Um Schauspieler am Set zu Höchstleistungen zu animieren greifen Regisseure zu verschiedensten Mitteln. Stanley Kubrick brachte Shelley Duvall einst mit seinem pedantischen Perfektionismus an den Rand der seelischen Belastbarkeit, heutzutage wird für die Akteure allerdings eher groß aufgefahren um es ihnen so komfortabel wie möglich zu gestalten. Christian Carion geht in „My Son“ einen ganz anderen Weg, lässt seinen Protagonisten genauso im Unwissen wie seiner Zuschauer und remaked nach nur vier Jahren am Rande seinen eigenen Film.

von Cliff Brockerhoff

Eine sehr ungewöhnliche Herangehensweise, die sich aber letztlich als goldener Kniff erweist. Erzählt wird die Geschichte von Edmond und Joan, einem geschiedenen Paar auf der Suche nach ihrem offensichtlich entführten Sohn. Während Joan innerlich zusammenbricht, sich pausenlos hinterfragt und beinahe kraftlos in ihr Schicksal ergibt, versucht Edmond die Ermittlungen zu unterstützen und gerät dabei in eine persönliche Abwärtsspirale. Als sich dann noch abzeichnet, dass es eine Verbindung zu seinem Job zu geben scheint, muss sich der aufbrausende Vater, allen Widrigkeiten zum Trotz, durch eigene Befragungen kämpfen um der Lösung irgendwie näher zu kommen.

Rein thematisch beschreitet das Drama damit bedrückendes Terrain, das vor der herbstlichen Melancholie Schottlands minimalistisch, aber ebenso eindringlich in Szene gesetzt wird. James McAvoy, der den Vater des jungen Nathan verkörpert, wusste beim Dreh des Films lediglich grobe Handlungsstränge und war somit gezwungen den Großteils seines Spiels zu improvisieren. Ein Umstand, der ohne Zweifel spürbar ist. Insbesondere in den Dialogen mit seiner Ex-Frau (Claire Foy) ergeben sich regelmäßig Sprechpausen, in denen sich beide irritierte Blicke zuwerfen oder sich gegenseitig bei ihren Ausführungen unterbrechen. Das Miteinander wirkt so in weiten Teilen eher wie eine lebensnahe Momentaufnahme, die durch ihre Authentizität umso greifbarer wird. Als Zuschauer gehen wir quasi zusammen mit dem Protagonisten auf die Suche nach Hinweisen, spüren was er spürt und können uns spielend leicht in seine Verzweiflung einfühlen. McAvoy selbst erweist sich abermals als wandelbarer Charaktermime, der verschiedenste Emotionen abrufen und sich schnell auf das entstehende Szenario einlassen kann.

Im Gegensatz zu anderen Thrillern ergeht sich „My Son“ dabei glücklicherweise nicht in abstrusen Wendungen, die bei genauerem Hinsehen sowieso in sich zusammenfallen würden. Stattdessen setzt das Drehbuch auf eine klar abgesteckte Geschichte, die Rückfragen standhält, in sich geschlossen und jederzeit greifbar ist. Wer selbst Kinder hat, erlebt hautnah den absoluten worst case, getragen von einer beklemmenden Spannung, die sich fortlaufend aufbaut und in einem Finale gipfelt, das tonal immer tiefere Töne anstimmt, die jegliche Zweifel am Improvisationstalent verstummen lassen. Die weitläufige Natur Schottlands unterstreicht diesen Aspekt, besticht mit prächtigen Rottönen, die im Regen zu tanzen scheinen und steht durch seine Weitläufigkeit immer wieder im schönen Kontrast zur isolierten Gedankenwelt der beteiligten Akteure. Was diese aus den Gegebenheiten herausholen, ist absolut beeindruckend – auch wenn die Erzählung letztlich nicht komplett aus den Gewohnheiten ausbricht und so oder so ähnlich natürlich schon zu sehen war. Das ist jedoch der einzige Kritikpunkt, den man dem Film anlasten könnte. Ansonsten ist „My Son“ ein eindringliches Beispiel dafür, dass es gar nicht viel braucht um sich nachhaltig im Gedächtnis zu verankern.

Fazit

Inmitten der schroffen Schönheit der schottischen Highlands präsentiert sich „My Son“ als emotionale Achterbahnfahrt, die ihre Finger um die Kehle der Zuschauerschaft legt um ihr spätestens im nervenaufreibenden Finale die Luft zum Atmen zu nehmen. Durch seine spezielle Herangehensweise ungeheuer geerdet, clever konzipiert und durchweg spannend. Ein kleiner aber feiner Geheimtipp im (Mystery-)Thriller Segment. Seit dem 24.02.2022 digital erhältlich, ab dem 10.03.2022 auf BluRay und DVD!

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(72/100)

Bilder: ©2022 EuroVideo

Wer sich selbst auf Spurensuche begeben möchte, kann bei uns je eine BluRay und eine DVD von „My Son“ gewinnen. Sendet dazu einfach eine Mail mit dem Betreff „SON“ und eurer vollständigen Adresse an filmpluskritik@web.de. Das Verlosungsmaterial wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt und wird nach Beendigung des Gewinnspiels (17. März 2022, 23:59 Uhr) an euch versendet. Ihr erhaltet eine separate Gewinnbenachrichtigung. Wir wünschen allen Teilnehmern viel Glück!