Clint Eastwood ist inzwischen 94 Jahre alt. Wo andere längst in Rente sind, oder an einem ganz anderem Ort, dreht die Hollywood-Ikone immer noch Filme. Auch in seinem neuesten und wohl wirklich letzten Film, dem Justiz-Drama „Juror #2“, zeigt Eastwood keine Anzeichen von Altersmüdigkeit und sein Talent als moralischer Geschichtenerzähler. Ab 16.1.2025 in den deutschen Kinos.
von Christian Klosz
„Juror #2“: Schuld und keine Sühne?
Clint Eastwood hat über die Jahre auch einen Ruf als „moralisches Gewissen Amerikas“ erlangt, vor allem durch seine Regie-Arbeiten: Gerade in den letzten gut 20 Jahren be- und verarbeitete er immer wieder filmisch aktuelle gesellschaftliche Fragen auf seine unvergleichliche Art. Seien es nun Sterbehilfe in „Million Dollar Baby“, Rassismus, Migration und Gang-Kriminalität in „Gran Torino“, Geheimdienstarbeit und geheime Homosexualität in „J. Edgar“, die Schattenseiten des Krieges in „American Sniper“ oder übertriebenen Machismo in seinem letzten Film „Cry Macho“.
Mit diesen Arbeiten unterlief Eastwood auch immer wieder seine gängige Einordnung als „Konservativer“, packten sie doch allesamt „liberale Themen“ an oder forderten konservative Lesarten heraus. Wenig überraschend vernahm man in den letzten Jahren, nach der „Trumpisierung“ der Republikaner, auch keine unterstützenden Worte mehr für die Partei, vielmehr brach er 2020 offen mit ihr: Bei der damaligen Wahl unterstützte Eastwood offen den Demokraten Michael Bloomberg.
„Juror #2“ kann man daher irgendwie auch als indirekte Anklage an Donald Trump verstehen, und/oder als allgemeine Reflexion über den Wert von Wahrheit und Gerechtigkeit. Denn im Zentrum steht ein Protagonist, der sein eigenes Schicksal über das anderer stellt, selbst wenn er diesen damit schadet. Doch irgendwann klopft die Gerechtigkeit an die Tür, und das ist hier nicht nur sprichwörtlich gemeint, sondern wortwörtlich.
Junger Familienvater in der moralischen Zwickmühle
Alles beginnt damit, dass der Reporter Justin Kemp (Nicholas Hoult) zum Geschworenen in einem Mordprozess berufen wird. Soweit, so unspektakulär, immerhin ist diese Praxis zentraler Bestandteil amerikanischer Rechtsprechung, jedem Bürger kann das Privileg (oder die Bürde) zuteil werden, über das Schicksal anderer, einer Straftat beschuldigter Mitbürger zu entscheiden.
Kemp ist über die Berufung wenig begeistert, da seine Frau schwanger ist und es jeden Moment soweit sein könnte, er versucht daher, dem Prozess zu entgehen. Doch die Richterin sieht darin keinen ausreichenden Grund, ihn zu entschuldigen – und so landet Kemp unter den 12 Geschworenen, die über Schuld und Unschuld des Angeklagten James Sythe entscheiden sollen, der seine Freundin nach einem Streit in einer Bar ermordet haben soll.
Als der Fall schließlich im Gericht ausgebreitet wird, durch Sythes Anwalt und durch die Staatsanwältin Faith Killebrew (Toni Collette), dreht sich Justin Kemp der Magen um: Zu demselben Zeitpunkt, als der Mord passiert sein soll, an dem selben Ort hatte er einen Unfall mit seinem Auto, bei dem er ein Wildtier erwischt hatte. Dachte er zumindest. Nun kommen ihm Zweifel, ob es nicht die nun tote Freundin des Angeklagten gewesen sein könnte, die nächtens und betrunken alleine auf der Straße nach Hause spaziert war.
Gepeinigt von Zweifeln, was er nun machen soll, befragt Kemp seinen Mentor Larry (Kiefer Sutherland) bei den Anonymen Alkoholikern. Der rät ihm, keinesfalls seine Version der Geschichte preiszugeben, da ihn das selbst hinter Gitter bringen könnte. Denn vor dem Unfall war Kemp in der selben Bar gewesen wie Sythe, hatte einen Drink bestellt, ihn aber dann doch stehen lassen, da er seine Abstinenz nicht gefährden wollte.
Das würde ihm aber kein Mensch vor Gericht glauben, meint Larry. Und so schweigt Kemp. In den Beratungen der Geschworenen nach der Verhandlung versucht er, die anderen so zu manipulieren, dass sie den Angeklagten freisprechen – ohne sich dabei selbst zu verraten. Inzwischen kommen aber auch der Staatsanwältin Zweifel an der Schuld von Sythe…
Was ist Gerechtigkeit?
„Juror #2“ ist eine klassische Geschichte um Schuld und Sühne, Verantwortung und Gerechtigkeit, besticht aber dadurch, dass er die Graubereiche dieser Aspekte auslotet. Denn dass der Protagonist „schuldig“ sein könnte, weiß er selbst erst gar nicht. Und auch als ihm klar wird, dass er in den Fall verwickelt sein könnte, hat er keine Belege dafür. Es reicht aber aus, sein Leben auf den Kopf zu stellen.
Seine Erwägungen, doch nichts zu sagen, geschehen nicht aus purem Egoismus, sondern auch um seine Familie zu schützen. Seine hochschwangere Frau braucht ihn, er will sie nicht im Stich lassen. In die Entscheidung bindet er sie allerdings nicht ein, er erzählt ihr nicht die Wahrheit oder lässt sie an seinen Zweifeln teilhaben. „Juror #2“ illustriert so, dass die Sache mit der Schuld oft eine komplexe Angelegenheit ist. Dass es nicht immer klare, einfache Antworten gibt. Die Stärke des Films liegt in seinen Zwischentönen, in dem, was nicht gesagt wird, im stillen Kampf des Protagonisten, das Richtige zu tun. Und der Erkenntnis, dass das, was im ersten Moment richtig erscheint es nicht immer ist.
Doch Eastwood wäre nicht Eastwood, wenn er dem Publikum keine klare, moralische Message mit auf den Weg geben würde: Die kommt zwar erst ganz am (enorm starken) Ende, dafür aber mit Nachdruck.
Fazit
Mit dem ganz und gar unprätentiösen Einstehen für Gerechtigkeit und der Erkenntnis, dass sich jeder seiner Schuld und der Wahrheit irgendwann stellen muss verabschiedet sich einer der größten und bedeutendsten Filmemacher und Filmstars aller Zeiten von der Regie-Bühne und hinterlässt mit „Juror #2“ ein würdiges Abschiedswerk, das die Quintessenz seines Schaffens ein letztes Mal zusammenfasst.
Bewertung
(79/100)
Bild: (c) Warner Bros.
