Manche Filmfiguren scheinen in der Filmgeschichte immer wiederzukehren. Ob Sherlock Holmes oder Batman – alle paar Jahre sehen wir diese Charaktere „neu interpretiert“. Dazu zählt sicherlich auch der Vampir Dracula, der seit 1931 regelmäßig die Kinoleinwand heimsucht. Legendär ist der Auftritt von Bela Lugosi. Danach folgten zahlreiche Verfilmungen, seien es jene mit Christopher Lee als Blutsauger oder auch Komödien wie Mel Brooks‘ „Tod aber glücklich“ mit Leslie Nielsen als etwas anderer Dracula.
von Christian Oehmigen
Während moderne Vampire oft als verführerische, tragische Gestalten dargestellt werden – man denke nur an „Twilight“ oder „Interview mit einem Vampir“ – stellt F.W. Murnaus filmischer „Ur-Vampir“ „Nosferatu“ zu den ursprünglichen Wurzeln der Mythologie zurück. Der Horrorklassiker aus dem Jahr 1922 sollte dabei eigentlich gar nicht mehr existieren – er wurde verboten. Auch von diesem Stoff gibt es mehrere Verfilmungen, aktuell die von Robert Eggers, die gestern in den Kinos erschienen ist. Berühmt ist auch die Verfilmung von Werner Herzog mit Klaus Kinski als alptraumhaftem Vampir („Nosferatu – Phantom der Nacht“, 1979).
Graf Dracula heißt hier Graf Orlok und ist der Dämon in Person. Friedrich Wilhelm Murnau gelang mit „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ nicht nur ein gruseliger, sondern auch visuell atemberaubenden Film. Die Art, wie er mit Licht und Schatten spielt, diese schrägen Winkel und verzerrten Räume – das ist deutscher Expressionismus in Reinform. Kein Wunder, dass sich noch heute Horrorfilme an diesen Techniken bedienen.
Wer sich auch nur ein bisschen mit Filmgeschichte auskennt, wird einige Szenen sofort wiedererkennen: Die Schatten des Vampirs an der Hauswand, die langen Fingernägel, der stechende Blick von Schauspieler Max Schreck, der die Figur zur Perfektion verkörpert – so überzeugend, dass sogar Gerüchte aufkamen, ob Max Schreck nicht selbst ein Vampir sein könnte (übrigens auch Thema der herrlichen Komödie „Shadow of the Vampire“). Wenn man bedenkt, dass dieser Film praktisch die Blaupause für alle späteren Horrorfilme wurde – die Art, wie er Spannung aufbaut, wie er das Unheimliche zeigt und manchmal eben auch nicht zeigt – das ist auch heute noch verdammt beeindruckend.
Die Geschichte beginnt in der fiktiven Stadt Wisborg. Graf Orlok schreibt an Häuslermakler Knock, dass er ein Haus in Wisborg suche. Daraufhin beauftragt Knock seinen jungen Gehilfen Thomas Hutter, den Grafen in seiner Heimat Transsilvanien aufzusuchen, um ihm ein Angebot zu unterbreiten. Voller Tatendrang macht er sich auf die Reise, einzig seine Frau Ellen ist besorgt. Schon während der Reise bemerkt er, dass allein der Name Graf Orlok die Einheimischen erschaudern lässt.
Die folgende Reise durch die karpatische Wildnis gehört zu den atmosphärischsten Sequenzen der Filmgeschichte. Murnau nutzt die natürliche Umgebung, um eine beklemmende Stimmung zu erzeugen, lange bevor der erste übernatürliche Schrecken auftaucht.
Als er spät in der Nacht an Graf Orloks Schloss ankommt, wird er persönlich von diesem empfangen und zu einem Nachtmahl geladen. Ganz geheuer ist ihm der Graf nicht, und als sich Hutter mit dem Messer schneidet, scheint Graf Orlok geradezu fasziniert von dem Blut. Als Hutter am nächsten Morgen zwei kleine Wunden bemerkt, hält er sie für Mückenstiche. Als der Graf am zweiten Abend zufällig das Bildnis von Ellen sieht, stimmt er dem Angebot des Maklers zu, sperrt Hutter ein und macht sich umgehend nach Wisborg auf. Für Hutter beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn Graf Orlok hat es nicht nur auf Ellen abgesehen – er bringt auch Tod und Verderben in Form der Pest mit sich.
Wer Bram Stokers „Dracula“ kennt, wird hier viele Parallelen erkennen. Der Versuch, Namen und Handlungsorte abzuwandeln, reichte nicht aus: Die Witwe von Bram Stoker klagte wegen Urheberrechtsverletzung und gewann. Daraufhin wurden alle Kopien von „Nosferatu“ vernichtet. Glücklicherweise überlebten genug Exemplare, sodass „Nosferatu“ nicht nur erhalten blieb, sondern auch eine bedeutende Sonderstellung im Horrorfilm-Genre einnimmt.
Was „Nosferatu“ von anderen frühen Horrorfilmen unterscheidet, ist seine zeitlose psychologische Wirkung. Während viele Stummfilme heute antiquiert wirken, schafft es „Nosferatu“ noch immer, eine unterschwellige Angst zu erzeugen. Der Film arbeitet nicht mit billigen Schockeffekten, sondern baut eine subtile Atmosphäre des Grauens auf, die sich wie ein Albtraum in unser Unterbewusstsein einschleicht.
Es hat seinen Grund, warum der Film nach 102 Jahren neu verfilmt wird: Er ist zeitlos und weiß noch immer zu überzeugen. Wenn wir die spindeldürre Gestalt mit weit aufgerissenen Augen, langen, krallenartigen Fingernägeln und unnatürlich spitzen Ohren auf uns zukommen sehen – wie in der berühmten Szene aus Hutters Perspektive – dann läuft den meisten noch heute ein Schauer über den Rücken. Deswegen: Unbedingt anschauen!
Bild: Von J.-H. Janßen – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=81851536
