In „Babygirl“ spielt Nicole Kidman („Eyes Wide Shut“) eine sexuell frustrierte Powerfrau, die sich einem jungen Angestellten (Harris Dickinson) hingibt. Der Erotik-Thriller feierte seine Premiere 2024 in Venedig und kam Anfang 2025 in unsere Kinos, ab 1.12.2025 startet „Babygirl“ auf Netflix neu durch. Das Problem bleibt: Er hinterlässt eher einen faden Nachgeschmack.
Rezension von Christian Klosz
In den 1980ern und 1990ern hatten „Erotik-Thriller“ Hochkonjunktur, die nicht selten von Männern in Machtpositionen handelten, die sich auf Affären mit verführerischen Frauen einließen. „Eine verhängnisvolle Affäre“ mit Michael Douglas und Glenn Close (1987) war das Paradebeispiel, „Ein unmoralisches Angebot“ mit Robert Redford, Demi Moore und Woody Harrelson (1993) erweiterte das Setting auf eine Dreiecksbeziehung, „9 1/2 Wochen“ mit Mickey Rourke und Kim Basinger (1986) gilt auch längst als Klassiker und „Basic Instinct“ mit Michael Douglas und Sharon Stone (1992) war eine moderne Variation der Femme Fatale-Erzählung.
„Babygirl“: Post-metoo-Erotik-Thriller mit umgekehrten Vorzeichen
In den letzten paar Jahren – insbesondere seit #MeToo – erschienen vermehrt Filme unter umgekehrten Vorzeichen, meist von Regisseurinnen, die das Genre feministisch umdeuteten. Vor diesem Hintergrund muss man auch „Babygirl“ betrachten.
Der handelt von Romy Mathis (Nicole Kidman bekam für ihre Darstellung den Goldenen Löwen in Venedig), die Gründerin und CEO eines erfolgreichen Robotikunternehmens in New York ist. Sie hat alles: Macht, Geld, Einfluss und obendrein eine nach außen hin perfekte Familie, 2 Kinder und einen Mann (Antonio Banderas), der sie liebt und in allem unterstützt. Sie gilt als feministisches Vorbild, als eine Frau, die es „ganz nach oben“ geschafft hat und andere inspiriert. Alles wunderbar, könnte man meinen.
Doch was Romy nicht hat: Sexuelle Erfüllung. Sie habe nie einen Orgasmus mit ihrem Mann gehabt, sagt sie, nach fast 20 Jahren Ehe, der Beischlaf endet nicht selten mit Masturbation zu Pornos auf ihrem Laptop. Daher ist Romy mehr als anfällig für die verqueren Avancen des neuen Praktikanten Samuel (Harris Dickinson), der so gar keinen Respekt vor der Machtposition Romys zu haben scheint.
Erst sind es kleine Gesten, beiläufig fallen gelassene Bemerkungen seitens des Praktikanten, die Romys Interesse wecken. Sie flüchtet sich in Fantasien, masturbiert mit seiner Krawatte, die er in der Firma bei einer Feier vergessen hat. Bei einem Meeting der beiden kommt es zum ersten Kuss, der der Beginn einer Affäre ist, in der Samuel den dominanten Part einnimmt und Romy den submissiven – eine Umkehrung der tatsächlichen Machtverhältnisse zwischen den beiden.
Romys Aufwand, die Affäre geheim zu halten, vor ihren Mitarbeitern, dem Konzern und vor allem vor ihrer Familie, wird immer größer. Sie ist hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht nach sexueller Erfüllung und Treue zu ihren Liebsten. Doch aus einem einmaligen „Ausrutscher“ werden regelmäßige und immer exzessivere Treffen mit Samuel, meist in Hotels, mitten in der Nacht. Als Romy dem wilden Treiben schließlich ein Ende setzen will, droht sie alles zu verlieren.

Keine feministische Emanzipationsgeschichte
Weil zuvor von #MeToo-Filmen die Rede war, die Erotik-Thriller in feministische Emanzipationsgeschichten umdeuteten: Genau das ist „Babygirl“ nicht. Er nimmt zwar eine „weibliche Perspektive“ ein, die der Protagonistin, erzählt aber keine Geschichte von männlicher Macht und Unterdrückung, sondern eine von weiblicher Verzweiflung, von unerfüllten und dunklen Sehnsüchten. Romy ist selbst diejenige in einer Machtposition, sie ist die Ältere, Samuel viel jünger.
Auch die metoo-Logik erfährt in „Babygirl“ eine Umdeutung: Hier ist es der Mann, Samuel, der droht, dass sie „alles verlieren könne“, wenn er dem Konzern von der Affäre erzählt. Was Romy seltsamerweise auch noch erregt. Die Themen „Macht“ und „Unter-/Überordnung“ spielen in der sexuellen Affäre eine zentrale Rolle.
Es ist aber eben genau nicht so, dass Romy ihre Macht vorsätzlich einsetzt, um den jungen Praktikanten „rumzukriegen“. Vielmehr geht das Ganze von ihm aus, man könnte sagen: Er verführt sie (auch dieses Motiv kennt man, allerdings meist unter umgekehrten Vorzeichen). Er ist der Homme Fatale, auf denn Spiel sich Romy aufgrund ihrer (sexuellen) Frustration einlässt.
Homme Fatale und Female Gaze: Sexuelle Erregung durch Zerstörung
Dass sie in der Beziehung die Submissive ist, die kontrollierte Machtfrau, die in ihrem beruflichen und privaten Leben stets alle Zügel in der Hand hat, kann man auch als interessanten Take über die Unfähigkeit von Menschen in Machtpositionen, Kontrolle abzugeben, egal ob Mann oder Frau – und eine Sehnsucht genau danach.

Nun macht „Babygirl“ all das recht gut. Aber wird dabei mit Fortlauf der Geschichte immer schwammiger, repetitiver und auch langweiliger. Regisseurin Halina Reijn setzt hauptsächlich auf Provokation als Stilmittel. Aber diese Provokation ist nicht Mittel zum Zweck der Subversion, sondern Selbstzweck. Und so wirkt „Babygirl“ mit seinen fast 2 Stunden Laufzeit irgendwie „hohl“ und gerade am Ende vorhersehbar. Man möchte die „Auflösung“ nicht zwingend „konservativ“ nennen, aber schon etwas bieder.
In Anknüpfung an die Diskussion über den unterstellten „male gaze“, den männlichen Blick auf Sexualität, könnte man von einem „female gaze“ sprechen, einem masochistischen Sex-Fiebertraum aus weiblicher Perspektive. Das ist auch völlig in Ordnung. Aber in seiner Selbstzufriedenheit und -genügsamkeit doch ziemlich ermüdend.
Fazit
„Babygirl“ hat fraglos seine Momente und fügt der Diskussion um Geschlechterrollen und Macht(missbrauch) interessante Aspekte hinzu. Doch Provokation als gestalterischer Selbstzweck, gepaart mit einem inhaltlich dünnen Drehbuch und recht unsympathischen Hauptfiguren, ist zu wenig für einen ambitionierten 2-Stunden-Film.
Bewertung
(46/100)
„Babygirl“ war im Jänner 2025 in den Kinos zu sehen. Seit 1.12. läuft er nun auf Netflix.
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Bilder: (c) Constantin Film Verleih
