Hollywood liebt sich selbst. Diese Erkenntnis ist weder neu noch besonders tiefgründig, doch Noah Baumbachs neuester Film „Jay Kelly“ zelebriert diese Selbstliebe mit einer solchen Inbrunst, dass einem fast schwindelig wird. Jetzt auf Netflix.
Rezension von Pascal Ehrlich
„Jay Kelly“ reiht sich ein in eine lange Tradition selbstreferentieller Werke, die das Kino als Medium der Erinnerung und Selbstvergewisserung inszenieren. Man denke hier an Fellinis „8 ½“; doch wo Fellini in seinen Filmen die existenzielle Krise des Künstlers in eine rauschhafte, surreale Bildsprache übersetzte, bleibt Baumbach merkwürdig zahm, beinahe lethargisch in seiner Nostalgie für die vermeintlich guten alten Zeiten einer Traumfabrik, die längst zum Museum ihrer selbst geworden ist.
„Jay Kelly“ präsentiert langweilige Selbstkritik
George Clooney, der die Titelrolle spielt und sich dabei mehr oder weniger selbst verkörpert, wandelt als alternder Filmstar über die Leinwand. Jay Kelly hadert mit seinem Leben, mit seinen verpassten Chancen, mit dem schwierigen Verhältnis zu seinen Töchtern. Seine jüngere Tochter ist kurz davor aufs College zu gehen und reist mit ihren Freunden per Zug quer durch Europa. Jay Kelly, der mit diesem bevorstehenden Abschied nicht umgehen kann, beschließt ihr heimlich zu folgen, unter dem Vorwand, ein Filmfestival in der Toskana zu besuchen, welches ihm mit einem Ehrenpreis für sein Lebenswerk auszeichnen wird.
Der Film möchte uns glauben machen, dass wir alle ein wenig wie Jay Kelly sind – es menschelt! Wir sind doch alle nur Menschen. Doch ist das wahr? Manche Menschen sind halt doch gleicher, nämlich jene, die im Privatjet fliegen und keine Ahnung davon haben, wie es ist, in einem überfüllten Zugabteil zu reisen. Die langweilige Selbstkritik privilegierter Menschen an einem verfehlten Leben, das dennoch in unvorstellbarem Luxus gelebt wurde, vermag heute kaum noch Mitleid zu erwecken. Es entsteht vielmehr ein gewisser Zorn auf diese ganze Industrie.
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Im Vergleich zu Sofia Coppolas Filmen der frühen 2000er Jahre wie .B. „Lost in Translation“ oder „Marie Antoinette“, denen es gelang, die Melancholie und das Ennui der Privilegierten nahbar, ja beinahe universell darzustellen, weckt „Jay Kelly“ lediglich Desinteresse und Zweifel. Coppola verstand es, durch ihre entrückten ProtagonistInnen hindurch etwas Allgemeingültiges über Einsamkeit und Entfremdung zu erzählen. Baumbach hingegen verfängt sich in der Spezifik einer Welt, zu der das Publikum keinen Zugang findet und auch nicht finden will. Wer hat heutzutage noch Mitleid mit Jay Kelly?

Wer hat noch Mitleid mit Jay Kelly?
Baumbach schon immer einen Hang zum Sentimentalen („The Meyerowitz Stories“, „Marriage Story“) etwas, das man ihm nicht vorwerfen sollte. Doch zuletzt scheint er alle Ecken und Kanten verloren zu haben. „Jay Kelly“ ist kein Kitchen-Sink-Drama, sondern eine Champagner-Dramedy, in der die Konflikte so weichgespült daherkommen wie die perfekten Interieurs der Sets. George Clooney, sicherlich einer der letzten „Old Hollywood Stars“ à la Cary Grant oder James Stewart, schafft es nicht, trotz seines nicht abzustreitenden Charmes, sein toxisches Verhalten seinen Töchtern gegenüber zu überspielen – weder innerhalb der Diegese noch als performative Geste. Sein Charisma, das einst ganze Filme tragen konnte, wirkt hier abgenutzte und hohl.
Die Entourage aus Laura Dern und Adam Sandler, die langjährige WegbegleiterInnen spielen, unterstreicht nur die Isolation dieser Welt. Sie bauen freundschaftliche Beziehungen auf und nehmen gleichzeitig fünfzehn Prozent als Bezahlung, um sich dann alles von den Stars gefallen lassen zu müssen. Es ist ein Mikrokosmos gegenseitiger Abhängigkeiten, der weder entlarvt noch ironisch gebrochen wird, sondern einfach als gegeben hingenommen wird.
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Selbst die Rückblenden, in denen Jay Kelly in die Sets seiner alten Filme auftaucht – eine Technik, die an Fellinis traumartige Sequenzen erinnern soll –, sind klischeehaft und denkfaul inszeniert. Die zentrale Aussage des Films, dass all seine Erinnerungen Filme seien, ist eine Beobachtung, die auf viele von uns zutrifft. Unsere Erinnerungen sind geprägt durch ein kollektives Bewusstsein, welches durch Filme und Serien angereichert ist. Doch in „Jay Kelly“ verkommt diese potentiell interessante Reflexion zu einem bloßen Kalenderspruch. Was u.a. bei Fellini existenzielle Tiefe besaß, wird hier zur beliebigen Sentimentalität degradiert.

Ästhetisch hat „Jay Kelly“ auch wenig zu bieten. Die Bilder sind kompetent, aber uninspiriert; die Inszenierung funktional, aber ohne Eigenheit. Es ist ein Film, der storytechnisch in Zeiten wie diesen – in denen sich die Filmindustrie mit ernsthaften Fragen nach ihrer Zukunft, ihrer Relevanz und ihrer Verantwortung konfrontiert sieht – geradezu als nostalgisch ahnungslos oder noch schlimmer hilflos erscheint. Statt sich diesen Fragen zu stellen, flüchtet sich Baumbach in eine wohlige Nostalgie, die niemandem wehtut und niemanden bewegt, außer vielleicht alternde Stars, die ihr Leben gerne noch einmal leben würden.
Fazit
„Jay Kelly“ ist letztlich ein Film, der sich selbst für bedeutsamer hält, als er ist – ein Spiegel, in dem Hollywood sein eigenes Spiegelbild bewundert, ohne zu bemerken, wie sehr dieses Bild bereits verblasst ist.
Bewertung
(40/100)
„Jay Kelly“: Seit 5.12.2025 auf Netflix.
Bilder: © 2025 Netflix, Inc.
