“Nosferatu” ist Robert Eggers vierter Langfilm und zeigt seine Liebe zum Horrorfilm und zur Subkultur des Gothic. Dementsprechend ist der Film kein Schockmarathon oder Gore-Spektakel. In “Nosferatu” lauert eben nicht hinter jeder Tür das Böse und werden nicht alle paar Minuten wahlweise die Figuren oder das Publikum erschreckt. Was den Film ausmacht, ist eine konstant ungemütliche Atmosphäre, die gleichsam anziehend wirkt und die Zuschauer*innen von einer Situation zur anderen trägt.

von Richard Potrykus

„Nosferatu“ als kunstvolles Gothic-Schauermärchen

Die Handlung ist altbekannt und schnell wiedergegeben. Der mysteriöse rumänische Graf Orlok (Bill Skarsgård) will in Wisborg ein Haus erwerben, um sich zur Ruhe zu setzen. Der frischvermählte Makler Thomas Hutter (Nicholas Hoult) wird von seinem Vorgesetzten Herrn Knock (Simon McBurney) mit der Abwicklung des Geschäfts beauftragt. Hutter reist sofort ab und lässt seine Frau Ellen (Lily-Rose Depp) bei Freunden zurück.

Während seiner Abwesenheit und auch danach wird Ellen von Albträumen und Schlafwandeln geplagt und es scheint sich eine Form von Besessenheit zu entwickeln. Der behandelnde Arzt Dr. Sievers (Ralph Ineson) weiß irgendwann keinen Rat mehr und bittet Prof. von Franz (Willem Dafoe), einem Experten für das Okkulte, um Hilfe. Nach Hutters Rückkehr wird allen schnell bewusst, dass Orlok ein Vampir und nicht der Immobilie wegen in Wisborg ist. Vielmehr hat er es auf Ellen abgesehen. Es kommt zur Jagd auf den Eindringling.

Und genau so schnell, wie die Handlung wiedergeben werden kann, so wenig Neues bietet der Film. Nichts, was in “Nosferatu” vorkommt, kein einziges Element, ist nicht auch in irgendeinem anderen Film zu finden, weder in den beiden anderen Verfilmungen von “Nosferatu”, noch in einer Version von “Dracula”. Allein, das ist nicht der Punkt.

Eggers geht in seinem Film zurück zu den popkulturellen Ursprüngen rund um den berühmten Vampir und lässt dabei kaum etwas aus, selbst wenn es für die Handlung keine Bewandtnis hat. Es gibt Kreuze, Ratten, Blut, eine fremde Sprache, Spiegel, einen Sarg, Objekte zum Pfählen, jammernde Dorfbewohner, jammernde Nonnen, selbst Knoblauch findet Erwähnung. Und doch hat der Film eine eigene Handschrift. Eggers interpretiert die einzelnen Aspekte des Themas und gliedert sie gekonnt in seinen Film ein. Dabei setzt er stark auf die Wirkung seiner Bilder. Es ist schwierig, auszumachen, was mehr Gewicht erhält, die Kamera oder die Farbgebung. Beides scheint im Vordergrund und wirkt gleichsam artifiziell. Natürlich kommen in einzelnen Einstellungen auch die bekannten Formen des expressionistischen Weimarer Kinos durch und das in einem Ausmaß, dass die ikonische Schattenhand mitunter als eigenständige Figur zu begreifen ist.

Die einzelnen Szenen erinnern an Gemälde, welche es sorgsam abzutasten gilt. Dadurch befindet sich die Kamera zwar im Raum und ist nah am Geschehen, doch wahrt sie Distanz. Sie ist der Rahmen für die Ereignisse und präsentiert alles auffallend demokratisch. Diese gleichmütige Herangehensweise ermöglicht dabei das Ausbilden von Extremen. Das Schauspiel am Tag ist zumeist extrem gestelzt. Zu der altmodischen Ausdrucksweise in den Dialogen gesellt sich ein affektiert reserviertes Gehabe, wie aus einem Roman von Jane Austen. Demgegenüber ist alles, was auch nur entfernt mit dem Vampir zu tun hat, im höchsten Maße animalisch. Ellens Momente der Besessenheit sind nicht nur sehr stark von Depp gespielt, sondern auch sexuell aufgeladene Akte, die sich im ganzen Körper abspielen. Wenn der Vampir Blut trinkt, erinnert dies ebenso an Beischlaf.

Im Gegensatz zu anderen Repräsentationen eines Vampirs ist Orlok hier kein Verführer. Er ist auch nicht das Objekt der Begierde. Stattdessen wird er als die Begierde selbst inszeniert. Sein Drang ist allumfassend und besitzt eine sehr triebgesteuerte und fleischliche Strahlkraft. Und so gilt, dass neben den expressionistischen Referenzen auch der Surrealismus fester Bestandteil von Eggers “Nosferatu” ist.

Dennoch bleibt der eine oder andere Wermutstropfen und man kann sich fragen, ob dieses oder jenes unbedingt hätte sein müssen. Müssen Frauen wirklich immer (halb-)nackt sein, wenn ihnen ein Leid geschieht? Es gibt Situationen im Film, in denen man sich fragen kann, weshalb die jeweilige Figur nicht einfach anders gehandelt oder einen anderen Weg eingeschlagen hat, und dann ist da die Sache mit der Schattenhand. Ein wundervoller Effekt, der auch im Jahr 2025 nichts von seiner Eindrücklichkeit verloren hat, doch eignet er sich nicht zur vielfachen Nutzung.

Fazit

Robert Eggers “Nosferatu” ist ein guter Film. Er ist atmosphärisch dicht und bedrückend und glänzt in wunderschönen schaurigen Bildern. Die schauspielerische Leistung von Lily-Rose Depp ist beachtlich und ihre Besessenheit ist erstklassig. “Nosferatu” ist zweifellos auch ein Kunstfilm, der einer Historie Tribut zollt, die vor über 100 Jahren ihren Anfang nahm. Er ist eine gute Adaption des Stoffes und transportiert die Erzählung zeitgemäß.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

85/100

Bild: (c) 2024 FOCUS FEATURES LLC.