„Die Discounter“ überzeugt durch politisch unkorrekten Humor, der die Grenzen des Erträglichen austestet. Der Supermarkt fungiert dabei als Mikrokosmos. Und als Spiegelbild einer orientierungslosen, spätkapitalistischen Gesellschaft. Die ersten 6 Folgen der 4. Staffel gibt es seit November bei Prime Video, die letzten 4 folgten am 22. Dezember, danach soll (vorerst) Schluss sein.
von Christian Klosz
Immer schlimmer scheitern
Als die Mockumentary-Serie „Die Discounter“ über die fiktive Billig-Supermarktkette „Kolinski“ in Hamburg 2021 bei Amazon Prime Video startete, war sie auf Anhieb ein Erfolg. Nach nur einer Staffel galten Thorsten, Flora, Jonas, Peter und Co. ihren Fans als Kult, es folgten jährlich weitere Staffeln, die durchwegs an das hohe Niveau anknüpfen konnten. „Die Discounter“ war anders, gerade für eine deutsche Produktion, hatte etwas Neues, Frisches, Anarchisches, das man so lange nicht gesehen hatte. Einzigartig und originell wirkte der auf den ersten Blick politisch unkorrekte Humor, liebenswert der zur Fremdscham einladende Charme der Figuren.
Die Serie steht dabei in der Tradition bekannter Mockumentary-Formate wie „The Office“ oder „Stromberg“ und lässt eine Verwandtschaft mit dem typischen Humor ihres Produzenten Christian Ulmen erkennen, der den Witz dort findet, wo es unangenehm wird. Sie ist aber zugleich originär, die Machart ist ungewohnt, eine Mischung aus Skript und ausgedehnter Improvisation. Verantwortlich für all das ist das ultra-junge Autoren/Regie-Trio Oscar und Emil Belton und Bruno Alexander, zum Zeitpunkt des Drehs von Staffel 1 alle gerade einmal 20 Jahre alt. Ihre sprudelnde Kreativität haben sie sich über die Staffeln hinweg erhalten.
„Die Discounter“ ist aber nicht nur auf formaler Ebene interessant, sondern auch inhaltlich: Die Protagonisten sind Abbild einer orientierungslos gewordenen spätkapitalistischen Gesellschaft, der die einende Erzählung vom „Wohlstand für alle, die sich anstrengen“, abhanden gekommen ist. Sie schweißt ihre Perspektivlosigkeit zusammen und sie machen das Beste aus dem, was sie nicht haben. Es sind klassische Anti-Helden, deren Charakterschwächen ausgiebig ausgeweidet werden, das aber nie von oben herab, be- oder verurteilend, sondern mit Sympathie.
Jeder dieser Figuren ist einzigartig umgesetzt, durchwegs Lob gebührt den großartigen Darstellern, die einen großen Teil dazu beitragen, dass die Discounter bei aller Übertreibung so authentisch wirken: Da gibt es den unfähigen, aber eingebildeten Chef (Thorsten), den Macho (Peter), die Streberin (Pina), das Alpha-Weibchen (Flora) und den Trottel (Jonas). Es sind kondensierte Archetypen, die es so oder ähnlich auch in der Wirklichkeit gibt, trotzdem aber Unikate.
In Interviews geben die Macher an, dass es ihnen in erster Linie um Unterhaltung gehe, sie aber „gesellschaftskritische Botschaften“ und ihnen wichtige Themen auf subtile Art und Weise in die Serie eingewoben würden. In Staffel 4 wird Peter in der bemerkenswerten 4. Folge zum Klimakleber – umgesetzt aber auf typische Discounter-Art.
„Die Discounter“ gelingt mit seinem Zugang ein seltenes Kunststück: Über den Umweg eines auf den ersten Blick (politisch) sehr unkorrekten Humors so etwas wie Toleranz und Gleichheit herzustellen. Die Gleichheit aller Figuren ergibt sich auch daraus, dass alle gleichermaßen Scheiße bauen dürfen: Die Typen ebenso wie die Mädels, die Jungen wie die Alten. Für eine deutsche Serie ist das umso außergewöhnlicher, als sich deutscher Humor in der Regel nicht unbedingt durch Subversion oder Komplexität auszeichnet.
Staffel 4: Solides Fan-Service
Staffel 4 von „Die Discounter“ knüpft nun inhaltlich und formal dort an, wo Staffel 3 endete. Die Handlungsstränge wurden weiter reduziert, es sind lediglich Themenkreise oder Settings, die angerissen werden: Titus findet sich in seinem neuen Arbeitsplatz in der innerstädtischen Kolinski-Nobelfiliale (Gaststar: Claudia Obert) eher schlecht als recht zurecht. Thorsten hat einmal Erfolg und will Regionalleiter werden. Flora serviert Peter ab – nach sie ihn betrogen hatte. Jonas wird von einem Mädchen terrorisiert, wird zum Klima-Schwurbler und will Rapper werden. Und Peter entdeckt den Klimaschützer in sich.
Staffel 4 von „Die Discounter“ ist in erster Linie solides Fan-Service. Die Serie bleibt kurzweilig, unterhaltsam und vor allem sich selbst treu, qualitativ kann man aber nicht ganz an die bisherigen Staffeln anknüpfen, bietet aber immer noch genug der bekannten Trademarks der Serie, um Fans zufriedenzustellen. Vielleicht ist eine Pause nach der 4. Staffel gar keine so eine schlechte Idee, die Serie-Schöpfer haben inzwischen ja auch weitere Projekte am Start. Ob eine Aufsplittung der vorerst letzten Staffel in 2 Teile angesichts der recht kurzen Dauer der einzelnen Folgen aber wirklich nötig war, bleibt dahingestellt.
Jedenfalls bieten die letzten Folgen von „Die Discounter“ einen würdigen Abschluss eines unerwarteten, deutschen Serien-Überraschungserfolges, der in kurzer Zeit völlig zurecht eine riesige Fangemeinde um sich geschart hat. Thorstens „Hausparty“ versammelt noch einmal die ganze Gang, da ist wohl auch beim Dreh einiges an Alkohol geflossen. Die 3 kreativen Köpfe dahinter – Oscar und Emil Belton und Bruno Alexander – werden weitermachen, jung genug sind sie, und mit weiteren Formaten überraschen. Man darf gespannt sein, auch wenn die Discounter vorerst ihren Laden schließen.
Bewertung
(73/100) – ganze Staffel
Bild: (c) Amazon Prime Video
