„Die jungen Kadyas“ porträtiert ein multi-kulturelles Projekt zwischen dem israelischen Chor „Voices of Peace“ und dem deutschen „scholar cantorum Weimar“: Ein Aufeinandertreffen von Gegensätzen, denn nicht nur ist der israelische Chor der einzige jüdisch-arabisch gemischte Gesangsverein des Landes, auch trifft hier „Orient auf Okzident“, und umgekehrt, also eine Begegnung sehr unterschiedlicher Vorstellungen vom Leben und von Kultur, die gezwungenermaßen zu Reibungen führt. Dahinter schlummern komplexe historische Verstrickungen und Konfliktlinien (Deutschland – Israel; Juden – Araber, die israelische Geschichte) und ebenso unterschiedliche Ideen davon, was denn „Musizieren“ und „Musik“ eigentlich bedeutet.

von Christian Klosz

Ziel soll es sein, trotz aller Gegensätze aus 2 Chören einen zu bilden, der in jiddischer Sprache Lieder erlernt und singt, die die Dichterin Kadya Molodowsky schrieb und zu denen Alan Bern Melodien komponierte. Knapp 30 Mädchen und deren Lehrer und Chorleiterinnen stellen sich einer Aufgabe, die ein hohes Maß an gegenseitiger Offenheit, Toleranz und Verständnis von allen Beteiligten erfordert.

„Die jungen Kadyas“ entspricht in seiner Form einer längeren Fernseh-Doku, verlässt sich also auf einfaches Beobachten, ohne größeren inszenatorischen Firlefanz. So wirken auch gewisse Übergänge, Einblendungen, Vignetten und deren Design etwas unbeholfen und nicht gerade hochwertig ausgearbeitet. Die Aufnahmen an sich aber erfüllen ihren Zweck, sie dokumentieren den Beginn des Chor-Projekts, die jeweiligen Erwartungen der Protagonist/innen und sich ergebende Reibungen, Irritationen und Konflikte. Der Film tut gut daran, auch diese klar und bewusst in den Fokus zu nehmen und darzustellen, anstatt sich einer naiven, sozialromantischen Sicht und Filmsprache zu bedienen.

Hierin liegt auch die größte Stärke von „Die jungen Kadyas“. Erhellend (und etwas peinlich berührend) ist etwa eine Szene, wo ein deutscher Vater einem Mädchen aus Israel, dem seine Familie bei deren Besuch als „Host“ dient, nicht ohne Stolz erklärt, wie er als junger Mann in ihre Heimat gereist war, weil er sich „seiner Schuld“ bewusst gewesen wäre, um in Yad Vashem einen Kranz niederzulegen. Nur: Das Mädchen ist aus Israel, aber Araberin, und weiß laut eigenen Angaben nichts über die Geschichte des Holocaust. Zum Schmunzeln hingegen laden jene Szenen ein, wo die deutschen Chorleiterinnen über die mangelnde Disziplin der israelischen Mädchen und mögliche Gründe dafür sinnieren, da diese keine Lust haben, jeden Tag 5 bis 6 Stunden konzentriert zu proben- wie das die deutschen Mädchen stets pflichtbewusst und selbstverständlich machen würden.

Eine Schwäche des Films ist, dass die Protagonist/innen – sowohl Projektleiter, Musiklehrer, Chorleiterinnen oder die Mädchen – nicht namentlich erwähnt oder in ihrer Funktion vorgestellt werden. So sieht man in Interviewsequenzen verschiedene Personen, Erwachsene, Kinder, Jugendliche, die durchaus erhellend über ihre Erfahrungen berichten. Das Publikum weiß aber zu keinem Zeitpunkt, wer hier eigentlich spricht, was genau seine/ihre Funktion oder Name ist, woher er/sie kommt, etc. Man muss raten, anhand der verwendeten Sprache, und auch daraus wir man nicht immer klüger. Dass die Macher darauf von niemandem hingewiesen wurden, oder selbst darauf gekommen sind, ist schon etwas verwunderlich und ärgerlich.

Fazit:

Abgesehen von einigen formalen Mängeln ist „Die jungen Kadyas“ ein durchaus erhellender und interessanter Dokumentarfilm über die Begegnung von, zwischen und mit Kultur(en), in seinem Zugang sehr pragmatisch und realitätsnah. Jetzt in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Bewertung:

Bewertung: 6 von 10.

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