Achtung Achtung, hier spricht Ihr Kapitän. Ich darf Sie im Namen der gesamten Netflix-Crew herzlich willkommen heißen auf ihrem rund zweitstündigen Flug von Florida über Wien, Baku und Prag, bis hin nach Bangkok und zurück. Zu Ihrer Linken: Ryan Gosling, wie immer spitzbübisch grinsend und gutaussehend, auf Ihrer rechten Seite zudem Chris Evans, sonst als muskelbepackter Schildträger unterwegs um die Welt zu retten, heute mit Pornobalken bewaffnet um die Welt brennen zu lassen. Bitte legen Sie nun Ihre Sicherheitsgurte an, es wird rasant.

von Cliff Lina

Diese kurze Einleitung ist nur ein Vorgeschmack auf das, was die Zuschauerschaft ab dem 22. Juli bei „The Gray Man“ erwartet, dem abermals „teuersten Netflix-Film aller Zeiten“, dieses Mal aber glücklicherweise ohne die laufende Augenbraue The Rock oder Gagmaschine Ryan Reynolds. Sein Namensvetter ist mit seiner stoisch unterkühlten Art auch viel besser geeignet für die Rolle des Sierra Six, einem verurteilten Mörder in Diensten der CIA. Als diesem zufällig belastendes Material in die Hände fällt und er entschließt seinen Zweifeln nachzugehen, gibt es für den Geheimdienst aber nur einen Ausweg: Sierra Six muss sterben, und wer würde sich für diese Aufgabe besser eignen als ein soziopathischer Auftragsmörder mit einem Faible für Foltermethoden?!

So beginnt sie also, die wilde und verdammt teure Fahrt durch actiongeladene Stunden, die in Bangkok ihren furiosen Auftakt finden. Anlässlich der Jahreswende ist die Stadt in dekorative Farben und dichte Rauchschwaden gehüllt, mittendrin zündet eine Rakete nach der anderen, es knallt, scheppert und rumst an allen erdenklichen Ecken. Kameras fliegen durch die Menge, vollführen halsbrecherische Wendungen und lassen erahnen, dass „The Gray Man“ kein stumpfer Hau-Drauf-Film, sondern vielmehr ein stilsicher eingefangener Agententhriller ist, der sich das Beste aus Vorbildern wie John Wick, James Bond oder Jason Bourne zusammen sammelt und zu einer adrenalingeschwängerten Melange vermengt, bei der jede Atempause nach spätestens zehn Minuten mit einer Explosion vom Bildschirm gewischt wird.

Auffällig sind dabei zu Beginn vor allem die Zeitsprünge und Ortswechsel, bei denen man sich als Zuschauer wirklich fühlt wie auf einer kleinen Weltreise. Kaum an einer Szenerie angekommen, springt die Story schon wieder sechs Jahre zurück um uns an anderer Stelle Hintergrundinformationen zu unterbreiten, die die Zusammenhänge der Charaktere verbildlichen. Von der Komplexität her ist alles, angepasst an die Zielgruppe, jedoch auf ein Minimum beschränkt. Letztlich ist es die typische „Agent stellt sich gegen seinen Arbeitgeber, wird vom Jäger zum Gejagten und bekommt Hilfe von seinem ehemaligen Mentor“ Geschichte, wie sie schon oft zu sehen war. Die Kugeltrommel wird nicht neu erfunden, den Unterhaltungswert kann man dem Werk der Russo Brüder (unter anderem verantwortlich für „Captain America: Civil War“ oder die aktuellen Avengers-Filme) nicht absprechen. Insbesondere die wuchtige Action, minutenlange Verfolgungsjagden und wilde Schusswechsel kaschieren immer wieder die erzählerischen Schwächen und Klischees, unter denen Filme dieser Gattung oftmals leiden.

„The Gray Man“ ist sich diesen aber zum Glück bewusst, öffnet sich zuweilen gar der Ironie und schafft es, seine inhaltsleere Spannung von Zeit zu Zeit mit einem lockeren Spruch aufzubrechen. Trumpf ist hier das Zusammenspiel der einzelnen Charaktere, die sichtlich Spaß haben. Besonders Chris Evans genießt es augenscheinlich zur Abwechslung den Bösewicht mimen zu dürfen, ist um keine Grimasse verlegen und kann sich in seinen Szenen regelmäßig in den Vordergrund spielen. Im Grunde ist Lloyd Hansen die Endstufe der Rolle, die er in „Knives Out“ bekleidet hatte. Dieses Mal nur eben noch abgefuckter, psychotischer und gewissenloser. Im Vergleich dazu wirkt die von Gosling gespielte Figur beinahe langweilig, vor allem vor dem Hintergrund, dass sie uns, als Held der Geschichte, zum emotionalen Fixpunkt taugen soll. Die ihm so oft vorgeworfene Eintönigkeit lässt sich abermals nicht von der Hand weisen, ist für den Charakter aber unabdingbar, sodass Gosling eindeutig die Idealbesetzung ist. Und spätestens wenn er und Ana de Armas sich, angeleuchtet von Neonlicht, tief in die Augen schauen, werden Erinnerungen an „Blade Runner 2049“ wach und konterkarieren sämtliche Zweifel an der Besetzung. Hier liegt die größte Stärke von „The Gray Man“: immer wenn der Film Gefahr läuft in die Belanglosigkeit abzurutschen, findet das Drehbuch einen Weg sein Publikum abzulenken, sodass es am Ende schwer wird dem Film etwas vorzuwerfen. Außer die schlampigen CGI-Effekte – die müssen bei 200 Millionen Dollar besser aussehen, da kann Gosling noch so süß mit den Wimpern klimpern.

Fazit

Auch ein blindes Huhn… nein, bei Netflix neuestem Streich ist höchstens die Story angegraut (und abgekupfert), Action und Optik sind dafür umso wertiger und lassen zumindest erahnen wo das ganze Budget hingeflossen ist. „The Gray Man“ überzeugt mit brachialen Kämpfen, hohem Tempo und guter Charakter-Chemie, die die lückenhafte Story mittels Wassermelonen-Kaugummi passabel zusammenhält. Es funktioniert beileibe nicht alles, insgesamt sind die zwei Stunden aber äußerst amüsant – wenngleich zu bemüht ein eigenes Franchise zu starten. Ab sofort im Kino, ab dem 22. Juli auf Netflix abrufbar!

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

Bilder: ©Netflix

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