Der nächste Eintrag im Netflix-Arsenal an True Crime Dokus ist „The Anthrax Attacks“. Die Veröffentlichung der Dokumentation flog bisher etwas unter dem Radar und wurde von anderen New Releases überschattet, fast so wie die „Anthrax Attacks“ rückblickend vielleicht von den Anschlägen des 11.September 2001 überschattet werden. Im Herbst 2001, nur einige Wochen nach den Terroranschlägen, als die Regierung noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt ist und die amerikanische Bevölkerung gerade erst versucht, zum Alltag zurückzukehren, sorgt eine Serie an rätselhaften Krankheits- und Todesfällen für erneute Besorgnis. Anthrax, auf Deutsch auch Milzbrand genannt, ist eine Infektionskrankheit, die durch spezielle Bakterien verursacht wird. Im September und Oktober 2001 verschickt eine unbekannte Quelle insgesamt sieben Briefe mit Milzbranderregern. Die Briefe sind für Politiker und Regierungsstellen bestimmt. Fünf Personen sterben, nachdem sie in Kontakt mit Erregern geraten, darunter zwei Mitarbeiter der Post. Das FBI beginnt somit eine der umfangreichsten Ermittlungen aller Zeiten, um die Verantwortlichen ausfindig zu machen. Im Zuge der Untersuchungen stoßen die Ermittler auf den US-Wissenschaftler Bruce Edwards Ivins, der als Anthrax-Experte gilt und in der „Medizinischen Forschungseinrichtung der US-Armee für Infektionskrankheiten“, auch USAMRIID tätig ist. Während das FBI unter Druck steht, endlich den Fall „Anthrax Attacks“ zu lösen, gerät Ivins immer mehr ins Visier der Behörden.

von Lena Wasserburger

Es ist ein Fall, wie ihn auch viele andere True Crime Dokus gerne aufgreifen. Unerklärliche Vorkommnisse, FBI und Behörden unter Druck, eine Verdachtsperson, die einige Fragen aufwirft und letztendlich ein Ende, das umso mehr offen lässt. „The Anthrax Attacks“ unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht kaum von der breiten Masse an True Crime Dokumentationen, reiht sich geradezu nahtlos in das stetig wachsende Netflix-True-Crime-Universum ein. „The Anthrax Attacks“ versucht allerdings in Sachen Aufbereitung einen zumindest teilweise anderen Weg einzuschlagen. Es ist zwar nicht unüblich für Dokumentarfilme, Szenen mit Schauspielern nachzustellen und somit Qualitäten eines Spielfilmes aufzuweisen, doch „The Anthrax Attacks“ macht diese Szenen zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt. Clark Gregg (Marvel’s Agents of Shield) verkörpert hier Dr. Bruce Ivins und ermöglicht tiefere Einblicke in die Psyche des Mannes, der, zumindest laut FBI hinter den Anschlägen steckte. In mehreren Szenen wendet sich Gregg als Ivins direkt an das Publikum und trägt Monologe vor, die Wort für Wort aus E-Mails, die Ivins selbst schrieb, übernommen wurden und die seinen Umgang beziehungsweise Kampf mit sich selbst detaillieren. Denn Ivins wurde von massiven psychischen Problemen geplagt. Diese Szenen sind es, die fesseln und die Dokumentation erst so richtig spannend machen.

Zu Beginn hat der Film auf dieser Ebene nämlich einige Probleme und es dauert eine Weile, bis die Dokumentation an Fahrt aufnimmt beziehungsweise bis der eigentliche Ausgangspunkt der Ermittlungen etabliert ist. Der Film bemüht sich, ebenjene Ermittlungen, die erst 2010 endgültig für abgeschlossen erklärt wurden, verständlich herunterzubrechen, was sich angesichts des riesigen Ausmaßes des Falls als recht schwierig herausstellt. Die Doku widmet sich somit nicht alleine der Frage, wer denn nun für die „Anthrax Attacks“ verantwortlich ist, sondern nimmt auch das Vorgehen des FBI unter die Lupe, nämlich deren Umgang mit Verdächtigen. Es ist eine subtile Art, Kritik zu üben an den Behörden, deren Drang, Schuldige ausfindig zu machen und den Fall für gelöst zu erklären manchmal fast größer erscheint als das Bedürfnis, die Wahrheit aufzudecken und die Bevölkerung vor Schaden zu bewahren.

Fazit

Der Versuch, die Dokumentation durch jene Szenen, in welchen Clark Gregg als Bruce Ivins die vierte Wand durchbricht, interessanter zu gestalten, ist zwar gelungen, jedoch stellt „The Anthrax Attacks“ nur ein solides Mittelmaß an Qualität, gemessen an anderen Netflix-True-Crime-Dokus, dar. Viel mehr lässt sich über den Film allerdings nicht sagen.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(67/100)

Bild: (c) Netflix