Der österreichische Filmjournalismus steht vor einem Skandal: Am Wochenende erschien im Kurier ein Interview mit Clint Eastwood zu dessen 95. Geburtstag. Viele Medien weltweit – auch Film plus Kritik – griffen die Aussagen auf und berichteten darüber, sie verbreiteten sich selbst in großen US-Publikationen in Windeseile. Das Problem: Das Gespräch mit dem Kurier fand offenbar nie statt – Clint Eastwood selbst ließ vor wenigen Stunden via Deadline dementieren, dieses Interview je gegeben zu haben. Es sei „frei erfunden“.
Eastwood: „Interview mit dem Kurier frei erfunden“
Clint Eastwood gibt selten Interview. Immerhin ist der Mann gerade 95 geworden und hat es nicht mehr nötig, PR für sich oder seine Filme zu betreiben. Umso bemerkenswerter war, dass er ausgerechnet dem Kurier, einem österreichischen Medium aus dem Mittelsegment, ein Interview gegeben haben soll.
Dass das nicht gänzlich unrealistisch erschien, dafür sorgte der Name der (vermeintlichen) Interviewerin: Elisabeth Sereda. Die Journalistin war jahrelang ORF-Korrespondentin in Hollywood und war auch Mitglied der Hollywood Foreign Press Association, die bis 2023 die Golden Globes verlieh. Sie soll laut aktuellen Infos weiterhin Mitglied der neu gegründeten Organisation sein, die die Globes nach einer internen Reform verleiht. Sereda pflegte gute Kontakte zur Elite Hollywoods und hatte in der Vergangenheit Interviews mit zahlreichen Größen der Branche geführt. 2020 erschien im Kurier ein anderes Interview mit Eastwood zu seinem 90er.
-> Wer ist die „Eastwood-Interviewerin“ Elisabeth Sereda?
Vor wenigen Stunden (am 2.6.2025 nach US-Zeit) tauchten allerdings amerikanische und britische Medienberichte auf, in denen Clint Eastwood selbst dementierte, dieses Interview mit dem Kurier je gegeben zu haben:. Das Branchenmagazin Deadline publizierte folgendes Statement von Eastwood:
“A couple of items about me have recently shown up in the news. I thought I would set the record straight. I can confirm I’ve turned 95. I can also confirm that I never gave an interview to an Austrian publication called Kurier, or any other writer in recent weeks, and that the interview is entirely phony.“
Übersetzt auf Deutsch:
„Ein paar Dinge über mich sind kürzlich in den Nachrichten aufgetaucht. Ich dachte, ich würde die Fakten klarstellen. Ich kann bestätigen, dass ich 95 Jahre alt geworden bin. Ich kann auch bestätigen, dass ich kein Interview mit einer österreichischen Publikation namens Kurier oder mit eeinem anderen Journalist in den letzten Wochen gegeben habe, und dass das Interview gänzlich erfunden ist.“
Was hat Clint Eastwood in dem angeblichen Kurier-Interview gesagt?
Dass das angebliche High Profile-Interview für solches Aufsehen sorgte, kam nicht von ungefähr: Clickbait-gerecht kritisierte Eastwood in dem erfundenen Kurier-Text die aktuelle Filmindustrie scharf. Er bemängelte die Dominanz von Remakes, sehnte sich nach den „guten alten Zeiten“, als Drehbuchautoren originelle Werke wie „Casablanca“ (Analyse zum Filmklassiker „Casablanca“) schufen, und fordert Filmemacher auf: „Macht was Neues oder bleibt zu Hause!“
Er bestätigte dort außerdem, dass er in der Vorproduktion eines neuen Films steckt, obwohl „Juror #2“ (2024) eigentlich als sein letzter galt. Eastwood betonte in dem Fake-Interview auch seine gute körperliche Verfassung und seinen Willen, weiterzuarbeiten, solange er „lernen kann“.

Eastwood-Interview im Kurier: Ein Skandal, der Fragen aufwirft
Trotz der Berichte ist das Interview beim Kurier immer noch online (siehe Screenshot). Laut Standard-Bericht prüfte die Kurier-Führung derzeit den Fall, man versuchte die Korrespondentin zu erreichen. Diverse internationale Medien, neben Deadline etwa auch die britischen The Guardian und The Independent, hatten laut ihren Artikeln beim Kurier um eine Stellungnahme gebeten. Am Abend dann der Knall: Der Kurier veröffentlichte ein Statement, dass man mit Sereda gesprochen hatte. Sie hätte zugegeben, dass dieses Interview so nie stattgefunden habe und es sich um ein „Best of“ alter Eastwood-Interviews gehandelt hätte. Das wurde in dem Artikel aber in keiner Weise so gekennzeichnet. Als Konsequenz würde man die Zusammenarbeit mit Sereda mit sofortiger Wirkung beenden.
Ob diese „Erklärung“ aber überhaupt den Tatsachen entspricht, bleibt fraglich: In dem Interview ist unter anderem die Rede davon, dass Eastwood an einem neuen Film arbeite. Bisher ist dazu aber rein gar nichts bekannt. Die Info ist also frei erfunden.
Der deutschsprachige Film- und Medienblog The Spot hatte zuvor auch die Frage in den Raum gestellt, ob das angebliche Eastwood-Interview womöglich schlicht und ergreifend mit der KI erstellt worden war: Dort ist nämlich die Rede davon, dass der neue Film „Juror #2“ „Ende des Jahres“ erscheinen würde. „Juror #2“ erschien aber in den US-Kinos bereits 2024, in Deutschland im Jänner 2025 im Kino, und in Österreich erst vor kurzem im Heimkino.
-> Deadline-Artikel zum Eastwood-Interview
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Stand: 4.6.2025, 8:54
Textbild: Screenshot Kurier.at
Titelbild: (c) Raffi Asdourian – Flickr / Wiki Commons (2010)
