rehkitz, das die beiden plötzlich vor ihrem Traktor finden, wird mit ernüchternder Rationalität einfach aus dem Weg geschafft. In der stumpfen und zehrenden Einsamkeit ist selbst der Tod nur eine emotionslose Begleiterscheinung. Genauso beobachtet Christin die Szenerie, ist, wenn dann überhaupt nur genervt, weil sie nach Hause will und Jan sie dann auch noch einfach sitzen lässt als der Traktor seinen Geist aufgibt. Bereits jetzt gibt sich das Drama, das auf den Locarno Filmfest seine Premiere feierte, wortkarg und unterkühlt. „Niemand ist bei den Kälbern“ lässt Blicke, Gestiken und einengende Bilder in der landschaftlichen Weite sprechen, um die Unvereinbarkeit von Heimat und Lebensdrang zu porträtieren.

Saskia Rosendahl („Werk ohne Autor“, „Fabian und der Gang vor die Hunde“), bringt dafür eine unfassbare Präsenz mit, die dafür sorgt, dass man ihr Dilemma jederzeit spürt, obwohl sie sich gleichzeitig oft nur sehr undurchsichtig gibt und gar nicht so richtig weiß was sie eigentlich will. Die knappen Hosen und Shirts, die sie jeden Tag trägt, könnten für ihre Arbeit auf dem Hof wohl kaum unpassender sein, sind aber nur ihr Versuch einer verzweifelten Rebellion gegen das Gefängnis aus Eintönigkeit, Lustlosigkeit und Ignoranz. Denn wo der Umgangston rau ist, Jan sich in Schweigen hüllt und ihre Anwesenheit von den sie umgebenden Männern meist nur mit Anweisungen bedacht wird, ist die Wahl der Klamotten für den einen Moment ausschließlich ihre Entscheidung. Auch eine ihrer Arten eben für Aufmerksamkeit zu sorgen, herauszufinden wer sie ist und sein will.

Die Affäre mit dem sehr viel älteren Karl wirkt da zunächst ziemlich trotzig. Für Christin ist er aber eigentlich nur die erhoffte Gelegenheit die Flucht nach vorne zu ergreifen. Der Mann wird Ausdruck dafür, was die junge Frau alles vermisst. Aufmerksamkeit, Zuwendung, Sex, Kontrolle über das eigene Leben, freie Entscheidungen. Eine instabile Beziehung formt sich, bei der sich beide ihrer Macht dem anderen gegenüber in ihrer Gänze nie wirklich bewusst sind. Die fast harmlose Frage welche Träume Christina hat, zeigt die junge Frau ganz plötzlich am verletzlichsten. Eine unpräzise Antwort und ein kleines schemenhaftes Lächeln lassen erahnen, dass sie sich selbst dazu noch nie wirklich Gedanken gemacht hat. Es ist die Subtilität der Gefühlsregungen mit der Rosendahl ihre Figur Bände sprechen lässt und den tief sitzenden Schmerz, die Wut und die Enttäuschung aus dem Innersten hervorholt. Denn, dass das Leben auf dem Hof Christins erster Ausbruch in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft war, wird erst später sehr eindrucksvoll bebildert. Im eigenen grauen Kinderzimmer mit immer noch gepackten Kartons holt sie die Vergangenheit ein, die geprägt ist vom Tod der Mutter und dem fortwährenden Alkoholismus des Vaters. Es ist ein Zusammenspiel aus Momenten in denen Christina und auch dem Publikum immer deutlicher klar wird, dass sich niemand um sie kümmert und dass wenn sie jetzt nicht abhaut, sie genauso wenig betrauert einsam sterben wird, wie die Tiere auf ihrem Hof.

Fazit

Mit unverfälschtem Blick und unerbittlicher Atmosphäre räumt „Niemand ist bei den Kälbern“ mit dem idyllischen Traum vom Leben auf dem Land auf. Saskia Rosendahl brilliert dabei als junge Frau, die Stück für Stück den Mut fasst ihr Leben selbst in die Hand zunehmen. Ohne viele Worte, aber mittels ausdrucksstarker Bilder gelingt ein Porträt, das vom längst vergessenen Aufbruch erzählt.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

Bilder: © Filmwelt Verleihagentur / Weydemann Bros.