Jesse Eisenberg verknüpft in seiner beeindruckenden 2. Regiearbeit die Frage nach dem richtigen Gedenken an die Vorfahren mit einer Charakterstudie, die erzählerische Leichtfüßigkeit mit psychologischer Tiefgründigkeit verbindet. „A Real Pain“ startet heute in unsere Kinos.

von Christian Klosz

„A Real Pain“: 2 ungleiche Cousins auf Spurensuche

David Kaplan (Jesse Eisenberg) ist Nachfahre einer jüdischen Polin, seiner Großmutter, die zur NS-Zeit aus ihrer Heimat in die USA geflohen war. Vor kurzem ist sie verstorben, David und dessen Cousin Benji (Kieran Culkin) hinterließ sie den Auftrag, nach Polen zu reisen und eine Touristen-Tour zu begehen, die sie mit dem jüdischen Schicksal vor Ort und dem Holocaust vertraut machen soll, den sie aus nächster Nähe miterleben musste. Um ihr Andenken zu ehren, machen sich die beiden auf Richtung Europa, für David und Benji ist es die Konfrontation mit einer Zeit und Realität, mit der sie in ihrem Alltag so gut wie nichts mehr zu tun haben.

Während David unsicher, emotional kontrolliert und zwanghaft ist, ist Benji ist das genaue Gegenteil. Ein Drifter ohne festen Job, charmant, aber auch kompromisslos ehrlich, emotional, eine für seine Mitmenschen faszinierende Persönlichkeit, die aber selbst mit Dämonen zu kämpfen hat: Vor 6 Monaten überlebte er eine Überdosis Schlaftabletten nur knapp. David macht sich deshalb große Sorgen um seinen Cousin, auf dem Trip will er Benji, von er sich in den letzten Jahren immer mehr entfremdet hatte, daher auch wieder näher kommen. Die Reise nach Polen wird so für die beiden Cousins nicht nur zur Spurensuche in der familiären Vergangenheit, sondern auch zur Konfrontation mit der eigenen Gegenwart.

Leichtfüßiges Road-Movie zwischen Tragik und Komik

Jesse Eisenberg inszeniert „A real pain“, seine erst zweite Regiearbeit, als Road-Movie zwischen Tragik und Komik, das ganz im Gegensatz zu der „Leichtigkeit“, mit der es daherkommt, äußerst bedeutungsschwer ist. Das liegt nicht nur am ernsten Hintergrund, sondern auch an der Intimität, mit der die Beziehung zwischen den ungleichen Cousins geschildert wird. Ideal unterstützt wird die Erzählung durch den Soundtrack, der sich fast ausschließlich aus Stücken von Frederic Chopin zusammensetzt, die geradezu perfekt platziert und eingesetzt werden.

Das Drehbuch, ebenso von Eisenberg geschrieben, entwirft auf geradezu nonchalante Weise ein tiefgründiges Porträt zweier völlig konträrer Charaktere: Während David einen soliden Job hat, eine Frau, einen jungen Sohn, lebt Benji im Keller seiner Mutter, wie er erzählt, hat keine feste Anstellung, driftet ziellos durchs Leben. Und trotzdem beneidet ihn David um dessen augenscheinliche „Don’t give a f*ck“-Einstellung, mit der er durchs Leben zu gehen scheint.

Das Highlight von „A Real Pain“ ist dann auch die Figur Benji. Und ihr Darsteller Kieran Culkin, der für seine Leistung kürzlich völlig zurecht mit dem Golden Globe als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde (der Film selbst war als Beste Komödie nominiert, Jesse Eisenberg für das Beste Drehbuch und als Bester Hauptdarsteller). Er spielt seine Figur überragend, diesen attraktiven wie tragischen Charakter, der zwischen selbstbewusster Extrovertiertheit und Manie auf der einen und Zerbrechlichkeit, Depression und Schmerz auf der anderen Seite schwankt.

Dieser schwer greifbare Schmerz – und seine möglichen Ursachen – werden bis zum Schluss des Films nicht ge- und erklärt. Der einzige, kleine Schwachpunkt von „A Real Pain“ ist dann auch das recht abrupte Ende. Oft funktioniert ein offenes Ende, doch hier nicht: Denn das Drehbuch arbeitet auf einen Klimax hin, auf eine Erklärung – und verweigert das dem Publikum aber schlussendlich. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau.

Fazit

Jesse Eigenberg etabliert sich mit seiner erst zweiten Regiearbeit „A Real Pain“ als Autorenfilmer, mit dem auch in Zukunft zu rechnen sein wird. In seinem tragisch-komischen Roadmovie gelingt es ihm auf bemerkenswerte Weise, erzählerischen Leichtfüßigkeit mit inhaltlicher Schwere zu verbinden. Und Kieran Culkin liefert die Leistung seiner Karriere ab.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(89/100)

Bild: (c) Disney / Searchlight Pictures