Gary Oldman schuf mit seinem heruntergekommenen Geheimagenten Jackson Lamb in kurzer Zeit eine neue Serien-Kultufigur. In Staffel 4 dürfen er und seine liebenswert-kaputten „Slow Horses“ erneut Großbritannien retten. Die erste Folge ist seit Mittwoch auf AppleTV+ zu streamen.

von Christian Klosz

In knapp 2,5 Jahren zur Kultserie: Wofür die meisten Langformate Jahre oder gar Jahrzehnte brauchen, das gelang „Slow Horses“ auf AppleTV+ in aller Kürze. Der Geheimdienst-Thriller nimmt das Beste des Genres (auch Fans von „24“ kommen auf ihre Kosten) und macht sein eigenes, sehr britisches, weil schwarzhumoriges Ding draus. Nun läuft bereits die 4. Staffel (Titel „Spook Street“), auch die 5. ist schon abgedreht. In Zeiten, wo die Abstände zwischen Staffel-Releases immer größer werden (siehe „Stranger Things“) schon ein Kunststück.

„Slow Horses“ basiert auf der gleichnamigen Roman-Reihe des englischen Autors Mick Herron, das erste Buch erschien 2010. Will Smith (nicht der US-Schauspieler, sondern ein gleichnamiger britischer Comedian und Produzent) adaptierte es 2020 als Mini-Serie, die dann im Frühjahr 2022 auf AppleTV+ zu sehen waren – und sofort einschlug.

„Slow Horses“ erzählt nicht von der noblen, glitzernden Geheimdienst-Welt a la James Bond (die ohnehin immer fiktive Überhöhung war), sondern von Geheimagenten „wie du und ich“, die im sogenannten „Slough House“ ihr tristes Agenten-Dasein fristen. Vom britischen Geheimdienst MI5 wegen diverser Vergehen und grober Fehler (Alkohol, Drogen, Teamunfähigkeit….) ausgemustert, ist die heruntergekommene Einheit ein Sammelbecken gescheiterter Agenten-Existenzen.

Folgerichtig ist auch der Chef eine ebensolche: Jackson Lamb, grandios verkörpert von Gary Oldman, ist ständig grantig, gemein, zynisch, scheint jeden und alles zu hassen und ist die Hälfte der Zeit betrunken. Mit jeder Staffel von „Slow Horses“ schaut er noch abgefuckter aus. Doch hinter dem abstoßenden Äußeren verbirgt sich ein genialer Ermittler und Agent, der seinen präsentablen Kollegen aus dem „Park“ (das MI5-Headquarter) oft einen Schritt voraus ist.

Oldman als Lamb ist ein Ereignis, bereits jetzt eine Kultfigur, die sich mühelos in die Riege bekannter und beliebter TV-Ermittler und Gesetzeshüter (Hercule Poirot, Columbo, Monk….) einreiht. „Slow Horses“ funktioniert aber auch deshalb, weil viele der Figuren liebenswerte Underdogs sind, Menschen mit Schwächen, aber umso mehr Identifikationspotential für das Publikum.

Staffel 4 startet mit einem Bang, wortwörtlich: River Cartwright (Jack Lawdon), einer von Lambs besten Mitarbeitern, ist tot. Zumindest scheint es so – sein an fortschreitender Demenz leidender Opa (Jonathan Pryce) hat ihn erschossen, als er ihn für einen Einbrecher hielt. Eine Identifikation ist schwer, da River das Gesicht weggeschossen wurde, Jackson Lamb erzählt der Polizei trotzdem, es sei River. Dass hier aber manches anders ist, wie es scheint, lässt bereits der Titel der 1. Episode „Identitätsdiebstahl“ vermuten.

Hinzu kommt ein brutaler Terroranschlag: Ein Mann fuhr mit seinem mit Bomben bestückten Auto in ein Einkaufszentrum und tötete dutzende Menschen, der MI5 unter seiner neuen Direktorin Diana Taverner (Kristin Scott Thomas) ermittelt. Ob und wie die beiden Ereignisse zusammenhängen, werden die kommenden 5 Episoden zeigen. Sie erscheinen im Wochentakt immer mittwochs auf AppleTV+.

Fazit

Die erste Folge der 4. Staffel von „Slow Horses“ bietet Gewohntes: Ein Mysterium, einen Anschlag, das Potential für heftige Plottwists – und einen Gary Oldman in Höchstform. Im Vergleich zu den ersten Episoden der Staffeln 1-3 zieht sie zwar den Kürzeren, aber eine solide Grundlage für eine neue, sehenswerte Staffel für Slough House-Fans ist gelegt.

Bewertung (1. Folge)

Bewertung: 8 von 10.

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Bild: Apple TV+