Ein Lehrer und Videograf einer Kleinstadt wird zum Dokumentaristen russischer Indoktrinierung in der Schule: „Ein Nobody gegen Putin“ porträtiert ein gefährliches wie mutiges Unterfangen eines jungen Mannes, der sich Putin in den Weg stellt. Für den Film gab es 2025 den Oscar als Beste Dokumentation, nun ist er auch bei uns zu sehen: Ab 24.9.2026 in den deutschen Kinos, ab 2.10. in den österreichischen und bereits jetzt als Stream bei ZDF und ARTE.

Kritik von Christian Klosz

Pasha Talankin ist Lehrer in der größten Schule der russischen Kleinstadt Karabash in der Uralgegend. Er selbst war dort in den 00-er Jahren Schüler, ein Ort, der für ihn, der sich immer „anders als alle anderen“ fühlte, ein safe space war, wo er sich entfalten konnte. Als Erwachsener kehrte er dorthin zurück und konnte als „Videograf“ und Organisator außerschulischer Aktivitäten seiner Leidenschaft nachgehen, junge Menschen zusammenzubringen. Für seine Schützlinge richtete er sogar ein kleines Büro ein, das zum beliebten Treffpunkt wurde, sogar ehemalige Schüler schauen dort immer wieder gerne vorbei.

„Ein Nobody gegen Putin“: Aus Unterricht wird Propaganda

Als Putins Regime Anfang 2022 die Ukraine angreift, ändern sich das Klima in der Schule und auch der Lehrplan schlagartig: Plötzlich müssen die Lehrer Propagandaunterricht abhalten, der Putins verzerrte Wahrnehmung der russischen Vergangenheit und Gegenwart in die Köpfe der Kinder und Jugendlichen trichtern soll. Die Begeisterung unter dem Großteil der Lehrerschaft ist anfangs überschaubar, sie würden lieber ihrem eigentlichen Beruf nachgehen, Kindern Wissen zu vermitteln.

Pasha kommt als ohnehin im Umgang mit der Kamera geübter Dokumentarist die „ehrenvolle“ Aufgabe zu, die Einheiten zu filmen. Die Videos muss er dann auf einer offiziellen Regierungsplattform im Internet hochladen, damit das Regime überprüfen kann, ob die SchülerInnen auch die gewünschten Inhalte vermittelt bekommen.

Mit der Zeit werden die abzuhaltenden Propagandaeinheiten immer mehr und immer radikaler, mit eigentlichem Schulunterricht hat das nur noch am Rande etwas zu tun: Morgendliche Fahnenaufmärsche, das gemeinsame Singen von Kriegsliedern und Besuche von Wagner-Söldnern, die den Schülern Handgranaten und Gewehre in die Hand drücken ersetzen den regulären Unterricht – die Kriegsrealität hat voll und ganz von der Schule und von ganz Karabash Besitz ergriffen. Während die einen voller Überzeugung mitmachen und sich selbst als Patrioten feiern, bemerken einige Lehrer auch die negativen Auswirkungen auf die Schüler und ihre Noten, umso mehr, als im Zuge der Generalmobilmachung auch deren Brüder oder Väter an die Front eingezogen werden.

Ein Maulwurf im System

Pasha Talankin beobachtet die Vorgänge zuerst kritisch und distanziert, dann immer besorgter und wütender. Er ist Demokrat, hat eine russische „Widerstandsflagge“ in seinem Büro hängen und erkennt seine geliebte Schule bald nicht mehr wieder. Als er bereits seine Kündigung eingereicht hat, erreicht ihn eine Mail aus dem Ausland: Ein Journalist hat über Umwege von seinen Aktivitäten und seiner uneingeschränkten Möglichkeit, den Umbau des russischen Bildungswesens filmisch festzuhalten, Wind bekommen. Und hat einen Vorschlag an Talankin: Als „Maulwurf“, als Spion soll er weiterhin seinem Job als Videograf nachgehen, die Propagandaaktivitäten festhalten und ihm die Video zukommen lassen, woraus ein Film entstehen soll. Das Ergebnis dieses Experiments ist „Ein Nobody gegen Putin“.

Talankin ist als Kameramann und Erzähler seiner Geschichte Autor dieses ungewöhnlichen, wichtigen und vor allem mutigen Films, mit dem er vielleicht sein Leben, ziemlich sicher aber seine Freiheit riskierte. Wenig überraschend ist daher die Flucht ins ausländische Exil am Ende der geheimen „Dreharbeiten“, die bereits am Anfang von „Ein Nobody gegen Putin“ geteasert wird. Selbst für ein Publikum, das über Putins Umtriebe Bescheid weiß, sind viele der hier dokumentierten Vorkommnisse verstörend bis schockierend, insbesondere Tempo und Ausmaß, mit dem der schulische Alltag im Lichte des Angriffskriegs gegen die Ukraine völlig umgestaltet wird.

ein nobody gegen putin film

Zerstörung der russischen Gesellschaft

Was hier zu sehen ist hat mit Bildung nichts mehr zu tun, es handelt sich um pure und plumpe Propaganda, die seitens der Lehrer entweder aus echter Überzeugung oder aus Zwang durch das Regime unterrichtet wird. Sie lesen vorgegebene, meist suggestive Fragen vor, Schüler die Antworten ebenso, von Spickzetteln, die sie unter ihrem Pult verstecken, alles wird auf Kamera festgehalten. Kiew wird da als russische Stadt bezeichnet, der Krieg als „Spezialoperation“ mit dem Ziel der „Entnazifizierung und Entmilitarisierung“ der Ukraine geframed. Dass manche Lehrer beim Ablesen der regimetreuen Märchen Probleme beim fehlerfreien Aussprechen dieser für sie neuen Begriffe haben illustriert das Ausmaß dieser tragischen Absurdität.

Neben der Dokumentation des Verfalls des russischen Bildungssystems zeigt „Ein Nobody gegen Putin“ aber auch, wie sich der Alltag in Russland in den ersten zwei Kriegsjahren verändert hat. Schien vorher noch ein relativ „normales“ und zumindest teilweise freies Klima geherrscht zu haben, dominieren ab Februar 2022 Sorge und Angst, die von manchen durch blinden Gehorsam und Kriegstollheit kaschiert werden. Ab 2023 ist eine andere, ganz manifest Angst in den Gesichtern vieler abzulesen: Ehemaliger Schüler werden in den Krieg eingezogen, ebenso Brüder und Väter. Manche von ihnen sterben.

Fazit

„Ein Nobody gegen Putin“ ist das Porträt der russischen Kriegswirklichkeit, die viel weniger stolz und heldenhaft ist als es das Regime gerne darstellt. Und das Porträt eines tatsächlichen, eines stillen Helden, der selbst nie Held sein wollte, der aber den Mut hatte, den andere vermissen lassen. Das Ergebnis seines Unterfangens, mit dem er am Ende sein Leben aufs Spiel setzte, ist eine detailreiche, verstörende Innenansicht einer langsam zerfallenden Gesellschaft, die für die Welt, aber am Ende auch für die russische Bevölkerung von unschätzbarem Wert sein wird. Sie entlarvt Putins Lügen, entstellt die Propaganda des Regimes zur Kenntlichkeit und illustriert, wie Kinder und Jugendliche zum Werkzeug einer Diktatur gemacht werden. Sie zeigt aber auch, dass das innere Gefüge der Gesellschaft viel fragiler ist, als es Putin gerne hätte.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(75/100)

Von uns bei der Premiere beim DOK.fest München 2025 gesehen.

Ab 24.9.2026 in den deutschen Kinos, ab 2.10. in den österreichischen. Auch als Stream bei ARTE und beim ZDF verfügbar.

Bilder: W-Film Verleih / Pavel Talankin