Der Musical-Trend, der Hollywood die letzten Jahre mitbestimmte, scheint mit „Wicked“ eine neue Höhe erreicht zu haben: Basierend auf dem Broadway-Erfolg bringt Regisseur John M. Chu in Zusammenarbeit mit dem Komponisten des Originals Stephen Schwartz die Vorgeschichte der Bösen Hexe des Westens aus dem Kinderbuch und späteren Filmerfolg „Der Zauberer von Oz“ auf die große Leinwand – und das mit Stil. Stars wie Ariana Grande, Jonathan Bailey und Jeff Goldblum geben ihr Bestes, um sowohl schauspielerisch als auch musikalisch zu glänzen. Doch ist das Projekt am Ende doch mehr Schein als Sein?

Von Natascha Jurácsik

„Wicked“: Broadway-Musical als Film

Wer kennt sie nicht: Die Böse Hexe des Westens traumatisiert seit dem Technicolor-Wunderwerk von 1939 unzählige Kinder mit ihrer grünen Haut, krächzenden Stimme und Hakennase. Doch bevor sie zum Staatsfeind Nummer Eins in ganz Oz wurde, war auch sie nur auf der Suche nach Zugehörigkeit. Und so versucht die junge Elphaba (Cynthia Erivo) ihr Glück an der Universität Shiz, doch ihre ungewöhnliche Hautfarbe macht es ihr zunächst nicht einfach. Kann vielleicht die hübsche Galinda (Ariana Grande) der düsteren Außenseiterin zu neuer Beliebtheit verhelfen? Als beide schließlich die Chance bekommen, den mächtigen Zauberer von Oz (Jeffrey Goldblum) zu treffen, müssen sie sich entscheiden, welchen Preis sie bereit sind, für Ruhm und Bewunderung zu zahlen.

Fans des Musicals wird bereits aufgefallen sein, dass „Wicked“ als erster von zwei Teilen nur den ersten Akt der Bühnenversion umfasst, obwohl die Laufzeit von fast drei Stunden der gesamten Länge des Originals entspricht. Chu und Schwartz rechtfertigen diese Entscheidung, indem sie tiefere Einblicke in die Welt von Oz, einen komplexeren Umgang mit den verschiedenen Charakteren und eigens für den Film komponierte musikalische Beiträge liefern – mit Erfolg. Das zusätzliche Material wird gelungen in die Handlung eingebaut und macht die Geschichte greifbarer für ein Filmpublikum, ohne dabei verwirrend oder überladen zu wirken. Somit entstehen auch keine unnötigen Stimmungslücken, die für Langeweile oder fehlende Atmosphäre sorgen könnten, was den Effekt der Musikeinlagen sehr gut unterstreicht. Statt eines billigen Versuchs, mit zwei Filmen mehr Geld zu machen, wie es bei solchen Entscheidungen oft der Fall zu sein scheint, ist dies hier durchaus nachvollziehbar und offensichtlich das Ergebnis fundierter Überlegung. Wenn der zweite „Wicked“-Teil das Tempo des ersten beibehält, ist nichts gegen die zusätzlichen Stunden an Handlung zu sagen.

wicked

Optisch macht „Wicked“ ziemlich was her: Die bunte Märchenwelt von Oz erwacht zum Leben und bietet durch sorgfältig inszenierte Sets mit zahlreichen Details einiges zu entdecken, ohne dabei zu künstlich oder verschroben zu wirken. Natürlich ist ein gewisser kindlicher Touch zu erwarten, da die Geschichte eben auf einem Kinderbuch basiert, doch dank des bedachtsamen Umgangs mit dem Ausgangsmaterial lassen sich das Setting und die schrulligen Figuren dennoch ernst nehmen, wenn es angebracht ist.

Dank des Gebrauchs von echten, von Hand gebauten Bühnenbildern, die erst im Nachhinein mit CGI angereichert wurden, ist das Spektakel visuell überzeugend und lädt zum Versinken in die Geschichte von Elphaba und Galinda ein, auch wenn die etwas unbeholfene Video-Spiel-Ästhetik, die typisch für Computer-generierte Bilder ist, nicht ganz vermieden werden konnte. Die Kostüme sind ebenfalls sehenswert und heben den Look der Musical-Produktion auf eine neue Ebene.

Das wahre Highlight sind allerdings die Darsteller. Sämtliche Ensemble-Nummern sind hervorragend inszeniert, sowohl musikalisch als auch was die Choreografien angeht, die hier besonders gelungen sind. Statt durch hektische Kamerabewegungen und häufige Schnitte die Schwächen der Tanzeinlagen verbergen zu wollen, kann hier getrost alles gezeigt werden, da der gesamte Cast die komplizierten Schrittfolgen perfekt beherrscht. Stimmlich glänzen Cynthia Erivo (Elphaba) und Ariana Grande (Galinda) besonders, was durch ihre Entscheidungen, bei den Aufnahmen live zu singen, unterstrichen wird.

Erivo verleiht ihrer Rolle eine emotionale Tiefe, die im Original nicht ganz so komplex erscheint, und spielt die junge Hexe mit einer inneren Kraft, die auf der Leinwand sehr überzeugend wirkt, wobei die Performance von ihrer herausragenden musikalischen Leistung noch zusätzlich profitiert. Grande legt ihr Ego als Popstar erfolgreich ab und lässt sich voll und ganz auf ihre Figur ein: Ihre Galinda bringt viel Humor in die sonst recht ernste Story, ohne auf eine eindimensionale Clownsfigur reduziert zu werden.

Sie rückt je nach Bedarf in den richtigen Momenten in den Hinter- oder Vordergrund und scheint mit Erivo ein perfekt eingespieltes Team zu sein. Zwar gab es an Grandes stimmlicher Technik keinen Zweifel, aber trotzdem überrascht sie mit ihrer Fähigkeit, sich dem Musical-Genre problemlos anzupassen, wodurch der gesamte Hauptcast perfekt harmonieren kann. Ein willkommenes Extra in „Wicked“ ist auch Jonathan Bailey, der als Fiyero seine darstellerische Vielseitigkeit unter Beweis stellt. Michelle Yeoh hingegen geht als Madame Morrible musikalisch etwas unter, kompensiert das allerdings, indem sie der ursprünglich eher komödiantischen Rolle mehr Würde und Tiefsinnigkeit verleiht.

Fazit

Der erste Teil einer etwas anderen Origin-Story: „Wicked“ überzeugt vor allem durch Qualität und wird sowohl Kennern des Broadway Musicals als auch neuen Fans dank seiner Unterhaltsamkeit und interessanten Geschichte gefallen. Wer Musicals allerdings partout nicht leiden kann, sollte sich das Kinoticket wohl sparen, da der Film keinerlei Hehl daraus macht, was er ist: Nämlich eine musikalische Bühnenproduktion, die auf gelungene Weise für die Leinwand adaptiert wurde – mit einer emotionalen, anspruchsvollen Handlung, die keine ‚realistischere‘ Ästhetik nötig hat.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(79/100)

„Wicked“ startet am 12.12. in unseren Kinos.

Bild: (c) Universal Studios