Architektur, Geschichte und Gesellschaft – Regisseur und Drehbuchautor Brady Corbet nimmt den ‚Amerikanischen Traum‘ in seinem neuen Film genau unter die Lupe. Mit Adrien Brody als Mittelpunkt einer bewegenden Migrationsgeschichte versucht „The Brutalist“ die Frage zu beantworten, ob die USA tatsächlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind – oder nur gerne so tun. Ein packendes Epos über Durchhaltevermögen, künstlerisches Genie und die menschliche Würde.

Von Natascha Jurácsik

László Tóth (Adrien Brody) hofft in der USA nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf einen Neuanfang und arbeitet dort zunächst im Möbelgeschäft seines Cousins. Als sie die Bibliothek des wohlhabenden Geschäftsmannes Harrison Lee Van Buren (Guy Pearce) renovieren, ist dieser im ersten Moment von der modernen Einrichtung entgeistert, ändert seine Meinung allerdings, nachdem er herausfindet, dass László in seiner Heimat Ungarn vor dem Krieg ein gefeierter Architekt war. Kurzerhand heuert er das verkannte Genie an, um ein massives Projekt umzusetzen und hilft ihm dabei, seine Frau und Nichte nach Amerika zu holen. Doch der Schein trügt und schon bald wird László bewusst, dass die Wohltätigkeit seines Gönners einen hohen Preis verlangt.

„The Brutalist“ : Architektur als persönliche und historische Chronik

Die Geschichte, die Corbet in „The Brutalist“ erzählt, handelt zwar von einem einzelnen Mann und seiner Familie, steht in Wahrheit allerdings für so viel mehr als das. Mit einem modernen Epos von über 3,5 Stunden präsentiert er hier allegorisch eine komplexe Immigrationserfahrung, die im Wesentlichen auf viele zutrifft, die in Amerika Zuflucht und neue Hoffnung suchten. Corbet nimmt seine Figuren regelrecht auseinander und richtet den Blick auf ihre inneren Welten, bis die Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit vor den Augen des Publikums verschwimmt. Intime Szenen abseits von Konzepten wie ‚Plot-Relevanz‘ wirken wie psychoanalytische Sitzungen, die teils sogar unangenehm sind – doch gerade diese Momente sind alles andere als überflüssig und machen die Charaktere zu greifbaren, lebhaften Menschen, deren Leid der Zuschauer teilt. Corbet beweist, dass man die Regeln eines ‚gelungenen Drehbuchs‘ auf eine Art und Weise brechen kann, die aus einem guten Film einen brillanten macht.

Mit an diesem Erfolg beteiligt sind selbstverständlich auch die Darsteller. Dass Brody in dieser Rolle glänzt, ist nicht weiter verwunderlich, da er laut eigener Aussage viel Erfahrung aus seiner früheren Verkörperung von Wladyslaw Szpilman in „Der Pianist“ schöpfen konnte – allerdings kann man ihm keineswegs vorwerfen, dass László eine billige Kopie sei. Brody stellt wieder einmal unter Beweis, dass er durch vorsichtig herausgearbeitete Details und Feinheiten eine unfassbare Ausdrucksstärke an den Tag legt, die in Nuance kaum zu übertreffen ist. Sein Kollege Guy Pearce hält dem gelungen entgegen und zeigt sich als hervorragender Partner für Brody: Jede Interaktion ihrer Figuren ist von einer kaum merklichen Spannung durchzogen, bis man bei jedem Wort an ihren Lippen hängt. Doch auch Felicity Jones liefert als Lászlós Ehefrau eine starke Leistung und fügt sich perfekt in die Konstellation mit den beiden so unterschiedlichen Männern ein.

Visuell scheint sich Corbet an seinem Protagonisten zu orientieren: Durch malerische Aufnahmen und präzise angewandte Kameraführung lenkt er den Blick des Zuschauers genau dahin, wo er ihn haben will, wie ein echter Architekt, und steuert dadurch bewusst Ton und Atmosphäre. Ob klaustrophobische Nahaufnahmen, eingeengte Detailshots oder opulente Großansichten, die optisch aufatmen lassen – Corbet ist ein Meister der ästhetischen Inszenierung und auch wenn sich das Tempo der Handlung an manchen Stellen etwas schleppend anfühlt, kompensiert er das mit zahlreichen Einstellungen, die bei einer Fotografie-Ausstellung höchsten Kalibers gezeigt werden könnten.

brutalist

Das Ganze wird unterstrichen von einer originellen musikalischen Begleitung, die dem Komponisten Daniel Blumberg zu verdanken ist. Ebenfalls inspiriert von Architektur, fragt er sich: Wie klingt Brutalismus? Seine Antwort ist ein atmosphärisches Klangspiel, das von melancholisch gefühlvoll bis hin zu kraftvoll raumeinnehmend reicht und sich beinah problemlos zwischen Hintergrund und Mittelpunkt hin und her bewegt. Die perfekte Abrundung einer komplexen Geschichte.

Fazit

Drehbuch, Kamera, Musik – alles ist harmonisch aufeinander abgestimmt und inspiriert von der übergreifenden Thematik der architektonischen Kunst, die hiermit eine größere gesellschaftliche Bedeutung bekommt, ganz nach dem Motto: Architektur als historische und persönliche Chronik. Corbet zementiert sich mit „The Brutalist“ als Meister seines Handwerks, indem er das Publikum auf allen filmischen Ebenen anspricht und ganz nebenbei breitere politische und soziale Mythen ins Kreuzverhör nimmt – eine starke Leistung, auch wenn er einigen Kinobesuchern eventuell zu langgezogen (der Film dauert über 3,5 Stunden) sein dürfte.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(94/100)

„Der Brutalist“ ist ab 30.1.2025 im Kino zu sehen.

Update: „Der Brutalist“ ging bei unserer Wahl zum Besten Film des Jahres 2025 als Sieger hervor.

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Bilder: (c) Universal Pictures