Seit Mittwoch 25.3.2026 ist die erste Folge der zweiten Staffel von „Daredevil: Born Again“ auf Disney+ verfügbar und ganz in der Tradition des linearen Fernsehens wird sich wöchentlich eine neue Folge dazugesellen. Insgesamt wird es acht Episoden geben, die die Ereignisse der ersten Staffel fortsetzen. Vor etwas mehr als einem Jahr (05.03.2025) war die erste Folge der ersten Staffel veröffentlicht worden, die Episode, in der ein folgenschwerer Mord passierte. Viel ist seither geschehen.
Von Richard Potrykus
Was bisher geschah
In den USA hat Donald Trump seinen Einfluss trotz sinkender Beliebtheitswerte weiter ausbauen können. Die US-amerikanischen Einwanderungs- und Zollbehörde ICE (der sich auch Ex-Superman Dean Cain anschloss) wurde zu einer paramilitärischen Institution umgewandelt, die all jenen eine Heimat bietet, die maskiert und ohne Konsequenzen zu fürchten gewaltsam gegen Minderheiten vorgehen wollen. In Los Angeles kam es zu Widerständen gegen jene marodierenden Truppen, woraufhin der Präsident die Nationalgarde aussandte. Ebenfalls in hohem Maße protestierend gingen die Menschen in Minneapolis auf die Straße, nachdem die maskierten Schläger der ICE Renée Good und Alex Pretti auf offener Straße erschossen.
Es gab und gibt manipulative Berichterstattungen, sowie arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen Jimmy Kimmel nach einer Aussage über Charlie Kirk, die designierte Absetzung der „Late Show with Stephen Colbert“ und die Entlassung von mehr als einem Drittel der Beschäftigten der Washington Post, jener Zeitung, deren Journalisten einst den Watergate-Skandal aufgedeckt hatten, durch den Milliardär und Amazon-Chef Jeff Bezos.
Beim Verkauf von Warner Bros. stand weniger die Frage im Raum, ob zukünftige Filme noch ins Kino kommen (Netflix), sondern wie es dem Faktencheck-liebenden Sender CNN ergehen könnte (vor allem wenn das Trump-freundliche Paramount-Skydance übernimmt). Und schließlich wurde das US-Verteidigungsministerium in Kriegsministerium umbenannt und werden alle Journalist*innen in der Pressekonferenz im Weißen Haus mit der Unterstellung der Falschmeldung abgewatscht, wenn sie es wagen, Fragen zu stellen, bei denen nicht Phrasen in der Form „Trump ist großartig“ als Antwort vorgesehen sind.
„Daredevil: Born Again“ oder: Deep State in New York
Nun, ein Jahr später, überquert in „Daredevil: Born Again“ ein Frachtschiff den Hudson River und muss versenkt werden, weil er blinde Superheld Daredevil (Charlie Cox) die Ware entdeckt hat, die er eigentlich nicht hätte entdecken sollen. Es wird eine eindeutige Verbindung zu Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) hergestellt, der als Bürgermeister von New York eine Law & Order Politik verfolgt, die allein darauf abzielt, selbst gut dazustehen. Dabei kommt vor allem seine neu gegründete Anti-Vigilante Task Force (AVTF) zum Einsatz, die abseits der Polizei mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet wurde, um „die Maskierten“ zu jagen und zu fangen. Doch schon in der ersten Folge zeigt sich, dass auch jene Menschen in den gewaltbereiten Fokus der AVTF gelangen, die gar keine Superheld*innen sind.
„Daredevil: Born Again“ setzt in der zweiten Staffel dort an, wo die erste aufhört, sowohl inhaltlich, als auch in ihrem Anspruch. Erneut wird die Handlung immer wieder unterbrochen durch Ausschnitte aus dem VLog der Journalistin BB Urich (Genneya Walton), doch während in den Aufnahmen des BB-Reports die Passant*innen davon schwärmen, was seit Fisks Wahlsieg alles besser geworden ist, erhält das Publikum der Serie tiefere Einblicke und schaut hinter die Fassade. Da wird dann der Verdacht diskutiert, dass der Bürgermeister seine eigentliche wirtschaftliche Tätigkeit doch nicht ganz aufgegeben hat, und wird das enge Umfeld präsentiert, in dem sich auch hochrangige Behörden seinem Willen unterordnen.
„Daredevil: Born Again“ Staffel 2 konstruiert einen Deep State, der den tatsächlichen Netzwerken in Washington, D.C. nicht unähnlich erscheint: Das Unternehmen bleibt in Familienhand, der Direktor des FBI, Kash Patel, äußert sich möglichst gefällig und versucht krampfhaft, von den Epstein-Akten abzulenken, der Schwiegersohn ist Sonderbotschafter, Tech-Giganten bestimmen über die kolportieren Meinungen und der amtierende Verteidigungsminister ist ein ausgewiesener Rassist, der nur allzu gerne die Umbenennung seines Amtes in Kriegsminister anerkannt hat und sich mit seinem krassen Nationalismus in der Politik des Staatsoberhauptes rundum wohlfühlt.
Indes wird das Eis dünner für den Präsidenten, der zunehmend bestrebt ist, wie Fisk faschistische Strukturen zu etablieren. Im November 2026 stehen die Midterm Elections an und die nächsten Präsidentschaftswahlen finden zwei Jahre darauf statt.
MCU Phase 1 – 5: Ein kritisches Fazit
Quo Vadis, Marvel-Television?
Trump darf nicht erneut kandidieren und noch ist erst eine Folge der zweiten Staffel der Marvel-Serie veröffentlicht worden. Aus Trailern und den Kinofilmen des MCU ist bekannt, dass „Daredevil: Born Again“ Teil des MCU ist, und dieses MCU ist zwar witzig, bietet aber zumeist relativ belanglose Superheld*innen-Action, ohne politischen Kompass oder Anspruch, mehr zu sein als die Effekthascherei, die es ist.
Da ist es durchaus interessant und erfrischen, dass mit „Daredevil: Born Again“ eine Serie geschaffen wurde, die sich ziemlich auf dem Boden einer Realität befindet, auf die eine Superheld*innenwelt draufgesetzt wurde. In „Daredevil“ sind Superheld*innen Teil der Welt, nicht aber deren Zentrum, und die Figuren, die damit einhergehen und die wieder zum Leben erweckt wurden, Frank Castle (Jon Bernthal) und Jessica Jones (Krysten Ritter), sind ebenso wenig strahlende Ritter in goldener CGI-Rüstung.
Es bleibt also spannend, zu erfahren, ob Marvel in „Daredevil: Born Again“ den progressiven, politischen und gesellschaftskritischen Weg fortsetzt – oder ihn nach und nach aufweicht, um das Format familiengerecht ins MCU zu integrieren.
Bewertung
(84/100)
Die zweite Staffel von „Daredevil: Born Again“ läuft seit dem 25. März 2026 bei Disney+
Bild: (c) Marvel / Disney
