Harry Potter: Zwei Worte, ein Name, ein Phänomen. Kinder der 90er erinnern sich noch heute gut daran, wie das damals war, als die Welle plötzlich über die Kinderzimmer Europas hinwegfegte und alles Rot und Gold färbte. Doch wie lässt sich dieser Erfolg erklären? Was macht den Zauber hinter dem jungen Waisenkind und seinen Freunden aus? Welch magische Formel sorgt dafür, dass Generation um Generation diesem Universum verfällt? Und: Konnten die Verfilmungen, deren erste „Harry Potter und der Stein der Weisen“ vor ziemlich genau 23 Jahren das Licht der Welt erblickte, mit der literarischen Vorlage mithalten?
von Mara Hollenstein-Tirk
Denise Ohner, Buchhändlerin und selbst Potter-Head der ersten Stunde, fasste es einmal sehr schön zusammen: Ein Privileg meiner Kindheit war es, mit Harry Potter auf- und mitwachsen zu dürfen. J. K. Rowling hat eine grandiose Zauberwelt mit Sogwirkung geschaffen, bis ins kleinste Detail durchdacht und mit Charakteren, die einem immer im Gedächtnis bleiben werden. Umso schöner, dass man als Fan der Bücher auch von der filmischen Umsetzung nicht enttäuscht wird. Harry Potter ist universal. Harry Potter spricht jeder. Harry Potter ist Kult.
Tatsächlich scheint bereits dieser kurze Absatz viele Elemente aufzuzählen, die „Harry Potter“ zu dem gemacht haben, was er heute ist. Wobei, vielleicht doch auch nur beim ersten Hinsehen. Denn ja, Rowling gelang damals der Marketingstreich par exellence: Der Protagonist wuchs mit seinen Lesern mit. Zielgruppenorientierung wurde dabei stets groß geschrieben. Liest man heute in die Werke hinein, wird einem das sofort bewusst. Während sich die ersten Bücher noch einer leichteren Sprache und kindlicherer Themen bedienen, treten mit der Pubertät der Figuren auch neue Probleme abseits des Bösewichts auf den Plan und als junge Erwachsene, die sich im finalen Showdown beweisen müssen, geht es schließlich sogar ziemlich düster zur Sache.
Auch in den Filmen spürt man diese schrittweise Weiterentwicklung an allen Ecken und Ende – selbst an der Farbpalette. Ein neues Jahr im echten Leben hieß damals gleichzeitig auch ein neues Jahr in Hogwarts; eine unvergessliche Erfahrung, für jeden, der sie damals machen durfte. Doch auch wenn dieser Schachzug natürlich genial, und sicher auch verkaufsfördernd war, des Pudels Kern kann sich hier noch nicht offenbart haben, denn auch heute noch fangen Kinder und Jugendliche im richtigen Alter mit dem ersten Band der Reihe an, warten aber, anders als die Kids damals, kein Jahr mit der Lektüre des nächsten, sondern verschlingen meist alle sieben Teile quasi an einem Stück. Und obwohl sie so manche Themen der späteren Bücher noch gar nicht wirklich nachvollziehen können, sich die Hauptfiguren eigentlich immer mehr von ihrer eigenen, kindlichen Welt entfernen, reißt die Faszination dennoch nicht ab.
Dies könnte an einem weiteren Punkt liegen, bei dem Frau Rowling Geschick für die richtige Mischung bewiesen hat: dem world building, wie man heutzutage so schön sagt. Kritiker bemängeln gerne, dass man hier und da durchaus Ideen und Entwicklungen findet, auf die man in dieser oder ähnlicher Form bereits an anderer Stelle stößt. Die Einflüsse anderer Fantasy-Autoren, wie zum Beispiel Lovecraft, sind unverkennbar. Doch wo die einen Grund zur Kritik sehen, sehen die anderen einen wichtigen Teil des Erfolges. Man muss sich das nur einmal vorstellen: Man setzt sich als AutorIn hin und bastelt sich in seinen Gedanken eine magische Geschichte für Kinder zusammen. Natürlich braucht es ein paar neue Elemente, irgendwas, das man so nicht kennt. Also erfindet man schnell einmal ein Spiel, das einerseits an reale Ballspiele erinnert, aber halt einen magischen Kniff besitzt – in diesem Fall die fliegenden Besen. Und hier ist auch schon der Trick an der Sache: man mischt neue Einfälle mit bereits Bekanntem. Denn, die Leserschaft, gerade wenn sie jüngeren Alters ist, braucht dieses bereits Bekannte als Motor für die eigene Vorstellungskraft. Frag jemanden wie ein Schwabbelwatz ausschaut und alle werden einen fragenden Blick aufsetzen (kein Wunder, dieses Tier?, Ding?, was auch immer, wurde gerade von der Autorin dieser Zeilen erfunden). Fragt man dieselbe Person allerdings, ob sie einem einen Drachen beschreiben kann, fängt auf jeden Fall augenblicklich das Kopfkino an. So hat sich Rowling eine der ältesten Weisheiten der Medienbranche überhaupt zu Nutze gemacht, um ein Werk zu erschaffen, welches es wohl tatsächlich schaffen wird, die Zeiten zu überdauern: Du musst das Rad nicht neu erfinden, nur wissen wie es funktioniert.
Doch nicht einmal diese zwei Punkte würden reichen, um den Hype rund um dieses Franchise zu erklären. Dafür bedarf es auch noch einer dritten Sache, die ebenfalls bereits in dem oben angeführten Zitat zu finden ist: den unvergesslichen Charakteren. Hier lässt sich natürlich nur schwer festmachen, was den einen Charakter unvergesslich macht und den anderen sofort wieder in der Versenkung verschwinden lässt. Natürlich dürfte die Leidenschaft der Autorin für ihre Figuren eine wichtige Rolle spielen. Mit jedem Band lernt man seine Helden besser kennen, bekommt mit, wie sie sich entwickeln und kommt ihnen mit jeder Seite so emotional ein bisschen näher. Dass es eine Reihe mit mehreren Teilen ist, dürfte also zumindest kein Nachteil gewesen sein. Und dennoch, selbst wenn man lediglich in das erste Buch hineinließt, merkt man schon, dass hier eine Geschichtenerzählerin am Werk ist, die vielleicht hier und da ein paar Logiklöcher hinterlässt, oder es mit dem Pacing nicht immer ganz so gut hinbekommt, die aber so viel Herzblut in ihre Charaktere steckt, dass man bei all den kleinen Macken und Schönheitsfehlern gerne einmal beide Augen zudrückt.
Auch hier dürftensich nun wohl einige kritische Stimmen melden und anführen, dass es im Fantasy-Genre dutzende Roman-Reihen gibt, die ganz ähnlich aufgebaut sind, und trotzdem nicht einmal ansatzweise mit dem Erfolg von Harry Potter mithalten können. Und hier kommt nun die eine Zutat hinzu, die weder gemessen, noch analysiert, noch erklärt werden kann, und die Bud Spencers Figur in „Zwei sind nicht zu bremsen“ so treffend ins Spiel bringt: der GF – der Glücksfaktor. Denn ebenso wie bei den Charakteren weiter oben bereits ausgeführt, lässt sich auch bei Werken im allgemeinen nicht so wirklich sagen, was nun das eine zum Dauerbrenner und das andere zum Rohrkrepierer werden lässt. Wieso die einen Geschichte schreiben, während die anderen in den Regalen verstauben, das weiß wohl keiner so genau. Und es stellt sich die Frage, muss man es denn wirklich wissen? Möchte man es überhaupt? Ist es nicht viel schöner, in einer Welt, in der so vieles auf Kalkül und Marketingstrategie ausgelegt ist, zu sehen, dass der GF eben doch nie so ganz aus der Gleichung herausgenommen werden kann?
Welche Harry Potter Film ist der beste?
Nachdem es in diesem Beitrag auf einem Online-FILM-Magazin nun eigentlich die ganze Zeit um Bücher ging, hier noch ein kleines cineastisches Schmankerl für alle LeserInnen, die bis zum Schluss dran geblieben sind: Ein – vollkommen subjektives – Ranking aller Harry-Potter-Filme!
Platz 8: Harry Potter und die Kammer des Schreckens
Der zweite Teil der Reihe war für mich schon immer das Schlusslicht. Alles ist noch sehr kindlich. So wirklich viel Neues über die dunkle Bedrohung im Hintergrund erfährt man auch nicht und allgemein finde ich, gibt es nur wenige Szene, die einem tatsächlich im Gedächtnis bleiben.
Platz 7: Harry Potter und der Halbblutprinz
Zwar gibt es ein paar essentielle Enthüllungen, aber ein Großteil des Films fühlt sich lediglich nach einer überlangen Quest um den nächsten Horkrux an. Ja, das Ende ist legendär und war damals ein richtiger Schocker, aber der Film hat doch auch so seine Längen.
Platz 6: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 1
Mit diesem Film habe ich ein ähnliches Problem, wie mit dem Halbblutprinz: Es finden zwar einige sehr wichtige Entwicklungen statt, aber die meiste Zeit sitzt man mit drei emotional etwas instabilen beinahe-Erwachsenen in einem Zelt und versteckt sich vor den Bösen.
Platz 5: Harry Potter und der Stein der Weisen
Ich gebe es zu, ich war einfach schon zu alt, als ich diesen Film zum ersten Mal gesehen habe. Auf mich wirkte alles zwar ganz nett inszeniert, aber eben doch auch noch recht kindlich. Trotzdem hat er sich vielleicht einen Platz weiter oben verdient, weil er einen verdammt guten Job macht, was das world building betrifft.
Platz 4: Harry Potter und der Gefangene von Askaban
Ja, ich bin irgendwie ein Fan von der Figur Sirius Black – ein Charakter mit Ecken und Kanten, tragisch und wunderbar dreidimensional. Daran könnte es liegen, dass mir der in meinen Augen letzte Teil, der noch zu den kindlicheren Filmen gezählt werden kann, immer so gut gefallen hat.
Platz 3: Harry Potter und der Orden des Phönix
Alleine, dass es den Verantwortlichen gelungen ist, mit Umbridge einen Charakter einzuführen, der fast noch unsympathischer ist als Voldemort, ist schon einen kleinen Applaus Wert. Aber auch abseits des grandiosen Antagonisten macht es einfach Spaß, mal ein bisschen mehr Zauberei von den Schülern zu sehen zu bekommen.
Platz 2: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2
Ganz knapp verpasst das große Finale den Platz ganz oben auf dem Siegertreppchen. Vielleicht wenn man nicht die Bücher gelesen haben müsste, um am Ende wirklich zu durchblicken, was da mit Harry und Dumbledore in dieser Bahnhofshalle abgeht, vielleicht hätte er es dann auf Platz 1 geschafft. So bleibt es aber bei einem sehr ehrenvollen und wohl verdienten zweiten Platz.
Platz 1: Harry Potter und der Feuerkelch
Ich stehe einfach darauf, wenn ich in einem Fantasy-Spektakel viel unterschiedliche Magie zu sehen bekomme. Und in keinem anderen Teil der Filmreihe wird das magische Potenzial, welches hinter Rowlings Welt steckt, besser, actiongeladener und spannender veranschaulicht, als beim Trimagischen Turnier.
