Beim Filmfestival in Venedig wurde Paolo Strippolis neuester Film „The Holy Boy“ als das ‚italienische Midsommar‘ bezeichnet und dafür gepriesen, die italienische Genre-Szene wieder zu beleben. Der Vergleich zu Ari Asters Folk-Horror-Hit ist zwar etwas oberflächlich, aber Lob hat Strippoli für sein komplexes, stimmungsvolles Projekt durchaus verdient.

von Natascha Jurácsik

Sergio (Michele Riondino) kommt als Sportlehrer in ein kleines Bergdorf, das als ‚glücklichstes Dorf Italiens‘ bekannt ist und versucht dort vor den Dämonen seiner Vergangenheit zu fliehen. Als er mit dem jungen Matteo (Giulio Feltri) bekannt gemacht wird, der nur durch eine Umarmung die Menschen von ihrem Schmerz befreit und von den Einheimischen wie ein Heiliger verehrt wird, wird ihm schnell klar, dass das sogenannte ‚Tal des Lächelns‘ tiefere Abgründe hat, als es scheint.

„The Holy Boy“: Zwischen Glauben und Fanatismus

Die Qualität lässt bei „The Holy Boy“ keineswegs auf einen Indie-Streifen vermuten, denn sowohl die Sets als auch die visuelle Inszenierung zeigen, dass Strippoli eine klare Vorstellung von der Ästhetik seiner Geschichte hatte und diese auch umgesetzt hat. Trotz der idyllischen Location wirkt das kleine Dorf bedrückend und abweisend – egal wie viel Zeit das Publikum hier verbringt, lässt der Regisseur es nicht zu, dass man sich ganz orientieren kann, wodurch eine labyrinthische, geheimnisvolle Ebene geschürt wird, die als perfekten Schauplatz für die komplexe Handlung dient. Hierzu trägt auch das kreative Sound Design bei, welches gezielt eingesetzt wird, um die düstere Atmosphäre zu verstärken.

Statt mit „Midsommar“ ist die Geschichte allerdings eher mit Mike Flanagans „Midnight Mass“ vergleichbar: Im Zentrum steht der schmale Grat zwischen Glauben und Fanatismus und die Frage, ob ein guter Wille reicht, um moralische Grauzonen auszunutzen. Zusätzlich legt Strippoli besonderen Fokus auf den Konflikt zwischen Pflicht und Ausbeutung, indem er Matteo nicht nur als narrative Symbolfigur einsetzt, sondern seine Menschlichkeit betont. Der Zuschauer nimmt hierbei Sergios Perspektive ein und fragt sich genau wie er, ob das Wohl des sonderlichen Jugendlichen dem der Dorfgemeinde untergeordnet sein sollte.

Dabei schreckt „The Holy Boy“ nicht davor zurück, in einzelnen Momenten wirklich unangenehm zu werden. Die Charaktere sind allesamt komplex und vor allem bei Sergio und Matteo wird tief auf die Beziehung zwischen dem Wunsch Gutes zu tun und dem Bedürfnis nach Eigennützigkeit eingegangen – sexuelle Lust und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit üben eine Wechselwirkung auf die zwei Figuren aus, die ihre innere Zerrissenheit thematisiert.

Woher kommt Brutalität?

Auch das Problem der Verantwortung wird über die Akteure behandelt: Matteos Verantwortung der Gemeinde gegenüber, die Verantwortung der Erwachsenen für den minderjährigen Matteo und Sergios Rolle in seiner eigenen tragischen Vergangenheit hinterfragen, wie die Sozialisierung des Einzelnen und der Umgang der Menschen miteinander unvorhergesehene Auswirkungen haben können. Strippoli nimmt seine Figuren als metaphorisches Beispiel um das Publikum aufzufordern, über den eigenen Schmerz hinweg zu blicken und fremde Perspektiven zuzulassen.

Der Generationenkonflikt zwischen Kindern und Eltern wird in „The Holy Boy“ zum Sprachrohr dieser Konzepte: Die Idee von ‚Nature vs. Nurture‘ wird hier bis ins Extrem getrieben, indem der Film versucht, zu analysieren, ob Brutalität intrinsisch oder erlernt ist und was passiert, wenn Eltern sich vor den Kindern, die sie selbst erzogen haben, fürchten müssen. Eine klare Antwort bietet Strippoli nicht, doch das ist auch gar nicht das Ziel. Vielmehr sollen diese Inhalte einen breiteren Diskurs anregen und den Zuschauer über ein Gefühl der Unbehaglichkeit zum Überdenken der eigenen Ansichten gelenkt werden. Zwar sind die fast zwei Stunden Laufzeit bei dem langsamen Tempo etwas zu lang, doch die Handlung von „The Holy Boy“ ist dennoch anhaltend eindrucksvoll.

Fazit

„The Holy Boy“ ist eine komplexe Auseinandersetzung mit Religion, Schmerz und Empathie, die trotz einer etwas trägen Darstellung sehr gelungen mit den angesprochenen Themen umgeht, ohne die Essenz eines Genre-Films an philosophisches Monologisieren zu verlieren. Zwar wird Strippolis Werk für die internationale Bühne vermutlich zu obskur bleiben, doch in Horror-Kreisen hat es das Potenzial, zu einem wahren Kult-Klassiker zu werden.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(83/100)

„The Holy Boy“ lief beim Slash Filmfestival, das Ende September 2025 in Wien stattfand. Am 9.4.2026 erscheint der Film auf BluRay und DVD, bereits jetzt ist er bei diversen Anbietern als Video on Demand erhältlich.

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Bild: (c) Slash