„Gerry Star – Der schlechteste beste Produzent aller Zeiten“: So heißt die neue Mockumentary-Serie der „Die Discounter“-Macher, die seit einigen Tagen auf Amazon Prime Video zu streamen ist. Ob sich das Reinschauen lohnt, und warum (nicht), verrät euch unsere Serien-Kritik.

von Christian Klosz

Gerry Star: Der Donald Trump der Musikproduzenten

Selbstüberschätzung ist eine tragische Eigenschaft: In Maßen kann sie mitunter hilfreich sein, im Übermaß und als festgefahrene Neurose macht sie das Handeln der Betroffenen lächerlich. Und nimmt destruktive Züge an, sie und ihre Mitmenschen ins Unglück stürzen. Nicht nur die Amerikaner können ein Lied davon singen, die bald wieder von einem Größenwahnsinnigen regiert werden, der sich selbst trotz aller gegenteiligen Belege als Genie empfindet.

Der Mini-Trump in dieser neuen Serie heißt Gerry Star und singt selbst keine Lieder, sondern lässt das andere machen: Er hält sich nämlich für ein Produzenten-Genie, dem der Erfolg nur so aus den Poren dringt. Problem: Gerry ist ein Loser, chronisch erfolglos, er wohnt in den Hinterzimmern einer Bowlingbahn und sein einziger Auftraggeber ist die Bowlingbahnbesitzerin, die ihre eher mittelmäßig begabte Tochter unter Gerrys Fittiche gibt, der sie zum Star machen soll.

Das ist die Ausgangslage von „Gerry Star“, produziert von „Pyjama Pictures“, dem Studio von Christian Ulmen, das bereits für „Die Discounter“ verantwortlich war. Dass die 8-teilige Serie sowas wie die Schwestern-Produktion ist, wird auf der ersten Blick klar: Erneut Mockumentary, rund 20-minütige Folgen, der Schauplatz wieder ein Mikrokosmos „am Rand der Gesellschaft“. Und Protagonisten, die so peinlich wie unterhaltsam sind. Auch wenn die Autoren (und Regisseure) der Serie andere sind: Ihr jugendliches Alter verbinden die beiden Hamburger Max Wolter und Tom Gronau, beide Mitte 20, mit den Discounter-Schöpfern.

„Gerry Star“ lebt von seinem teils unerträglichen Humor, der – wie viele Ulmen-Formate – von Fremdscham lebt und die Grenzen dessen austestet, was dem Publikum zumutbar ist. Die Tragik des Protagonisten ist, dass er die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die größer nicht sein könnte, nicht erkennt, in seiner Traumwelt lebt, in der er der Makker ist, auch wenn die Realität stets das Gegenteil beweist. Die Figur erinnert irgendwie auch an Bernd Stromberg, ebenso ein Megalomane der deutschen Serien-Geschichte.

Bei allen Parallelen ist „Gerry Star“ trotzdem keine Kopie, hat aber mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen. Gerade die erste Folge beginnt recht zaghaft, ab Folge 2 aber wird die Richtung dann klarer. Und auch die (selbstgewählten) Fettnäpfchen, in die Gerry immer wieder tritt, werden groß und größer. So stolpert der vertrottelte Protagonist von einem Missgeschick ins nächste, ohne dass es Aussicht auf Besserung gäbe.

Trotz guter Ansätze kann die Serie aber nie das Niveau von „Die Discounter“ erreichen, vielleicht auch deshalb, weil die Figuren in „Gerry Star“ – allen voran die Hauptfigur – nicht liebenswert sind oder zur Identifikation taugen. Die Discounter, der Vergleich muss man einfach ziehen, erschienen bei all ihren Fu*k-Ups immer noch als Menschen mit dem Herz am rechten Fleck, die man ins Herz schließen konnte, trotz oder gerade wegen ihrer Schwächen. Diesen Gerry Star kann man nicht mögen, denn ihm fehlt jegliche self-awareness. Und jede Lernfähigkeit. Und der Serie damit irgendwie eine Seele.

Fazit

Mockumentary-Fans könnten an „Gerry Star“ Gefallen finden, doch so richtig überzeugen kann die neue Serie des Ulmen-Studios nicht. Sie hat Potential, aber die richtige Formel und den richtigen Ton scheint das junge Autoren-Duo noch nicht gefunden zu haben. Ob sie dafür in einer zweiten Staffel die Chance bekommen, wird sich zeigen.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(61/100)

„Gerry Star“ – seit 9.1.2025 auf Amazon Prime Video, 8 Folgen.

Bild:  © Prime Video Germany / Petro Domenigg